Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 35 (31.10.1887)
- Date
- 1887-10-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 — Könige, Volkslchrer, Vorstände, sogar Gott selbst, bildlich Hirten genannt. Der Mdrasch (Rabba, 2 M. 2. Kap.) macht eben diese Bemerkung mit Bezug auf den Psalmvers: ״ ייצדיקיבחןGott prüft den Gerechten" (Ps. 11). Wodurch preist er ihn? "׳במרעה צאן durch den Hirtenstand", und erzählt uns aus dem Leben Moses eine Episode, die mir in gebundener Rede hier mittheilen. Ms Moses einst, der treue Hirt — die Schafe weidend hat geführt. — Da ist ein Lämmchen ihm entstoh'n — Weitab ift's von der Heerde schon. — Der treue Hirte eilt ihm nach — und holt es ein an einem Bach. — Wo es vom Lausen müd und matt — den heißen Durst gestillet hat. — O, armes, sanftes Schäflein du- — ruft ihm der Hirte zu: — War's Durst, der dich gequält so sehr — bist matt und kannst zurück nicht mehr. — Aufhebt er's von des Baches Rand —Und trägt es aus den Schultern sanft. — Und Gottes Stimme ruft ihm zu — Erbarmungsvoller Hirte du! — Bist du so treu und fromm bedacht — Und hast du so des Thieres Acht. So sei Israels Hirt fortan — Ich trau dir meine Heerde an. — Aber auch die tteulosen Hirten, die falschen Könige, Lehrer und Führer Israels geißettm schonungslos die Propheten. Sie stellten sie dar als Hirten, die anstatt die Heerde zu leiten und zu weiden sich von der Heerde weiden ließen. Es mag nicht uninteressant sein, zu'Hören, wie der Prophet Jeheskel schon vor Jahrtausende die falschen Volksführer blosstellt, ihnen die erheuchelte Maske vom Gesichte reißt. Wir verstehen unter solchen Individuen, alle, diejenigen.Personen, welche Einstuss auf die Volkserziehung und Bildung berufsmäßig ausübm, aber anstatt dessen Wohl zu förderndas Volk zu .heben, vorwärts :zu bringen in materieller und geistiger Beziehung, alle :Macht an!sich zu reißen suchen, das Volk fanatisiren, irre sichren, geistig verkrüppeln, es aussaugen, sich mit der Fette des VöMs mästen und dabei vorspiegeln, dass Alles dieses im Interesse der heiligen Religion geschieht. ״So spricht der Ewige: הוי ח־עה ישראל. Wehe euch ihr Hirten Israels, die sich selbst weideten." "׳ הלא הצאן ירעו הרועיםWollten etwa die Heerden weiden die Hirten?" Das Fett genießet iM mit derWolle keidet Ihr euch, das Gemästete schlachtet LA, -aber die Heerde weidet ihr nicht, die Siechen stärkt ihr nichtdie ״Kranken heilt, ihr nicht, die Verwundeten verbindet ihr nicht, die Verirrten.?'ssucht ihr nicht auf den rechten Weg zurückzuführen, aber mtt Gsyalt herrscht ihr über sie nnd mit Strenge. "לכן,הרועים שמעו דבר יי,, Darum ihr Hirten, höret das Wort Gottes: ״Ich fordere mime Schafe' zurück von ihrer Hand, sie sollen sie nicht mehr le'ten,׳Fber auch die Hirten sich selbst nicht mehr meiden, ודרשו/י את צאני ובקרו/ים ich selbst - iM meine Schafe aufsuchen und -besorgen". (Jech. 34, 1—12.) So waren die Zustände im Zeitalter . dieses Gottesmanncs, vor beinahe dritthalbtausend Jahren, ein materielles Zeitalter, wo Wissenschaft und Religion als Mägde der Herrschaft des Mannes unterworfen waren. Und sind nach dieser geraumen Zeit die Zustände in politischer und religiöser Beziehung viel besser gestattet? W. . . . . r. (Fortsetzung folgt) Lehrerseminare 11n$ Cantorschulen. In Nr. 40 der israel. Wochenschrift in Magdeburg hat Herr OberkHrer Graf in Essen die Nothwendigkeit der Gründung von Cantorenschulen in einem Arükel, den auch wir reproducirten, auf's Nachdrücklichste betont, indem er aus die in vielen Gemeinden übliche Verquickung des Cantor- und Lehreramtes und die Unzulänglichkeit der Lchrerseminare, auf dem Gebiete des Chasonus Ersprießliches zu leisten, hinwies. Diesen gelungenen Ausführungen schließt sich in dem genannten