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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-11-08 · Heft 36 (8.11.1887) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 36 (8.11.1887)
Date
1887-11-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Am 22. Mai 1641 wurde Canosa, die.Frau des Juden Angelo di Pinw, mit zwei Kindern eingebracht, weil sie vor Zeugen sich und die Kinder zum Uebertritt verpsiichtet hatte. Am 2. Juli wurde sie als hartnäckige Jüdin entlassen, die Kinder — ein sechsjähriger Knabe und ein vierjähriges Mädchen — wurden getauft. Im September 1650 starb Salvator Spoletin! angeblich als Christ in Perugia; seine Kinder (iur Alter von zwölf bis sieben Jahren) wurden aufgegriffcn und getauft. Im Jahre 1755 starb ein Jude und hinterließ eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Ein züm Christenthum übergetretener Onkel bemächtigte sich der Kinder und brachte sie zum Sant Ufficio, wo sie getauft wurden; aber das Kleinste starb v»r Schrecken während der Ceremonie. Unter Urban VIII. sagte ein Mönch dem Juden-Serotino, er solle ihm ein Kind zur Taufe geben, und versprach, der Papst selbst werde es taufen. Der Jude ging anfangs darauf ein, bereute aber dann und sagte: ״Ich werde eher meine fünf Kinder tödten, als sie taufen Ersten." Die Sache wurde dem Papste berichtet, und dieser erklärte, wenn der Jude das eine versprochene Kind nicht gebe, solle man ihm alle nehmen.. Darauf drangen dieSbirren ins Ghetto ein, es kam zum Kampfe mit den Juden, und schließlich wurden dem Serotino zwei Kinder, ein siebenjähriges und ein Säugling, entrissen und getauft ... Und wie wurde das Recht der Familie im päpstlichen Rom des neunzehnten Jahrhunderts respectirt? Die Mittheilungen Natali's über die Thätigkeii "der Proselytenmacher gehen nur bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts, und er sagt nicht, ob es ihm an weiterem Material fehle, oder ob er es sich für den zweiten Theil seines Werkes aussparte. Es scheint' wohl letzteres der Fall zu sein, denn ich wüsste nicht, was der zweite Theil noch sonst enthalten könnte, da der erste schon bis zur Gegenwart geht. Freilich ist dieses ״bis ellilletoy, Der junge Cantor. Eine Erzählung von Cäcilie L ö w y. (21. Fortsetzung.) " ' ' " X- ״Ach, meine liebe Mutter, warum siehst Du nur die Dinge so schwarz? Deine übertriebene Fürsorge stimmt mich wieder heiter; glaube mir, der Gegenstand meines Nachdenkens hat für Dich nicht das geringste Interesse. Mache Dir auch keine Scrupeln über die Familie Dessauer, ich werde Dich sobald als möglich dort einführen, damit Du Dich überzeugst, wie wenig Ursache Du Haft, Dir ein Vorurtheil über die persönlichen Gesinnungen derselben gegen uns zu bilden. Was der alte Mann über meine Amtsthätigkeit denkt, dieses Thema wurde nicht berührt. Nun, er wird doch schließlich wieder das Gotteshaus besuchen, und ich will dann das Meinige thun, sein Vorurtheil zu besiegen; vielleicht gelingt es mir auch. Doch jetzt muß ich zur Sitzung eilen", sagte er, indem er wieder einen Blick , auf die Uhr warf. Frau Behrens sah ihren Sohn kopfschüttelnd an und schwieg. Doch als er sich entfernt hatte, murmelte sie vor sich hin: ״Nein, er wird wich nicht täuschen, in seinem Wesen ist eine Veränderung vorgegangen! Wie könnte es anders sein? Es muß sich etwas ereignet haben, was ihn in Aufregung versetzt. Wie kann ich das nur ergründen, wie gern wollte ich ihm den Weg ebnen! Doch er . glaubt mich durch ein Geständnis zu beunruhigest und bedenkt nicht, dass sein Schweigen mir noch bei Weitem mehr die Ruhe raubt. Mein ganzes Sinnen und Trachten ist ja dahin gerichtet, mein geliebtes Kind, das Ebenbild und einzige Unterpfand meines unverzur Gegenwart" nicht buchstäblich zu nehmen, denn Herr Natalr scheint einen besonderen Widerwillen gegen die