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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-12-18 · Heft 41 (18.12.1887) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 41 (18.12.1887)
Date
1887-12-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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.. — s — Ueber die Entwicklung -es Synagogen-! gesanges von Ober-Cantor I. Singer in Wien. n. Serie. . XV.^) Unsere Aufgabe,'die ja auch in der Ueberschrift dieser Artikelserie genügend gekennnzeichnet ist, muß es vor allem sein, den künstlerischen Standpunkt erschöpfend zu beleuchten, den ein synagogaler Componist dem synagogalen Stile gegenüber einnimmt. Die trefflichsten, ja meisterhaften Arbeiten müssen unserer Anschauung gemäß in den Hintergrund treten, wenn dieselben die. nöthige synagogale Charakteristik vermiffen lassen, und deshalb konnten selbst -die von musikalisch bedeutsamen Männern für die Synagoge gearbeiteten Ge- .sänge seit Jahrzehnten nichts weiter als einen sogenannten Ehrenerfolg erringen, weil denselben, bei sonst allgemeiner Vorzüglichkeit, das gewisse synagogale Colorit mangelt. Um für diese unsere Behauptung einen erschöpfenden Beweis zu liefern, erwähnen wir die Thatsache, dass der unsterbliche Franz Schubert einen Tow lehodos geschrieben, der in keiner Synagoge aufgeführt, ja vollständig vergessen erscheint. Was soll nun, angesichts eines solch' hervorstechenden Umstandes, erst zu jener Legion von sogenannten Capellmeisterarbeiten, oder jenen Bestrebungen gegenüber erwähnt werden, mit denen unreife oder nur einigermaßen musikalisch flügge gewordene Talente den Synagogengesang beglückten? Mit der Einseitigkeit, und stünde dieselbe noch so hoch, kann und darf auf' einem erst zu ebnenden Kunstgebiete durchaus nicht gewirthschaftet werden, weil diese Einseitigkeit an der Kunstschöpfung auf Schritt und Tritt zu bemerken ist und selbstredend das Gefühl des Mangel- und Lückenhaften wachruft. Wie schwer wurde und wird auf synagogal-gesanglichem Gebiete gesündigt! Da wurde dem nichtjüdischen Musiker der hebräische Text, in Silben abgetheilt und dem Sinne nach verdeutscht, zurechtgelegt, nach welchem Präparate er dann die Composition -zu liefern hattet) Dort wieder sehen wir einen cantus firmus zur will-- kürli ch en Harmonisirung verurtheilt und dort, wie so oft schon erwähnt, eine traditionelle Melodie mit einer modernen Harmonie versehen, dass sich Gott erbarmen könnte, nicht etwa wegen des Gebetes, sondern wegen der Erbärmlichkeit dieser Anschauung. Ja, stünde Ln unseren Staatsgesetzbüchern für einen solchen Frevel eine Bestrafung, wie etwa für einen begangenen Waldfrevel, viele der in flagranti Ertappten säßen unter Schloss und Riegel zum warnenden Beispiele für ähnlich Lüsterne, und auf diese Weise wäre das heilige Gebiet des Synagogengesanges ungetastet geblieben von der Gewalt roher Fäuste und von den schädlichen Eingriffen unlauterer Bestrebungen. So aber gingen und gehen die Frevler frei aus, ja es fanden und finden sich ׳sogar Etwelche, die einer solch' sträflli chen Bestrebung das Wort reden und die Streber äufzumuntern, ja sogar vor dem Mahnrufe einer warnenden Stimme zu schützen su chen . War es noch nicht genug, dass man die äußere Künstlergestalt Meister Sulzers mit den langen Haaren, mit den Handbewegungen, dem Augenaufschlagen, dem Falsette rc. nachzuahmen suchte, musste auch noch die unleidliche Anschauung zum Durchbrüche gelangen, dass jeder jüdische Cantor auch ex officio ein Componist *) Die beiden vorhergehenden ״Artikel find irrthümlich mit Nr. XU . statt XE und XIV überschriebeu. x) Heute sind wir schon so weit, dass selbst jüdischen Componisten der Text in der angeordneten Weise Vorgearbeitet werden muß. \ sein müsse? Die Aeußerlichkeiten Sulzers entsprangen seiner eigenen Individualität, der