Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1888)
- Date
- 1888-01-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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— S — seiner Liebe, doch gelangte deren Schwester Leah zu seiner Umarmung; erst nach sieben Jahren erhielt er die schöne Rachel. Er Iheilte das Herz mit beiden. Doch frühzeitig auf der Wanderung starb ihm Rachel, lange mach lebte ihm Leah, bis auch sie den Weg alles Irdischen gegangen." Hier Haben wir das prophetische Bild von Ephrajim und J'hudah. In den heiligen Urkunden verkündet der sterbende Patriarch seinen zwölf Söhnen die Tage der Zukunft. Er spricht von der errungenen Macht J'hudahs, er spricht von dem ringenden Josef, dessen Bogen in Kraft bleibt*). Wie verhalten sich zu diesen die übrigen Stämme. Vier derselben sind niedrigerer Herkunft, sie hielten sich von jeher zu Josefs). R'ubhen ist geographisch, darum auch historisch bei Seite geschoben. Ein todtes Meer trennt ihn von J'hudah, mit dem ihn die Herkunft verbindet, er hängt zusammen mit Gad und M'nascheh Von Schimon spricht man nicht, er ist in J'hudah aufgegangen ^). Levi ist heimatlos, er ist überall und nirgends, er kommt nicht in Betracht. Jisos'char ist der knochenstarke ׳Esel, er ruht zwischen dem nördlichen Gebirge, auch liebt er die Ruhe und sein Landestheil, er fügt sich und trägt die ihm aufgebürdete Last*), S'bhulun ist Kaufmann, ihn kümmert sein auswärtiger Handel, er lehnt sich an Sidon^). Von Binjamin sagt der sterbende Jaakobh: ״Dieser genoß des Morgens allein die Beute, und des Abends? da betheiligt er sich am Gewinn^)". Ja, Jerusalem blieb die Residenz J'hudahs, und auch David gilt als der Eidam Binjamins. B Um seine Regierung zu festigen und zu sichern, hat Jarobh-am politische und religiöse Umgestaltungen vorgenommen. Der Historiograph erzählt dies in Folgendem: (*ויאמר ירבעם בלבו עתה תשוב הממלכה •u. s. w. Die in Bezug auf die Kälber citirte Formel הנה אלהיך u. s. w. zeigt klar, dass Jarobh-am auf das alte Ereignis in der Wüste ׳am Fuße des Sinai zurückgreift. Hier wie dort aber stehen wir vor einem Räthsel. Welche Elohim sind diese Kalbsgestalten, die -das Volk aus Egypten geführt haben sollen? Manche Historiker denken hiebei an den egyptischen Apis. Allein da bleibt noch immer unaufgeklärt, wie und warum sie dieser Gottheit die Befreiung aus Egypten zugeschrieben. Auch möchte ich in den goldenen Kälbern nicht den Apis wiedererkennen. Jener Cultus hat an einem lebenden Thiere stattgehabt; warum thaten es dann die Israeliten nicht ׳ebenso? Gehört doch zu den Symbolen und Mysterien dieses Cultus die bestimmte Gestalt eines lebenden Thieres. Der Talinud berichtet über einen angelus pluvius, der die Gestalt eines Kalbes hat, dass er während der Wafserspende am Succothfeste den Gewässern der oberen Region zurufe: ״Eilt nach der Tiefe! und denen des Abgrunds: ״Schwellet an!" Es ließe sich nun wohl denken, dass die Israeliten einen O6u8 pluvius dort ״wo ein Land der Dürre, wo kein Wasser ist," anbeten wollten, allein unerklärt bleibt, wie sie dazu gekommen, diesem Gott-Kalb zuzurufen: ״Diese sind Deine Elohim Israel, die Dich aus Egypten herausgeführt haben." Auch wäre nicht einzusehen, weshalb . .1 * 3 * * * 7J Gen. 49, 8 ff. V *) Das. 37, 2. 3) Bergt, das. 49, 7. In Deut. 6, 3 fehlt er schon. Bergl. nach Richter 1, 3. ] *) Gen. 49, 14 ff. . *) Das. 13. - s) Das. 27. 