Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 37 (16.11.1887)
- Date
- 1887-11-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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e — Religion ging mit Dummheit und Barbarei Hand in Hand- Im' April des Jahres 1283 um die Osterzeit wurde in der Nähe von Mlinz ein rodtes Christenkind gefunden; sofort lenkte sich der Perdacht auf die Juden, sie hatten eS zu rituellen Zwecken von einer Amme gekauft und dann ermordet. Ein Ritftr, Namens Gerbald Ring, nahm das todte Kind auf die SchuÜer, zeigte es in den Straßen Mainas dem Volke, um dasselbe gegen die Juden aufzuftacheül. Er erreichte auch sein Vorhaben, Rache gegen die Juden herauf zu beschwören; beim Anblicke des ermordeten Kindes gerieth der Pöbel in Parsxismus, dem viele Juden zum Opfer fielen, und diese Gelegenheit wurde gleichzeitig dazu benutzt, um die jüdischen Hauser zu berauben. Zwei Jahre später spielte sich in München eine ähnliche Scene ab: Der fanatische Pöbel steckte die dortige Synagoge in Brand, weil Viele, um dem Gemetzel zu entgehen, sich dorthin siüchteten, und es wurden beinahe zweihundert Personen verbrannt. Die Unschuld der Juden, führte Kaiser Rudolf später ans Licht und ließ die Hetzer nicht unbestraft. Unter solch traurigen Verhältnißen ist es leicht begreiflich, dass viele Juden Deutschlands es vorzogcn, zum W anderstabe zu greifen, um sich ein Asyl aufzusuchen, wo sie vor solchen Verdächtigungen, die zumeist von blutigen Verfolgungen begleitet waren, verschont blieben So umwölkt sah der Horizont Israels aus in den Tagen unseres Rabbi Mair von Rothenburg, dessen Leben und Wirken zu beschreiben, wir uns zur Aufgabe stellten. Frühzeitig wurde er von seinem hochgelehrten und berühmten Vater Baruch in allen hebräi- I schm und talmudischen Wissenszweigen unterwiesen, später war er Schüler des berühmten Iechiel aus Paris und des Sir Morel aus Falaife, ging demnach aus der Toffafistenschule hervor. Dass er aber nicht einseitig talmüdisch gebildet war, beweist der Umstand, dass er bereits als junger Mann, als im Jahre 1244 viele Talmudexemplare öffentlich verbrannt wurden, eine Elegie verfasste, in welcher er seiner ttessten Betrübnis und feiner heftigen Herzenserschütterung ob dieses traurigen Vorfalls kräfttgen Ausdruck verlieh. Dieselbe wurde den Zioniden des nationalen Dichters Juda Halewi angereiht, und am Tage der Zerstörung Jerusalems wird das elegische Gedicht »Schaali serufah« in den Synagogen Israels, wo es Jedem dessen Inhalt Erfassenden Thränen entlockte. Seinen wiffenschaftlichen Sinn weckte schon frühzeitig sein eben erwähnter Vater Baruch, dessen sein Sohn Mair in den Selichoth »Tfiloli tikoch« »en kmidas bosor« und in mehreren Jauzroth Erwähnung thut, auch gedenkt er in seinen poetischen Arbeiten seines gelehrten Bruders Abraham. Dessenungeachtet wirkte seine wissenschaftliche Richtung nicht paralysireud auf seine religiöse Praxis, denn aus seinen reichhaltigen Responsen geht zur Evidenz hervor, dass er, wie dazumal der größte Theil der deutschen Juden, in religiöser Be- Ziehung seine Rigorosität auf die Spitze trieb. Er führte eine asketische Lebensweise und fastete viel; dm Sabbat ließ er nicht einmal ans eine indirecte Weise entweihen und zog es vor, im Winter am Sabbate in seinem Zimmer Kälte zu leiden, als sich durch eine christliche Dienerin Heizen zu lassen. Durch sein umfassendes Wissen auf dem Gebiete der Halachah und des Ritus, durch seine scharfsinnigen talmudischen Auslegungen, wurde er wie ein Heiliger von den Juden Deutschlands verehrt, und soll er, wie Grätz vermutet, sogar von Kaiser Rudolf I. als Oberrabbiner Deutschlands ernannt worden sein; fast täglich kamen aus den entlegensten Gegenden Boten zu ihm, kasuistische Fragen zur Erledigung unterbreitend, und er entledigte sich dieser Aufgabe mit vielem Geschick, die Schätze seines reichen Wissens eröffnend zur vollsten Zufriedenheit, ja zur Bewunderuyg der an ihn.sich wendenden Gesetzeslehrer. Asulai bemerkt, »Rabbi Mayr chiber Tscbüboth lmeöth ulalofim;« Excerpte von seiner immensenRespönseüsammlung werden im »Mordcbai.und Hä§oÜoti1■ Maimum«' in;־ geführt. . 