Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 38 (24.11.1887)
- Date
- 1887-11-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — die Bestimmung Gottes, und darin besteht mein Trost, ich harre muthig aus, bis bessere Zeiten kommen. Nun folgt am Schlüsse des Hirt' nliedes der Grundsatz,, den jeder Mensch beherzigen soll: אך״ ״ "־סוב חזטד ירדפוני כי$ ימי ד.ייNur Liebe und Wohlwollen will ich anstreben, so lange ich lebe", mögen sich auch die Verhältniße wie immer gestalten! Somit schließen wir diese Betrachtungen mit dem Versprechen, bald wieder den Lesern dieser Blätter neue Geistesprodukte aufzutifchen. Rabbiner Wollner. Ueber Sirenengesang. Von Dr. M. Grünwald, Rabbiner in Jungbunztau. Wer kennt nicht den sinnberückenden Gesang einer Sirene? Wer denkt bei Nennung dieses Namens nicht sofort an Ulysses' Irrführten, der, dem Rathe der Kirke Folge leistend, die Ohren seiner Gefährten mit Wachs verklebte, während er sich selbst an den Mast binden ließ, um dem sicheren Untergange zu entrinnen? Wie steht es nun mit diesem Gesänge? Gibt es einen solchen? Haben andere Völker ähnlichen Gesang belauscht und personificirt? Solche Fragen drängen sich dem Denker wie dem Sänger in gleicher Weise auf und dürften daher — auch vom historischen Standpunkt beantwortet — nicht ganz ohne Interesse sein. Wie dem Kinde die ganze Natur und alles, was in ihr ist, zu leben scheint, so verhält es sich mit dem Menschen des Alterthums, der überall verkörperte Gottheiten zu sehen vermeinte. Ganz besonders geheimnisvoll ist das Wasser in seinen unergründlichen Tiefen, so dass auch Schiller in dem bekannten Gedichte: ״Der Taucher" in die Worte ausbricht: ״Da unten aber ist's fürchterlich. Und der Mensch versuche die Götter nicht Und begehre nimmer und nimmer zu schauen, Was sie gnädig bedecken mit Schrecken und Grauen." Nicht nur das Gebirge und der weite Wald haben ihre ahnungsvollen Zanberstimmen, auch der klare Strom und der ruhige, aber dennoch unübersehbare Meeresspiegel locken den Schiffer vom Strande und den Schwimmer zum Bade, um sich plötzlich im Sturme zu erheben oder den Schiffer in einen verborgenen Winkel hinabzuziehen. Das Rauschen der Wellen, der Gischt des Wassers, der Anprall an Klippen, sie alle sind dem kindlichen Gemüthe und der Phantasie des Dichters eine Art Gesang. Und wenn wir auch nicht auf die Etymologie des seinerzeit berühmten Professor Riemer schwören wollen, können wir es dennoch nicht unerwähnt lassen, dass er das Wort Sirene vom hebräischen »schir« abteitet. (Griechischdeutsches Wörterbuch Seite 835, 3. Spalte.) ״Denn", sagt Riemer, ״bloße Naturtöne wurden den Griechen schon zu Gesang". Der Aufenthalt der Sirenen ist im Waffer. Und dass das Meer etwas Anziehendes und gleichzeitig Erhaben-überraschendes besitzt, muß nicht erst hervorgehoben werden. In gleicher Weise haben die Schallwellen, die an unser Ohr dringen, etwas Plötzliches und Anziehendes. Schon der Psalmist anerkennt und bewundert die Stimme Gottes über den Gewässern »Kol adonai al hamajim«. Und wenn auch moderne Forschung mit Recht hat erkannt, dass die Bezeichnung . ״göttlich" oft nur für ״vorzüglich" gesetzt wird, so ist immerhin die Stimme über dem Wasser oder die Stimme, die dem Wasser entspringt, von dem Psalmisten, dem frommen Sänger und Dichter, die fa in der guten alten Zeit in einer und derselben Person vereinigt