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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-11-24 · Heft 38 (24.11.1887) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 38 (24.11.1887)
Date
1887-11-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 — , . Um Liesen Schäden entgegen zu wirken, muß die ״Gemeinde der Unmündigen", aus deren Munde sich schon der Herr ein Lob bereiten will, von dm Cantoren oder Lehrern in der Schule dazu angehalten, werden, ihre Tempellieder einstimmig dann im dreistimmigen Chore richtig und fertig singen zu können. Kann man ein Quartett zusammenstellen, so ist dies gewiss besser. Der Cantor hüte sich aber, durch sein Intonieren nicht selbst den Grund zum Setmndieren dadurch zu geben, indem er als Tenorist zu hoch oder als Baffist zu tief zu singen anfängt, sondern er stimme genau, wenn keine Orgel vorhanden ist, in der Kammertonhöhe entsprechend an. Aber schon die Cantoren- und Lehrer-Bildungs-Anstalten können darin vortheilhaft wirken. Der ausgenommene Präparand muß als nunmehriger Seminarist seine mitgebrachte Secundier-Neigung unterdrücken, das Chasonoth ohne Begleitung in seiner Reinheit lieb gewinnen, den musikalischen Geschmack veredeln und als künf- Liger Cantor und. Lehrer die Tempelmusik in ihrer erbaulichen, wie kunstgerechten Einfachheit kennen und üben lernen. Nur daun wird die zauberische Gewalt unseres Sanges die Herzen wieder gewinnen und majestätisch auf die Seele des Hörers wirken. SkiWn ous -ein Hirtenleben der alten Hebräer. - V. (Schluss.) Gibt es nicht heute noch derartige Hirten, sowohl im Judenthum als auch unter andern Confessionen, denen der Vorwurf des Propheten zur Gewissenslast gelegt werden kann, welche die Bildung des Volkes durchaus zu unterdrücken sich zur Lebensaufgabe gemacht, und der Zugend den Weg zur ׳Fortbildung cinzndämmen suchen? Sie machen geltend, dass je mehr Bildung, desto weniger Religion, Lass diejenigen, welche die Wiffensbahn betreten, von der Glaubens- Lahn aögelenkt werden. Drängt sich bei solchen obskuren Ansichten nicht der Wchruf des Propheten in den Mund: הוי רועה Wir wollen jetzt nicht sprechm von dm Koriphäen Israels im Alterthum und selbst im finsteren Mittelalter, welche umfangreiches Wissen aller Art mit echter Religiosität verbanden, als: Moses, David, Philo, Maimonides, die spanischen Philosophen und viele Andere, die bis in unsere Zeit hineinragen; wir wollen durch ein schlagendes Beispiel aus uralter Zeit den Beweis führen, dass die Wissenschaft die Amme der Religion ist, dass ohne Forffchritt jener - diese kaum bestehen hatte können, dass wir heute vielleicht keine Thora mehr hätten und keine Juden warm) wenn die Wissenschaft nicht als Retterin aufgetreten wäre. Es gab eine Zeit unter den jüdischen Königen (ungefähr zwischen 639 bis 609 v. d. j. Zeitr.) wo die Toras Moscheh ganz in Vergessenheit gerathen war, kein einziges Exemplar der mosaischen Gesetzgebung war vorhanden. Die Jugend wurde in der Religion Israels nicht erzogen und unterwiesen und der vielgestaltete Götzendienst bildete den jüdischen Culrus. Erst unter dem Könige Josias fand der Priester Chilkia ein »Leier lora« auf, welches er dem Könige vorlas. Der frommgesinnte König zerriss seine Kleider, als er dm Inhalt dieser Gottes lehre vernahm und den Abfall Israels von seinem wahren Glauben erkannte. Er verordnete hierauf eine große Volksversammlung, machte ihr den Inhalt der gefundenen Thora bekannt, schloss auf's Neue den alten Bund zwischen Gott und Israel und feierte zur Wiederherstellung des gesetzlichen Jehovadienstes ein großes Peßachfest (2. Kön. 22. und 23. Kap.) Wir fragen nun: Könnte heute ein solcher trauriger Fall eintreten? Keinesfalls! Und was ist der/Unterschied zwischen einst und jetzt? Damals lag die Wissenschaft brach, lahm; die