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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-01-05 · Heft 1 (5.1.1888) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 1 (5.1.1888)
Date
1888-01-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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.2 — legten Musikstoff lebhaft zu interessiren. Wir.schulden demnach nur noch die Vorführung, oder besser gesagt, die Kennzeichnung jener Compositionen, die, als sogenannte Aufführungspiecen für die moderne Synagoge, auch das Gepräge und die Merkmale der moderneu Musik bekunden. >4, Nach dieser Richtung nun hat es uns der^Meister wahrlich leicht gemacht, weil es uns durchaus unnöthig erscheint, jede einzelne der vielen Nummern moderner Gattung zu besprechen, oder dieselben durch unsere Auseinandersetzungen zu verdeutlichen. Was das Wesen der einen Composition im bessern oder mindern Sinne ist, das bleibt zumeist auch die Charakteristik aller; deshalb wollen wir es nur versuchen, um vollständig unparteiisch zu Werke:zu gehen, zuvörderst die Gegenredner der Lewandowski'schen modernen Synagogengesangs-Compositionen zu hören, um sodann hieran auch unsere eigenen Anschauungen zu knüpfen. Die Einen behaupten, die Lewandowski'schen vierstimmigen Gesänge bekunden einen etwas trägen Melodienfluss, und das sei eben vielleicht die Ursache, weshalb dieselben den Zuhörer kalt lassen. Wäre cs nun überhaupt gestattet, aus der Folgerung Anhaltspunkte für die Voraussetzung zu schöpfen, so erschiene schon hiernach die Bedeutung dieser Compositionen über allen Ziveifel erhaben; denn seit dem Erscheinendes 30lür Zion I, welchem schon die alleinige Zkothwendigkeit den Erfolg sicherte, hat wohl noch kein C ynagogen-Gesangswerk eine solch' allgemeine Anerkennung, eine solch' liebevolle Aufnahme gefunden, wie das Lewandowski'sche Werk Todali wesimrah. Allein mit solchen und ähnlichen Auslassungen und Folgerungen dürfen und können wir nicht rechnen, weil es uns obliegt, nach dem Grunde gethaner Aussprüche zu forschen und das Wahrheitskörnlein vom überwuchernden Spreu zu entledigen. Man war und ist es gewohnt, bei der Schöpfung vierftünmiger Syuagogeugesäuge zuvörderst eine recht in's Ohr gehende^ einschmeichelnde erste oder Oberstimme zu erfinden und dieselbe :dann nach Gutdünken selbst zu bearbeiten, oder durch einen Anderen vierstimmig bearbeiten zu lassen. Dem gebildeten Leser dürfte das Sträfiiche eines solchen Verfahrens sofort einleuchten, wenn er bedenkt, dass beim einstimmigen Gesänge die Melodie oder die nach bestimmten ästhetischen Gesetzen angeordnete Tonfolge die eigentliche, ja alleinige Wesenheit desselben ausmacht, während die Melodie bei dem vierstimmigen Satze niemals auf Kosten des letzteren erzwungen werden darf, sondern nur gleichsam das Ergebnis der harmonischen Verarbeitung bilden muß; allerdings ist jener der Rühmenswerthere, dem es gelingt, neben der gediegenen Harmonie auch eine leichte Stimmführung zu erreichen, und dieses letztere ist gerade bei Lawandowski in außerordentlicher Weise der Fall. Betrachten wir beispielsweise die Gesänge für Tischo beaw und die hierauf folgenden Hochzeitsgesänge (Nr. 258—268), also Composuionen geradezu heterogener Wesenheit, so finden wir allerdings nicht jene weiche und schwerverdauliche Tonsolge, wie dieselbe dem Geschmacke noch für den bleichen Mond schwärmender Cantoratsnovizen entspricht, allein wir finden dafür etwas, was den! gereiften Fachmanne höhere Befriedigung gewährt, als das gewisse, honigsüße Tongefiüster, welches moderne Synagogengesangs-Componisten ihrer Oberstimme verleihen, um oie andere dann auf Kosten dieser ersteren stiefmütterlich zu behandeln, wir finden, dass man bei Lewandowski in Verlegenheit ist, welcher der vier Stimmen wir eigentlich das Prioritätsrecht des sogenannten Lantus tirrnus ^zuerkennen sollen, indem jede einzelne derselben füglich als solcher betrachtet werden könnte. Deshalb verzichten wir herzlich gerne