Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 35 (31.10.1887)
- Date
- 1887-10-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453087-3453122--2290-3456523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— ton piano zu beginnen, da ist immer der naturgemäße Anfang des Falsets, und im ruhigen Gesangstyl muß diese Gränze durchaus eingehalten werden. Wenn jedoch die größte Leidenschaft mitwirkt, da mag es erlaubt sein, noch höhere, bloß forte existirende Brusttöne hie und da anzuwenden. Jedoch sind diese Töne, wenn nur der Nasen- und Gaumenklang entfernt ist, keiner weiteren Bildung fähig, und finden darüm als blos in einer Weise existirende Naturtöne, d. h. als bloße Produkte der Kraft in der strengen Schule selbst keinen Platz. Es bleibt hier vielmehr bei unserem ursprünglichen Satz, dass; zur Erzeugung eines Tons überall nur ein schwacher Athen! nothwendig ist, dass'sich mit demselben Minimum von Luft alle Töne Hervorrufen lasten und dass man demgemäß alle Töne nur herausziehen, nicht plötzlich Herausstoßen darf. Tonziehen ist Singen, Tonstoßen ist Schreien. Ja auch die Kraft eines Tons kann nicht durch. Stoßen des Athems in die Stimmbänder erlangt werden, denn hiebei ist nur der erste Anfang des. Tons der stärkste, und alles weitere Aushalten und auch. Anschwellen-Wollen des Tones ist schwächer, weil bereits die größte Athemkraft verbraucht ist. Dagegen ist beim- Anziehen -jedes Tons der׳ ganze Starkegrad (zunehmend und abnehmend) in unsere Gewalt gegeben. Und es versteht sich doch von׳, selbst, dass der Sänger Herr seines Athems sein muß, nicht ' dessen Sklave, wie dies nur beim Flankenathmen möglich ist. Zum Herauszichen der Töne gehört.-aber, dass die Erzeugung ohne Affekt geschehen muß, selbst die?orte-Töne müssen stets mit Ruhe angezogen sein, und nur in dem .Grade des,schnelleren Anschwellens,. nicht im Ansatz selbst besteht der Unterschied. Es muß von Anfang des Tons bis zum fortissimo stets ein Winkel sein, oder mit anderen Worten auch dem stärksten Tone muß jener Winkel, welcher in seiner Spitze den ersten ruhigen Ansatz und die leichte Ansprache des Tones bezeichnet, vorangehen, wenn der Winkel auch noch so groß ist. — Auch reichen solche gezogene kortissimo-Töue sicherlich für..die künstlerische Darstellung in der Oper aus: denn ein Held braucht nicht zu schreien. — . , (Fortsetzung folgt ) Das römische Ghetto.ר Von M. L. ^Fortsetzung) Wenn nun der Autor nicht angibt, wann die Wettrennen der Juden zur Carnevalszeit eingeführt, wann sie abgeschafft wurden, so ' ist diese Auslassung um so auffälliger, als sie sich ohne große Mühe vermeiden ließ. ' - Es war Paul H., ein Venetianer aus dem vornehmen Handels- Hause Barbo, der mit anderen Carnevalsvergnugungen auch diese einführte. Unter jenen Päpsten des fünfzehnten und des beginnenden sechzehnten Jahrhunderts, deren Wesen wie eine Verhöhnung des Begriffes der höchsten kirchlichen Würde erschien, mag man Paul II. getrost in die vordere Reihe stellen. Befleckte er die Tiara auch keineswegs mit den Gräueln, durch die der Name Alexander Borgia's für alle Zeiten geächtet ist, so Zeigte doch das ganze Wesen des einst für Len Kaufmannsstand bestimmten Venetianers, der dann, als sein Onkel mütterlicherseits (als Eugen IV.) zum Papst gewählt wurde, in die geistliche Laufbahn eintrat, und der nun in der Kirche schnell Earriere machte, eine solche Prunkliebe, einen solchen Sinn für Aeußerlichkeiten, so war doch die Sucht, Schätze zu sammeln und dann wieder die Neigung, Geld in Schaustellungen und öffentlichen Lust- .barkeiten zu vergeuden, bei ihm derart ausgeprägt, dass seine Regierung ein erschreckendes Beispiel von der Verweltlichung und Veräu- *} Nach einer Beilage der Münchner ״Mgem. Zeitung." ßerlichung des Papstthums im fünfzehnten Jahrhundert darbot, ohne . dass das. Genußleben dieses Venetianers von der feinsinnigen Thnt-׳ nähme an Kunst und Wissenschaft geadelt wurde, welche über das׳ unkirchliche Wesen und die Ausschreitungen, des Medicaers. Leo X.