momentanen Inspiration, wir möchten sagen, seiner .Persönlichkeit, und die Herausgabe des Schir Zion entsprach dem, damaligen Bedürfniße; deshalb auch die erschütternde Wirkung der Sulzer'schen cantoralen Leistung und nür deshalb auch der ungeahnte Erfolg des S.chir Zion. Will man wirklich ein würdiger Epigone des Altmeisters sein, weshalb sucht man nicht, anstatt des Aeußerlichen, eher die ideale Bestrebung desselben zu erfassen und den künstlerischen und fachmännischen Faden, welcher der altersschwachen Hand Sulzers entfiel, sachgemäß und historisch weiter zu spinnen? — Wer nicht die vielen, unbedingt nöthigen Eigenschaften, als: genügendes hebräisches, musikalisches und fachmännisches Wissen, allgemeine Bildung, langjährige Verwendung in der -cantoralen Sphäre und auch noch genügendes Verständnis für andere Kunstzweige in sich harmonisch geeinigt fühlt, der versuche sich auf meinem anderen Gebiete möglichst bemerkbar zu niachen, die heilige Umfriedüng des schon genügend gefährdeten Synagogengesanges jedoch wage er nicht zu überschreiten und wundere sich zu in Mindesten nicht, dass es auch noch Wächter gibt, denen.die Sache viel höher steht als die Person, und die im heiligen Eifer für die Sache, ihm den Eingang , verwehren. Ließe man dieser bedenklichen Geschäftigkeit auf synagogal-gesanglichem Gebiete nach wie vor die Zügel schießen, so ist es gar nicht denkbar, dass je von einer synagogal-musikalischen Kunst die Rede sein kann, darum retten wir uns aus dem Gewühle der aus uns anstürmenden, leichterfundenen und leichthingeworfenen Gedanken auf den allein zweckentsprechenden Boden der aus der glücklichen Einigung von Wissen und Erfahrung hervorkeimenden Kunstbethätigung, wie dieselbe uns beinahe auf jedem Blatte des vorliegenden Lewandowski'schen Werkes so . überaus mächtig und zugleich anmuthig entgegenlächelt. . : Wir übergehen absichtlich die ersten Nummern des Werkes, weil diese Art der.Lewandowski'schen Arbeiten gelegentlich der Besprechuug seines k:oI rinnall genügende Würdigung fand und verweilen bei Nr. 17 Hoel be’sazumos, eine Piece für Cantor-Solo und Qrgelbegleitüng, indem wir in unserer örgelreichen Zeit nicht genug darauf Hinweisen können, wie ein durchgeistigter Synagogenmusiker die Orgel in der Synagoge behandelt. Die Nummer ist, wie bemerkt, für den canioralen Vortrag mit obligater Orgel gearbeitet und wird zum Beginne der Orgel sogar der Vortritt belasten, wahrscheinlich in der löblichen Absicht (!), dem Sänger die Tonart nachdrücklichst zu bezeichnen. Dass Lewandowski stets, wie in heiliger Pietät, den traditionellen Gesang unangetastet und auch hier vollinhaltlich belässt, trotzdem der spröde Stoff eine kleine Willkür entschuldigen würde, müssen wir auch hiebei dankend anerkennen. Die Orgelbegleitung ist ungemein zart, ja decent gehalten, so dass es dem Cantor leicht ermöglicht wird, der Vorzeichnung *quasi Fantasia« gerecht zu werden, und muß die Nummer gewiss jeden Zu- Hörer, welcher religiösen Richtung er auch angehört, vollauf befriedigen. Trotz, all' dieser trefflichen Eigenschaften können wir uns jedoch der vorliegenden Nummer 17 gegenüber einiger schwerwiegender! Bedenken nicht erwehren. Sowohl die Vorzeichnung, wie die Harmonie der ersten Takte möchte uns in äußerst liebenswürdiger Weise zu der Anschauung verleiten, als ruhte die Piece auf der D moll-Basis, und selbst die I) moll-Harmonie in der Orgelbegleitung des 4. Taktes, wie nicht minder dieunserer orthodoxen Gesinnung ungemein zusagende Orgelbaßfigur im gleichen -Takte scheint uns wie mit Sammtpfötchen zu dieser O mofl-Anschauung hinüber schmeicheln zu wollen; allein der Kritiker muß diesem Sirenengesange beharrlich sein Ohr verschließen, falls er seine Aufgabe ehrlich und wissenschaftlich zu lösen geneigt ist. . . I

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