auf all' jene Compositionen, welche eine opulent-melodiöse Oberstimme zu Ungunften der anderen Stimmen auszeichnet und J schließen uns dieser von Lewandowski so meisterhaft gepflegten Richtung an, bei welcher die Melodie nicht in eMer, sondern in allen.Stimmen vorhanden, und bei welcher die Melodie nicht als: Selbstzweck erscheint, sondern in der modulatorischen Beziehung der aus der gesetzmäßigen Harmonie sich ergebenden.Töne bedingt erscheint. Schreibt Lewandowski für eine. Solo-Stimme, wie z. B. das Vorbetersolo im Trauungsgesange Nr. 26 4, so merkt man es alsbald, dass die Singstimme dominirend auftritt und die Orgelbegleitung bei der brillantesten Modulation immer eine gewisse Znrückhaltung bekundet; beim vierstimmigen Gesänge jedoch wünscht Leivandowski stets, nur in Harmonien dasjenige zu sagen, was ec zu sagen hat, und so soll und wird es bleiben bis an der Zeiten Ende. Und wenn es einzelnen Schwärmern für die traditionelle, äußere Form beliebt, darauf hinzuweisen, dass der moderne Synagogenchor-Gesang auch die ursprüngliche Weise des Chasen mit den Meschorerim festzuhalten verpflichtet sei, so müssen wir, selbst bei unserer bekannten conservativen Gesinnung, den Ausspruch thun: ״Zertrümmert die Form, nur der Geist sei erhalten". Dort, wo mehrere Stimmen sich vereinigen, um eben durch diese Mehrstimmigkeit einen Erfolg zu erzielen, dort muß die einzelne Stimme dem Machtgebote der Harmonie weichen und willig zurücktreten. -Nichtdestoweniger bekundet die Oberstimme der Lewandowski'schen Chorgesänge selbst bei dieser von uns gezeichneten Richtung imnier noch einen Melodienfluss, der durch seine Keuschheit und Einfachheit für das Gebet besser passt, als jene aus der Opernarie entlehnten, vielzu viel Gefühl ausathmenden Liebesmelodien bekannter synagogaler Componisten. Der zweite Vorwurf, welcher Lewandowski gemacht wird, gipfelt in der 'Behauptung, seine Composition trage das offenbare Gepräge des Compositionsstiles.Mendelssohn Bartholdy's. Nun, wir meinen, darob dürfte der verehrte. Meister sich nicht allzusehr grämen. Wer die außerordentliche Bedeutung Mendelssohn Bartholdy's für den vierstimmigen Gesang und namentlich für das moderne Oratorium kennt, dem dürfte es sicherlich einleuchten, wenn die allgemein anerkannte und angestaunte Stilart eines weltberühmten Mannes als Leitstern für die Bestrebung eines Epigonen voranleuchtet, und wäre es nur zu wünschen, dass auch andere Synagogen-Componisten sich etwas eingehender mit den Oratorien Mendelssohn Bartholdy's als mit den Opernarien aus Trobadonr, Nigoletto, Freischütz, Nachtlager rc. beschäftigt hätten, sie wären sicherlich weniger der Gefahr ausgesetzt gewesen, bei dieser der Syna- . goge vollständig fremden Quelle hie und da, wenn vielleicht auch nur instinktiv, eine Anleihe zu machen. Lewandowski schloss sich unverhohlen an die Art und Weise des Mendelssohn'schen Stiles an und gelangt so allmählig zur bewussten Selbstständigkeit; wie leicht wäre es ihm, dem gereiften, ernsten Musiker doch gewesen, auch einen jener schmalen Pfade dahin zu wandeln, auf welchem sich so viele zweifelhafte Original.׳ der modernen synagogalen Composition leicht bewegen und nach eigenem Gutdünken so wohl befinden. Möge man daher immerhin Lewandowski mit diesem Fehler belasten, wir vermeinen, dies bedeute einen Triumph seiner Leistungen und mit diesem künstlerischen Glaubensbekenntniße beschließen wir auch diese Besprechung des Lewandowski'schen Synagogengesangs-Werkes Todali ivesinarali. Manchem unserer verehrtes Leser, dem diese langathmige Auseinandersetzung doch schon allzustarke Zumuthung erschien, dürfte dieser letzte Ausspruch willkommen sein, allein wir sind überzeugt, dass es auch einzelne Ernststrebende gibt, die mit uns fühlen und denken, die daher unsere Erklärung zu erfaffen vermögen, dass!wir nur mit Ueberwindung daran gehen, das herrliche Büch Todali wesimrali zuzuschlagen, welches uns so

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