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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-01-13 · Heft 2 (13.1.1888) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 2 (13.1.1888)
Date
1888-01-13
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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8. M des Jahres 76, jedes Iahe als einen großen Fasttag, als einen Tag nicht nur des Wehklagens um das Verlorene, sondern der Buße über seine Schuld; der Tag ist scharf eingegraben in das Herz und Gewissen des Volkes, dass ״die schönsten Stücke der gelammten Poesie der Synagoge demselben geweiht sind, blutige Thrä neu eines zerrissenen Herzens, Seufzer — jedoch nicht der Verzweiflung, sondern der Hoffnung empor zu einem eisernen Himmel," uud alle Tage des Jahres liegen an den zerbrochenen und verbrannten Ueberresten der einstigen Tempelmauer zu Jerusalem Cchaaren von israelitischen Pilgern auf ihrem Angesichte in gleicher Wehklage und Buße." ״Ein einstiger Universitätsgärtner pffegte von den Pflanzen zu sagen: ״Lieber zehnmal verdorrt, als einmal verfault!" Es gilt von den Völkern in gleicher Weise. Israel ist ke'n verfaultes Volk, wie so viele in Ueppigkeit und Wollust verkommene Völker; es ist ein verdorrtes*), und das Wort Gottes verbürgt uns in seinem Innern einen Rest des Lebens, daraus unter dem Wehen des göttliches Odems (Cbesek. 37) wieder ein Volk Gottes hervorgehen kann, hervorgehen soll. Israel existirt, es soll exrfliren." ״Israel hat die Reinheit seines Blutes, den Laut seiner Sprache, die Autorität seines Gesetzes, die Treue gegen seine Religion bewährt und ist seit Jahrtausenden und durch alle Länder hin dasselbe geblieben; der Jsraelite vom Rhein, wie von der Weichsel ist der Jsraelite vom Jordan, der Jsraelite unter dem Filzbut derselbe wie unter dem Turban, an der abendländischen tadle d’hote, wie auf dem morgen ländischen Teppich, im europäischen Salon, wie auf einem Söller zu Jerusalem; er mag spanisch oder deutsch oder russisch sprechen; er ist Hebräer; er bewahrt seinen Glauben, seine Sitten 2c.; er kann seinen Stammbaum bis ZUM König David, zum Hohenpriester Aaron, bis zum Hirtenfürsten Abrobam zwei'Jahrtausende vor Ehr. leiten; so weit reicht kein anderer Stammbaum, kein Adelsbrief, so ehrwürdig ist keine Nationalität." ״Israel ist ein Garten, hinter dessen Mauern, wer nur vorübergeht, auch nur die Wipfel der Bäume sich bewegen sieht, ohne eine Kenntnis von alF dem Lieblichen und Guten, das der Garten in seinem Schoße birgt; wer dagegen Gelegenheit bekommt und ein Herz dafür hat, in das Privatleben des Volkes tiefer hineinzuschauen oder zu horchen, z. B. wie Kinder von ihrem Elternhaus erzählen, von Freud und Leid, von Werktag und Sabbath, von Fest- und Fasttagen, dem wird es warm um das Herz, und der lernt das Volk vielfach ganz anders denn zuvor kennen. Was für Beispiele ließen sich da mittheilen von Liebe der Kinder gegen die Eltern und gegen die Geschwister, von Wohlthätigkeit gegen Dürftige, Kranke, Fremdlinge, Verunglückte; was für Beispiele, wie sauer die Väter und die Mütter es sich werden lassen, um die Ihrigen durchzubringen und zu versorgen; wie das Familienleben geweiht und verschönt ist durch die heiligen Gebräuche. Aber auch wer ihnen ferner steht, jedoch ein wenig beobachtet, bemerkt doch wohl einzelne eigenthümliche Tugenden, so — wie selten man einem betrunkenen Israeliten begegnet; wie selten einem, der an Händeln und Schlägereien sich betheiligt; wie selten man einen Israeliten fluchen hört; wie selten eine Armenbehörde Veranlassung erhält, für einen armen Israeliten