Blatte neuerdings eine Stimme ״aus dem Hannoverschen" an, welche sich über dieses Thema in folgender Weise verbreitet: In der Voraussetzung, dass es im Sinne des Herrn Graf- Essen ist, wenn sein in Nr. 40 dies, gesch. Bl. gemachter Vorschlag einer Besprechung unterzogen wird, Möchte ich auf einzelne Punkte seines Artikels zurückkommen. Im Ganzen kann man den Vorschlag nur willkommen heißen, namentlich stimme ich dem bei, dass die jüdischen Lehrerseminare un« möglich das leisten können, was zur vollkommenen Ausbildung eines Chasans erforderlich ist, Es wird und muß immer ein guter ThejL dem Privat-Fleiß und -Studium, aufgebürdet werden. Im Ganzen wird wohl die Leistung des Semiyars, wie solche in der jüngsten Lehrerversammlung in Hannover festgestellt, das Maximum des zu Leistenden sein. Eine Umänderung der Stellung der Seminare, etwa derart, dass die jüdischen Lehrer ihre pädagogische und Wissenschaftliche Ausbildung aus christlichen Anstalten, ihre religiöse ״Fachbildung" aber auf dem jüdischen Lehrerseminare erhalten, ist unthunlich und in mehr als einer Hinsicht bedenklich. Abgesehen davon, dass bei einem Seminare die ״Fachbildung" eben die pädagogische,, also die Vorbereitung zum Lehrer ist, jede andere Disciplin incl. der religiösen aber zur allgemeinen Stellung doch viel Gutes gestiftet, nicht degradiren, dass wir sie zum Appendix einer christlichen Anstalt machen. Wenn wir auch heutigen Tages nicht in der Lage sind, jüd. consessionelle weltliche Lehranstalten zu gründen, so dürfen wir aber auf keinen Fall die bestehenden ausgeben eines unhaltbaren Principes wegen. Alles Gute muß conservirt werden, und darf man kein schmutziges Wasser, — um wie viel weniger erst reines, — eher wieder äqsschütten, bis man anderes reines Wasser hat.. Es hieße einen Selbst- .mord gegen die jüdische Lehrthätigkeit begehen, wollten wir unsere Anstalten ausheben oder degradiren. ' - Herr Gras hat richtig hervorgehoben, dass in der Mehrzahl das jüdische Lehramt mit dem Cantor-Amt verbunden ist, und da erwartet ja (nach den Worten des Herrn Levy--Norden) den unfäh igen Cantor ״ein glänzendes Elend". Nun, wenn das wirklich so ist, dann allerdingsaber auch nur dann, dürsten die nichtsähigen Cantoren nicht ausgenommen werden, da auch außerdem gerade die unerlässliche Fachbildung des Lehrers, die. pädagogische, den Uebertritt des Lehrers in andere Berufssphären erschwert. Nun können aber auch die Seminare sich ihre Zöglinge nicht nach Wohlgefallen wählen, sondern müssen dasMaterial nehmen, wie es geboten wird. Daher stimme ich dem Vorschlag des Collegen Gras bei, dass Cantorschulen gegründet werden, und zwar in beft Seminarstädten, welche in gewisser Beziehung zum Seminar stehey, deren Besuch seitens der Seminaristen facultativ ist, aber namentlich den weniger begabten in . allem Ernste und mit aller Wärme empfohlen wird. Der Seminardirektor müsste über diese Anstatt eine Art Oberaussicht führen. Es müsste an dieser Anstalt ein tüchtiger Cqntor, wie solche ja in den großen Städten vorhanden, und ein Chorhirigent unterrichten, es können aber außer den Seminaristen auchnoch ׳andere Schüler ausgenommen werden. Der Besuch muß regelmWg sein. Auch Chorgesang muß gepstegt werden. Dr. Earo-Pilsen hat sich seiner Zeit in diesem mit. Recht über die Mängel und Schwächen in unserem Cantorenweftn ausgesprochen, aber seine Reförmporschläge sind unausführbar, ein nichtmusikalischer Vortrag, ettpä in der Art einer Prehigt, devt Charakter des jüdischen Gottesdienstes nicht entspricht. Darum.darf eben der Rabbiner nur dann vorbeten, wenn er mit dem Chansonus vertraut . ist. Dass unwürdige Elemente vom Vorbeterdienste ausgeschlossen werden müssen, und die Wander-Vorbeter nicht mehr zeitgemäß sind.