7) K8n. 12, 26 ff. Jarobh-am den Cultus des wasserspendenden Gott-Kalbs einge» führt habe. Die älteren jüdischen Commentatoren und Religions-Philosophen verwerfen mit Entschiedenheit die Auffassung, dass Israel vom Gotte der Väter abgefallen wäre und den Cultus einer an-- deren Gottheit eingeführt hätte. Es wollte sich durch ein sinnliches Bild — wie die einen meinen — anregen und durch ein äußeres Mittel zur Audacht sich sammeln, um יהוה, den Gott der Väter, zu verehren. Folgende Conclusion muß hier weiters aushelfen. Dürfen wir ein Gotteshaus bauen, sagt Rabbi Jehuda Halewi, wenn dies nicht mit Rücksicht auf das menschliche Bedürfnis gestattet und geboten wäre? Ein Gotteshaus, d. h. ein Haus für Gott, ist Blasphemie und Verleugnung der göttlichen Unendlichkeit. Allein der Bau eines Hauses zum Zwecke unserer Andacht und Sammlung ist nicht verwerflich, weil es nicht verboten ist; hingegen ein sinnliches Bild ganz in derselben Absicht und zum selben Zwecke ist darum und nur darum verwerflich, weil es verboten ist. Maßgebend ist hiebei ist nur das göttliche Gebot. (Forschung folgt). Die Zerstreuung -es Volkes Israel. Unter diesem Titel liegt uns eine von Pater Wilhelm P r e s s e l in Tübingen in fünf Hestert) erschienene, sehr interessante Schrift zur Recension vor. Wenn wir auch nicht alle Anschauungen und Ideen des Verfassers gut heißen können, und wenn er auch als katholischer Religionslehrer der Tochterreligion nicht ganz unbefangen seine Sympathien entgegenbringt, vielmehr in tendenziöser Weise dieselbe zum Ziel- und Endpunkte der mosaischen Religion und der in letzterer fußenden ״Zerstreuung Israels" zu machen bestrebt ist, so ist dieses Schriftwerk dennoch der Beachtung jedes Israeliten werth und würdig. Die fragmentarisch in demselben über Israel abgegebenen Urtheile, die für Juden und Nichtjuden theils zur Mahnung, theils zur Belehrung dienen können, bestätigen dies, und indem wir in Folgendem einige reproduziren, glauben wir, uns jeder speeiellen Begutachtung dieses Buches enthalten zu können: ״Kein anderes Volk", sagt Presset, ״hat sich von fremden Elementen so frei, so unvermischt erhalten und keines ist doch in gleicher Weise von der höchsten Höhe zu der tiefsten Tiefe herabgesunken." ״Israel Hai verloren das Land seiner Väter und mit demselben allen nationalen Zusammenhang, verloren seine heilige Stadt und mit derselben allen Schimmer eines selbständigen Regiments, verloren seinen Tempel und mit demselben alle Weihe seines Priesterthums, Israel ist das zerissenste, das mißhandelteste, das entweihteste aller Völker geworden. Und dies ist das Volk, welches das Volk Gottes sein sollte, der Erstling unter den Gottesvölkern und der Träger des künftigen Gottesreiches auf Erden. Seine Geschichte und Weissagung, seine Gebete und Weisheitssprüche kennt und bewundert die ganze Christenheit; seine Erzväter und seine Gesetzgeber, seine Richter und seine Könige. Seine Priester und Propheten kennt jedes Kind und bewundern noch die Gelehrtesten und die Mächtigsten auf der Höhe unserer Völker." ״Das zerstreute Volk begeht zum Andenken an das schreckliche Ereignis, durch welches seine Zerstreuung für alle Zeit besiegelt wurde, zum Andenken an die Tempelverbrennung unter Titus, den *) Diese fünf Hefte -erscheinen im Berlage von Gebrüder Hennin» ger in Heilbronn.