waren, als etwas Erhabenes gepriesen und verherrlicht werden. Der Talmud kennt eine Tochter der Stimme, bass kol, über dessen wahre Bedeutung schon viel geschrieben wurde. Eine Vergleichung mit den fremdländischen Litteraturen ist allein im Stande, uns die richtige Erklärung zu verschaffen. Ein ungarisches Volkslied von Csokonai beginnt mit den Worten: ״Tihany's Tochter, o Du Helle, laute, Komm hervor aus Deinem heiligen Berge", wozu J6kai bemerkt, dass Tihany's Tochter das Echo von Tihany am Plattensee (Lalaton tenger) bedeute. Auch die Töchter des Rheins sind nach Naumann's Musikgeschichte, der Widerhall, das Echo, das vom- Vater Rhein ausgeht. Damit eng zusammenhängend ist die Sage vom Lurlei, das aus Sure, ist gleich Lore, ״Lehre, Rede" und lei, ist gleich dem altsächfischen leia, Schiffertafel, zusammengesetzt ist. Bekanntlich ist Lurlei ein zwischen St. Goor und Oberweset senkrecht aus dem Rhein aufsteigender Felsen. Heine hat diese Sage vom Loreley am innigsten, und poetischesten verherrlicht. Im Isländischen und Färöischen heißt das Echo DvergmäL (die Rede der Zwerge); gleichfalls nur ein bass kol. Während aber die anderen Völker, Griechen und Römer, Germanen und Slaven, Magyaren und Finnen diesen Naturlauten eine Bedeutung zuschreiben, hat das Judenthum im Talmud den Satz aufgestellt »Ln maschchisin bebass kol«, ״wahre Bedeutung hat eine solche Stimme nicht", und deshalb sind sie gegen Sirenengesang gefeit. Der jynagogale Dichter Mair von Rothenburg. Von Dr. A b r a h a in L o e w y, Bezirks-Rabbiner iir Butschowitz. (Fortsetzung.) Diesem Umstande verdankt die Nachwelt feine von allen talmudischen Koriphäen hochgeschätzte Responsensammlung. Diese geistige Mühe und Anstrengung wurde nicht von Entgelt begleitet, ungeachtet dessen opferte er gern aus reiner, nngeheuchelter Frömmigkeit seine Kräfte und seine kostbare Zeit der Beantwortung der complicirteften Fragen auf talmudischem Gebiete. Er führte eine sehr einfache, bescheidene Lebensweise, und. die Genügsamkeit und Anspruchslosigkeit, welche seinen Charakter zierten, vermochten es, dass er sein Amt in der uneigennützigsten Weise verwalten konnte. Rabbi Mair hatte viele Schüler, die aus dem Borne seines reichen, talmudischen Wissens schöpften und die in seinen Fußstapfen wandelten; drei derselben ragten besonders hervor und zeichneten sich später durch ihre hervorragenden litterarischen Leistungen aus. Mordechai ben Hillel aus Nürnberg war der Verfasser der ausführlichen Glossen des Talmud, welche zumeist mit Alfasis Werk zusammen gedruckt wurden und auch besonders vorhanden sind, auch gilt derselbe als Verfasser eines lateinischen Sammelwerkes. Er, seine Frau nebst seinen fünf Kindern beendeten ihr irdisches Dasein als Mävtyrer für den ererbten, heiligen Glauben in Nürnberg 1298, als eine von Dummheit und Fanatismus erglühte Rotte unter der Leitung des Edelmannes Rindfleisch von Stadt zu Stadt streifte, um die Juden, angeblich einer Hostienschändung wegen, entweder zum Christenthum zu bekehren, oder sie aus dem Wege zu räumen. Der zweite Schüler Mair's, Mair Hatewi, verfasste Berichtigungen zum Werke des Maimonides, die unter dem Namen ״Hagahoth Maimuni" allgemein bekannt sind. Der dritte Schüler, Ascher ben Jechiel, stüchtete aus Deutschland, um nicht daselbst als Opfer des Fanatismus und der religiösen Unduldsamkeit des christlichen