״ einen versöhnenden und fast verklärenden Schimmer bereitet. Das. römische Volk, das dem lebenden Papst zujubelte und sich an den׳ Festen, die er veranstaltete, ergötzt hatte, .ließ, es sich nach seinem. Tode - nicht nehmen, dass Paul II. ein Magier gewesen sei,, der in die Edelsteine, die er mit wahremGier sammelte-. Geister .zu bannen verstand,׳- und dass einer dieser Geisterden unfrommen Püpst erwürgthabe. Jn- Wahrheit stecken nur die Geister der Habsucht in diesen schimmernden ' Juwelen, doch in der Volksseele lehnte sich eine natürliche ׳und gesunde , Empfindung gegen die unnatürliche Erscheinung eines so verweltlich- ׳ ten Papstes auf und aus dieser gestaltete sich das phantastische Märchen von dem bösen Geiste, der den Papst geholt, als eine mittel- י alterliche Form des. Glaubens an eine rächende Nemesis. Dem geschilderten Wesen dieses Paul II. nun entsprach es, dass - er dem römischen Carneval das.Wesen heidnischer Feste gab, dass er mythologische Umzüge -veranstalten ließ, bei denen die Götter und Halbgötter des Olympus wieder. ihren -Einzug in die Stadt hielten, ׳ in denen sich einst ihre -Tempel erhoben hatten. Zu größerer Belusti- ׳ gung des Pöbels ließ er denn auch — wie es in jener Besprechung-- erwähnt war — Juden halbnackt über den Corse rennen. Der Papst ' selbst sah von dem Balkon des schönen Palastes San Marco, den er" am-Ende des Corso erbaut hatte, und der noch steht — den Namen führt-der'-'Palast von dem Schutzheiligen der Vaterstadt Paul's — ׳ dem rohen Schauspiele voll Vergnügen zu. Es war im Jahre 1468׳, - als dieses Wettrennen zuerst veranstaltet wurde. Die Sitte, die Juden . vorher zu reichlichem Essen zu zwingen, um den Wettlauf zu erschweren,' mag später hinzugekommen sein. ׳ . . . . Genau 206 Jahre dauerte die schnöde Sitte, die Clemens IX. auf Bitten der Juden im Jahre 1668 aufhob. Doch scheint es irrig, wenn Natali anführt, für. den Erlass jener Schmach hätten die Juden ' jährlich 1130 Goldgulden zahlen müssen. Diese Abgabe als Beisteuer zu den Belustigungen des Car nevals mussten sie schon früher trotz des Wettlaufs leisten. Für die Befreiung von dieser Pflicht wurde - ihnen die Zahlung von weitereu 300 Scudi jährlich auferlegt. Es war aber nicht blos der Pöbel, welcher die Juden quälte. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts pflegte ein Marchese det Grillo sich damit zu unterhalten, die vorbeigehenden Juden mit sieden-'׳ dem Wasser zu begießen'und sie zum Ziele von allerlei Wurfge-7 schoßen zu machen.. Nachdem er diesen.Sport einige Zeit betrieben״ hatte, wurde er vom Gouverneur von Rom vörgeladen und ihm die Fortsetzung dieser Unterhaltung verboten; doch wurde im gestattet ״zur Zerstreuung die Juden mit Früchten'zu bewerfen," was der edle Marquis sich nicht׳ vergebens gesagt sein ließ. Doch waren es keine. Kirschen und Erdbeeren, mit denen er von nun an die Juden ׳ bewarf. . .; : ' Dass sich die päpstliche Regierung auch die Bekehrung der Juden angelegen sein ließ, braucht nicht erst, gesagt zu werden. In ׳ früheren Zeiten suchte myn die Juden zu überzeugen und bediente sich dazu der Disputationen zwischen jüdischen und christlichen Gelehrten. Da aber letztere mitunter von den Argumenten der Juden in Verlegenheit gesetzt, oder in ihren religiösen' Gefühlen verletzt wurden, fand man es für passender,, nur dem christlichen T heile das Argumentiren zu gestatten und die Juden zur Rolle der stummen ' Zuhörer zu verurtheilen. So kamen die Judenpredigten ״in NöÄ auf, zu deren Anhörung die Juden nach einer Bulle Gregors Ä "׳ vom Jahre 1584 einmal in jeder Woche׳ gezwungen wurden. Jeden ' Samstag wurden alle Juden , über zwölf Jahre in eine bestimmte -