Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 36 (8.11.1887)
- Date
- 1887-11-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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C) genommen hat. Seite 9 sagt Natali, dass Cäsar den Juden in Jerusalem den Tribut ״in den Jahren, die mit einem Samstag anfingen", erließ. ׳Cs soll heißen ״im siebenten Jahre, welches die Juden Sabbatjahr nennen" (Josephus Antiqu. XIV. 10 b). Dagegen wissen wir nicht, woher er die Geschichte von den zwei Juden genommen hat, welche Nero verbrennen ließ, weil sie Poppäa angeschaut hatten. Dass er Klopstock auf französisch und Juvenal auf italienisch -citirt, möchten, wir ihm hingegen lassen, wenn er sich .nur einer rich- Ligen Uebersetzung des römischen Satirikers bedient hätte. Er sagt nämlich, dass die Juden schon zur Zeit der römischen Kaiser beschuldigt wurden, Wahrsagerei zu treiben, Lebenselixire zu verkaufen nnd Kinder von Andersgläubigen zu tödten. Als Beweis citirt er folgende Stelle aus der sechsten Satire Juvenal's, die ich nach seiner italienischen Uebersetzung wörtlich wiedergebe: ״Um wenige Soldi j verkauft der Jude albernes Zeug für jeden Geschmack; verspricht Jedem leidenschaftliche Liebhaber und reiche Erbschaften; doch untersucht er früher die zuckenden Eingeweide einer. Taube, schneidet den könne er in stiller Zurückgezogenheit warten, bis wir ihn selbst unsere fröhlichen Hochzeitsweisen vortragen werden". ״Nun, nun, lieber Felix", antwortete Adolf, ״nur nicht so vorlaut und indiscret, ich vergaß-Dir auszurichten, dass Dich Flora grüßen lässt und Dich morgen zur Probe erwartet. Die . jungen Mädchen haben für ihre Solo-Scherze, die sie zur Hochzeit vortragen wollen, keinen Souffleur, und die Wahl siel auf Dich. Flora Hab ihr Wort, dass Du ihnen die Gefälligkeit nicht abschlageu .wirst; dazu bist Du zu gutmüthig, meinte sie." Simon Behrens richtete e nen aufmerksamen Blick auf Felix, der in Verlegenheit gerieth und errötete, endlich sprach dieser: ״Nun, ich will mir die gute Meinung Deiner Schwester nicht verscherzen, und ihren Wunsch erfüllen." ״Das wird unserer Flora jedenfalls Freude machen, wenn ich ihr sage, dass Dir lieber Felix, an ihrer guten Meinung über Dich viel gelegen ist."; ״Ihr scheint es darauf abgesehen zu haben/ mich zu'necken", sägte Emil Bärwald einfallend; um aber jede Jndiscretion zu verweiden, will ich euere Aufmerksamkeit aus eine andere Neuigkeit richten. Meine Schwester Lieschen begann schon heute, wie es jetzt -üblich, mit ihren Abschiedsbesuchen und war auch bei Dessauers. Sie. "unterließ es natürlich nicht, mündlich ihre Einladung zu wiederholen, ' und brachte uns die freudige Nachricht nach Hause, dass Fräulein Deborah an ihrem Ehrentage unter den Gästen erscheinen werde. /Unser Lieschen brachte in ihrer jetzt begreiflichen Aufregung diese -Künde ״mit solche großer Hast hervor, als ob sie etwas ganz Ungewöhnliches gesprochen hätte, und sie war über unser Erstaunen, ' das sich mehr auf die Eigenthümlichkeit ihrer Aeußeruüg bezog, so! erregt, dass sie wiederholendlich versicherte. Deborah habe ganz bestimmt zugesagt. Sie wird wahrscheinlich unter den schützenden Flügeln der ׳:Frau Süßkind erscheinen, da ihre Eltern noch nicht ausgehen." Aller Blicke waren auf Emil gerichtet, und ein tiefes Schweigen .trat ein, das endlich wieder durch Adolf Berliner unterbrochen wurde, Hühnern die Brust, auf, oder wühlt in