chronologische Ordnung zu haben. Er erzählt oft das später Geschehene früher und kommt dann auf das früher Gesagte wieder zurück, um esin anderer Weise zu erzählen. Nachdem er von Paul IV. gesprochen, macht er wieder einen Sprung ins heidnische Rom, lässt Benedict XIII. im Jahre-1017 regieren und die große Pest im Jahre 1340 wüthen. Die den Juden gnädigsten Päpste führt er in folgender Reihenfolge auf: Alexander II, Clemens VI., Honorius III., Nikolaus III., Martin V, Leo X., Benedict XIV. und Sixtus V. Mit großer Unordnung in der Chronologie wird auch die Geschichte der Verurtheilung und Verbrennung des Talmud erzählt und dabei auch der Streit des ״Juden" Reuchlin mit den Dominicanern erwähnt. Man darf aber nicht glauben, dass Herr Natali sein Buch, dafür sachlich geordnet hat, wie es nach beit Ueberschristen der Capitel scheinen könnte. Auch hier herrscht dieselbe Unordnung und Confusion; Vieles, das gar nicht zur Geschichte des Ghetto gehört, wie z. B. die hebräischen Handschriften derVaticane, wird aussuhr-. lich behandelt, anderes viel Wichtigere gar nicht oder nur stüchtig erwähnt. So sagt er uns z. B. nichts über die erste Einrichtung des Ghetto, ob und wie die Juden aus anderen Stadttheilen dahin transferirt wurden rc. Auch an Jrrthümern und falschen Angaben fehlt es nicht. Auf Kleinigkeiten, wie, dass er Herodes den Großen den Befreier der Juden nennt, dass die Lombardei bei ihm schon 1492 eine spanische Provinz ist und dergleichen, wollen wir kein Gewicht legen; aber wir finden, auch gröbere Jrrthümer im Werke Natali's, namentlich in jenem Theile, welcher die heidnische Zeit behandelt. Er thut sich in der Vorrede etwas darauf zu gut, dass er den Leser mit Anmerkungen, Citaten und Quellennachweisen verschont und den Anschein einer unverdauten Gelehrsamkeit vermieden habe, obwohl er gar viele gesslichen, verewigten Gatten, glücklich zu wissen. Und verdient er es denn nicht? Ach, ich bin keine verblendete Mutter, das Schicksal hat mich zu hart geprüft, als dass ich blind für die Fehler meines׳ Kindes sein könnte, aber ich sehe klar und deutlich, dass mir der Allgütige sein Antlitz zuwandte, indem er mir einen Sohn gab,, der jede schmerzliche Erinnerung durch seine kindlich zärtlichen Worte verscheucht, der. meine Stütze und Freude im Alter geworden, und der mich die Wahrheit der biblischen Worte erkennen lässt, dass'der Ewige mit der einen Hand straft und mit der andern die Wunden heilt. Mein Mutterauge wacht über Dich, und ich werde es erfahren, was mein geliebtes Kind bedrückt: Kein Opfer soll mir zu-schwer sein, die Wolken von Deiner Stirne vertreiben zu helfen." Nach diesen Betrachtungen begab sich die gute Mutter wieder in's Wohnzimmer, um ihrer gewohnten häuslichen Beschäftigung nachzugehen: ־ Abends kam der Sohn in Begleitung mehrerer junger Leute -nach Hause, und Frau Behrens war froh, ihn unter seinen Gästen wieder heiter, zu sehen. Nachdem sich Letztere mit der Hausfrau.ein wenig unterhalten hatten, begaben sie,sich in das Zimmer des jungen Herrn Behrens, wo sie einige Lieder einübten, die bei dem Hochzeitsfeste im Bärwald'schen Hause gesungen werden sollten^ Besondere Aufmerksamkeit schenkte man einem von Emil Bärwald verfassten Carmen, bessert Text zu einer bekannten Volksmelodie passte. Sie übten eine Strophe nach der andern ein, und da der Inhalt dieses Hochzeitsliedes sehr humoristisch war, wurde viel gelacht und gescherzt. In den Pausen unterhielten sich die jungen Herren bei einem Glase Bier.' / ' ' ״Dass Adolf Berliner, mein Schwager in spe, mitgekommen", sprach Felix Weinstein, ״habt Ihr mir zu verdanken, denn' er glaubt, seitdem er Bräutigam ist, nicht mehr zu uns zu gehören, ich bestand aber darauf, dass er bei Bärwalds noch Mitwirken müsse, dann

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