die Angehörigen desselben zu seiner Versorgung erst anzuhalten oder denselben gar in öffentliche Unterstützung zu nehmen**); wie selten ein Jsraelite, sei cs durch *) Leider nur allzusehr. (Der Einsender.) **) Der Polizeidirektor einer Stadt von 120,000 Einwohner mit großem israelitischen Contingent erklärte in einer Versammlung, welcher der Verfaffer auwohure, dass er, was Armenwesen und Ordnung nud Ruhe der Stadt betreffe, mit Israeliten verschwindend wenig zu thnn habe. Eine israelitische Arbeit oder Lustbarkeit, den Sabbath entweiht oder dem Gottesdienst den Rücken kehrt! Fürwahr, eine Bevölkerung von dieser Zähigkeit der.Existenz, von dieser leiblichen und geistigen Begabung und von diesen eigenthümlichen Tugenden, — die trägt auch unter dem Gewicht ihrer Zerstreuung noch einen Fond des Lebens in sich. Nun glaube ich dieses Urtheil eines katholischen Pfarrers hinreichend reproduzirt zu haben. Es ist dieses gleichsam ein von Kenners Hand entworfenes Bild, durch welches der Werth, die Bedeutung und der Charakter Israels dargestellt wird. Dieses Bild ist wahrlich schön, werth, stolz darauf zu sein und in jeder Familie Israels als Hauszierde zu dienen; nur ist zu bedauern, sehr zu Bebau ern, dass dasselbe in seinen Hauptzügen aus der Vergangenheit Israels gegriffen ist, und dass die Gegenwart der Vergangenheit um Vieles, Vieles nachsteht. Wollte Gott, dass das als verdorrt betrachtete Israel wieder bald zu neuem, ersprießlichen Leben gelangen möge, und fernerhin das ״Volk Gottes", der ״Erstling unter den Gott e s v ö l k e rn", der ״Träger des künftigen Gottesreiches auf Erden" genant zu verden verdiene! I. Wartm, Religionslehrer und Cantor. Kründungs- und WereinsöeiLräge. M. Salzer, Aspern, halbj. Beitr. L. Winterberg, Aussig, viertel). Beitr. S. Pollak, Battelau, halbj. Beitr. L. Kraus, Veröcze, l^jährj. Beitr. L. Friedländer, S.-Bolhas, viertelj. Beitr. S. Fischmann, Krumau, ganzj. Beitr. S. Schrecker, Jungbunzlau, dreiviertelj. Beitr. M. Wodak, Floridsdorf fl. 1.50. B. Guttmann, Andrichau. ganzj. Beitr. * I. L. Schlesinger, Esseg, viertelj. Beitr. I. Blau, Esseg, viertelj. Beltr. F. Löwinger, Privitz, halbj. Beitr. D: Kohn, Rakonitz, viertelj. Beitr. A. Schrecker, Piesling, halbj. Beitr. M. Schlesinger, Wien, halbj. Beitr. H. Rosner, H.-Mestec, halbj. Beitr. I. Friedmann, Holics, viertelj. Beitr. I. Lamm, Brüx, halbj. Beitr. M. Nosenfeld, Pisek, halbj. Beitr. D. Kohn, Lundenburg, 1V»jähr. Beitr. M. Schorr, Groß-Wardein, halbj. Beitr. M. Rosenfeld, Güffing, halbj. Beitr. A. Nähnadl, Tachau, dreiviertelj. Beitr. M. Peterselka, Wien, halbj. Beitr. A. Rotter, Wien, halbj. Beitr. I. Bader, Pardubitz, ganzj. Beitr. M. Kulka, Kolin, l^jähr. Beitr. B. Weiß, Brandeks, ganzj. Beitr. S. Friedmann, Parabuty, halbj. Beitr. A. Klein, St, Benedek, viertelj. Beitr. A. Kornitzer, Tapolcza, ganzj. Beitr. M. Blatt, Wien, dreiviertelj. Beitr. Für Witwe Blum sind weiters folgende Pflichtbeiträge pr. 1 fl. eingelaufen?'M. Papo, Wien; A. Nähnadl, Tachau; S. Rotter, Polna; S. Pollak, Battelau; L. Götz, Pucklitz; L. Friedländer, S.-Bolhas; S. Fischmann, Krumau; M. Wodak, Floridsdorf; I. Deserta, welcher der Verfaffer, bei der Armitth, in welcher sie mit ihren sechs Kindern dastand, anbot, ihr auch für Unterstützung von Seite der Gemeinde besorgt zn sein, sagte: ״Ich danke,. Herr Pfarrer, aber das erlaube ich mir nicht; ich hoffe, mit Gottes Hilfe, mich und meine Kinder selbst durchza״ bringen, und wenn ich es mit den Fingern aus der Erde scharren sollte." Und es ist ihr mit Gottes Hilfe gelungen.

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