den Eingeweiden eines Hundche ns, oder manchmal auch eines Kindes." . . . Das Citat würde für die Juden recht bedenklich lauetn, wenn es— richtig wäre. Wie lautet aber die Stelle bei Juvenal? (VI, 546) ....... aere minuto Qualiacunque voles Judaei somnia vendunt. Spondet amatorem tenerum vel divitis orbi Testamentum ingens, calidae, pulmone columbae Tractato, Armenius vel Commagenus haruspex: Pectora pullorum rimabitur, exta catelli, Interdum et pueri. Man braucht keine besonders gründliche Kenntniss des Latein!- scheu zu besitzen, um zu sehen, dass alles von ״Spondet" an Gesagte sich auf den armenischen oder commagenischen Vogelschauer bezieht und die Juden nur der falschen Traumdeuterei oder alberner Prophezeiungen beschuldigt werden. Durch Weglassung der Worte Armenius vel Commagenus hat Natali die Bedeutung der ganzen Stelle gefälscht. Sollen wir ihn ob dieser Escamotage des Juden- Hasses beschuldigen? O nein, Herr Natali ist ja ein Freund der Juden, vielleicht selbst Jude, aber er hat sich eben auf eine schlechte Uebersetznng des Juvenal verlassen und sich nicht die Mühe genommen, das Original uachzulesen. Er wird nun vielleicht einsehen, dass es mit dem Weglassen pedantischer Citate allein nicht gethan ist; sondern dass man imurer auf die erste und verlässigste Quelle zurückgehen muß, wenn man ein brauchbares, verlässiges ׳ Buch schreiben will. Er hat dies bei jener Partie seines Werkes gethan, welche der römischen Proselytenmacherei gewidmet ist, und diese ist deshalb auch die interessanteste und wichtigste seines Werkchens. Möge er den Wink beherzigen, falls er daran gehen sollte, einen zweiten Theil zu schreiben. indem er sägte: ״Sieh, Deine Mittheilung hat uns alle sprachlos gemacht, sie hat also denselben Erfolg, den sie bei Euch durch Lieschen hervorbrachte. Selbst Herr Behrens sieht Dich noch wie geistesabwesend an. Kennen Sie denn auch schon das Fräulein", wandte er sich an Behrens ״das solchen Zauber verbreitet? Nun, ich muß, allen Scherz b i Seite, aufrichtig gestehen, dass Sie viel verloren hätten, wenn es nicht der Fall wäre, denn Fräulein Deborah verdient es. gekannt zu sein." ״Ich habe das Fräulein kennen gelernt," erwiderte Behrens ruhig, ״da ich ihrem Vater bereits einen Besuch abgestattet habe." Jetzt wandte auch Felix seinen Blick auf Behrens, und sah ihn an, als wollte er sagen, und Sie haben mir noch gar nicht gesagt, welchen Eindruck sie auf Sie machte? Behrens verstand die Miene, und sprach: ״Mein Aufenthalt war so kurz, dass ich vorläufig kein Urtheil habe, doch bitte ich, meine Herren, unsere Uebungen fortzusetzen, denn es bleibt uns nur noch wenig Zeit, da wir vor der Hochzeit nur noch einen Sonntag vor uns haben; während der ganzen Woche ist es ja uns allen ohnehin nkcht möglich, zu diesem Zwecke zusammen zu kommen." In Folge dieser Mahnung erhoben sich die Herren und beendeten ihre Uebungen. Beim Abschiede fand Felix Zeit, im Flüstertöne zu Behrens zu sprechen: ״Jetzt, lieber Freund, muß es sich entscheiden, in. fröhlicher Gesellschaft wird sie auch in der Stimmung sein, mich anzuhören, und dann sollen Sie alles erfahren, sei der Erfolg mein Glück oder meine Vernichtung." Behrens erbleichte, als er in die leuchtenden Augen seines , Freundes Felix blickte; und musste unwillkürlich die Hand zum Herzen führen, um ruhig zu scheinen. Er nickte zustimmend und begleitete seine Gäste hinaus. ^(Fortsetzung folgt.)