Buchdruckerei war noch nicht erfunden, die Kunst des Schreibens besaßen nur Wenige, eine richtig geschriebene Bibel kam ans einige hundert Gulden, wer konnte diese anschaffen, so fiel sie ganz der Vergeffenheit anheim. Seitdem aber Wissenschaft und .Kunst große Fortschritte gemacht, seitdem. Gutenberg׳ die Buchdruckerkunst erfunden, Bibel in Millionen Exemplaren verbreitet sind, und dadurch auch die ganze hebräische Litteratur in Flora kam, ist ein solches Ereignis unmöglich. Dieses eine Beispiel, glauben wir, genügt, diese Hirten zu widerlegen, welche die Devise führen: »nosnu rösch, wetiuschuwoh mizroimoh«. ״Wir setzen uns ein Oberhaupt, bilden einen eigenen Verein und kehren nach Egypten in die Sklaverei, in das finstere Mittelalter zurück." Hören wir noch zum Schluffe, wie der Psalmist Gott selbst als Hirten darstellt und ihn so geistreich besingt. (Pst ü3 bis zn Ende), dazu aber folgende Betrachtung : »Adonai raui« ״Gott ist mein Hirt", ruft derPsalmist aus; aber wir dürfen keine Schafe sein, schwach, furchtsam, einfältig. Gott ist ein geistiger Hirt, und wir müssen daher eine geistige, vernünftige Heerde sein. Es ist die Aufgabe eines jeden Menschen, über sich nachzudenken: Was bin ich, und was soll ich hier, 'was ist mein Zweck? Etwa sich wie ein Schaf zu weiden? Keinesfalls! Der Mensch besteht aus zwei HauptbestaNdtheilen, aus Körper und Geist, beiden Theilen muß er nach Kräften Rechnung tragen. Er soll den Körper stärken, kräftigen, soll nach materiellem. Gute streben; aber auch seinen Geist bilden, vernünftig denken und handeln, sein Herz stärken durch wahren Glauben, durch ungeheuchelte Religiosität. Wer lebt muß auf Wechsel gefasst sein: Glück und Unglück, Freud und Leid lösen einander ab, gleich dem Wechsel der Jahreszeiten. Der Mensch hat immer zwei Wanderstäbe auf der Pilgerreise des Erdenlebens, bald muß er den "מקל חבלים ", den Stab des Verwundens, der Verletzung, bald aber wieder den מקל געם״," den Stab des Glückes/ des Heiles ergreifen. Daher darf er nicht nur physisch leben, sondern auch geistig, vernünftig, religiös, um in alle Lagen, wie sie auch Zeit und Umstände herbeiführcn, sich schicken und einleben zu können. Immer aber den Willen und das Bestreben haben, Gutes und Edles zu fördern, wohlwollend zu sein, Nachsicht mit den Fehlern Anderer zu haben, versöhnlich und gerecht zu sein. Oder, wie der Prophet sich so bündig ausdrückt: ״Mensch, es ist verkündigt worden, was dir wohl thut, und was der Ewige dein Gott von dir fordert: Nur Recht zu üben und Huld zu lieben und demüthig zu wandeln mit deinem Gotte". (Micha 6, 8.) Das sind in Kürze die Lebens- Prinzipien des Menschen, und diese spricht der König David in seinem Hirtenliede aus: »adonairaui«, Gott ist mein Hirt, mein geistiger Hirt, mir kann's an Nichts fehlen. Auf grünen Au en lagert er mich, an sanft siießenden Gewässern leitet er mich. — Darunter ist die körperliche Psiege zu verstehen — ״ ."נמשי ישובב״Er labet auch meine schmachtende Seele", — er hat mich auch mit einem höheren vernünftigen Geist begabt, auch den auszubilden, steht er mir bei. — "״ ׳"ינהני במעגלי צדקEr leitet mich auf rechter Bahn", — er stärkt mein Gemüth durch festen Glauben, nach religiösen Grundsätzen, und so als geistig vernünftiges Wesen. — נ״גפבי אלך בגי צלמות״ Wenn ich auch im Thale des Todesschatten gehe, — wenn auch Leid und Unglücksfälle die fette Weide, die irdischen Güter mir entziehen, ״ich fürchte kein Unheil". "״שבטך ומשענתך' המה ינהמתי, dein Stock und dein Stab, sie dienen mir als Trost". Das sind die beiden so oft genannten Stäbe, der ״ ,"מקל געם״der Stab der Milde״ und der "״ ,"מקל הבליטder Stab der Verwundung". Darunter sind die Wechselfälle des Lebens zu verstehen, das Los eines jeden Menschen,

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