'ד;' ר.,. ״;•'.w’T ” :lu (Fortsetzung folgt.) Litteratnr. Aeiträge zur Geschichte der ZNuKK I. und II, Heft von Benedikt Singer, Ob -Cantor in Jungbunzlau. — Wir leben in einer Zeit in welcher der Entwickelungsgeschichte der Synagogen- Musik besondere Aufmerksamkett geschenkt wird, wenn auch dieselbe schon vor Decennien von den rührigsten Forschern mit ,der Fackel der Kritik beleuchtet wurde. (Siehe Ambros, Mendel, Wiedermann u. a. m.) Unsere berühmten Altmeister haben wohl auch , in den Vorreden zu ihren Werken Skizzen üb.r den Ursprung der Synagogen- Melodien geschrieben, jedoch über die Heimat und Entstehungszett der sogenannten ״alten Sachen" geschwiegen. Der Herausgeber: des oben Gezeichneten Werkes will durchaus nicht als Componsft' gelten, noch eine neuere Richtung im Synagogen-Gesange anstreben, sondern nur als bescheidener Sammler altehrwürdiger Melodien;pnd Psalmen nach Kräften nützlich sein. So verdienstlich es einerseits.- ist, zu dem Ausbau dieses historischen Wissenszweiges auch; einen-Stein, herbeigeschasst zn haben, ist es anderseits pietätsvoll, durch Veröffentlichung solcher Beiträge das Andenken der alten Ebasanirri zu, .ehren undderen Compositionen, die nur durch mündlicheUeberliefernng/:.gleich, dem Volksliede, sich erhielten, den Cantoren und Historikern zu. wetteren Studien zu überweisen. Dem Werke selbst ist.eine hochinteressante Einleitung aus der Feder des Cantorensreundes, Sr. Ehrwürden Herrn Dr. M. Grünwald, beigedruckt und mit Anmerkungen und poetischen Übertragungen des hebräischen Textes!, versehen. Unter den 23 Nummern des bis jetzt erschienenen Werkes befinden sich einige charakteristisch schöne Gebetstückc, die in Form , und -Harmonisierung Anerkennung bei Collegen und Theoretikern finden werden. Herr Ober-Cantor B. Singer hat das Wort des Psalmisten erfasst und mit Begeisterung in die Welt gerufen: ״Smiros hoju li cbukecbo bewes meguroi" ״Hochlieder find mir Deine Satzungen geworden im Hause meiner Pilgerschaft." (Psalm 119,5.4.) So möge diese Arbeit allen Freunden alter, synagogaler Weisen warm empfohlen sein und Aufmunterung zu weiterer,. Forschung auf diesem Felde geben, das s׳i der Lohn des fleißigen und strebsamen Autors. M. Tin tue r, Cantor und Lehrer, in Punzlau. > Dr- H. Grätz, Professor an der Universität Breslau gründete sich den Nus eines bedeutenden Forschers auf dem Gebiete altisraelitischer und jüdischer Geschichte durch sein großes Geschichtswerk in elf Bänden, welches eine außerordentliche Verbreitung gefunden. Während dieses. Werk wegen ausführlicher kritischer Behandlung der Quellen mehr., für Gelehrte und Fachmänner geschrieben ist, nimmt die im Erscheinen begriffene Volksthümliche Ges chich t e der Juden in drei Bänden von der ältesten Zeit bis aus die Gegenwart j ausschließlich Rücksicht auf gebildete Laien, für welche diese kürzer j gefaßte Ausgabe auch speziell bestimmt ist, um die Kenntnis dieser Geschichte in weitere Kreise des Publikums hineinzutragen und das Interesse dafür zu wecken und zu heben. Kleine Chronik. Wien. (Orig.-Corresp.) Erst seit einigen Jahren ist der jüngste Stadttheil des zweiten Bezirkes, die Brigittenau, auch von jüdischen Parteien, und zwar wie in ganz Wien, von Deutschen , und Polen angesiedelt worden. Anfänglich natürlich zwang die Noth- Wendigkeit diese kleine Familienzahl, trotz der krassen Gegensätze, rücksichtlich ihrer verschiedenartigen Minhagim nur eine Synagoge zn errichten und zu besuchen, weil die andern-Synagoge zu,entlegen waren. Als aber der Verein an Mitgliedern und an Vermögen