Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 34 (23.10.1887)
- Date
- 1887-10-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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so verhält, wie die schmutzigen, baufälligen, Licht und Lust ent- Lehrenden Häuser des Ghetto zu den Prachtbauten Bramante's und Michelango's, welche das christliche Rom zieren. Aber wie der Fremde, der die ewige Stadt besucht, nachdem er die Prachtgebäude der Kaiser 'und Päpste-bewundert hat, auch den schmutzigen und engen Gassen des Ghetto seinen Besuch abstattet und auch von dort nicht ohne Gewinn für sein Wissen und Empfinden scheidet, so. lohnt sich auch die Lectüre von Natali's Werk nach der des Gregorovius'schen. Sehen wir in dem heidnischen und christlichen Rom das trotzige, kämpfende, erobernde und triumphirende Volk, so finden wir im jüdischen Rom das leidende, besiegte und verfolgte, aber nicht minder tapfere. Einer der eifrigsten modernen Antisemiten hat es gesagt, und es ist vielleicht die einzige richtige Bemerkung in seinem Buche: ״Achtzehn Jahrhunderte mit unglaublicher Geduld ertragener Verfolgungen beweisen, dass, wenn dem Juden auch der Kampsesmuth fehlt, er doch den Muth des Widerstandes besitzt". Und es waren nicht bloß Verfolgungen mit Feuer und Schwert, sondern die manchmal viel schmerzlicher empfundenen Verhöhnungen und Verspottungen, welche die Juden zu erdulden hatten, in manchen halbasiatischen Ländern noch zu erdulden haben; neben der gewaltsamen Bekehrung, durch den übereifrigen Clerus neben der Ermordung und Beraubung durch fanatisirte, beutegierige Pöbelhaufen — die Verletzung und Entweihung seiner religiösen und nationalen Gefühle, das Lächerlichmachen durch aufgezwungene Tracht und erniedrigende Dienstesleistungen. In Rom, wie überhaupt in Italien, waren die Leiden der Juden mehr von der letzteren, man möchte sich zu sagen versucht fühlen, von der komischen Art, wenn sie nicht für die Betroffenen oft die bittersten tragischen Folgen gehabt hätten. Massenermordungen und Massenaustreibungen, wie sie in anderen Ländern oft vorkamen, haben die jüdischen Bewohner des Kirchenstaates nicht zu erleiden gehabt. Seit den Zeiten des Pompejus haben immer Juden in Ron! gelebt. Sie wohnten, wie das ihre Art ist und wie es im sorgt", sagte er, ihr die Hände streichelnd, ״Herr Felix wird sich von mir bald eines Besseren überzeugen lassen. Der kleine Schwärmer fühlt sich ganz besonders zu mir hingezogen, und ich liebe ihn auch, weil er ein offenes, gutmüthiges Herz hat, das dem Verstände gern den Rang abläuft." Nach diesen Worten versank Behrens wieder in tiefes Schweigen, seine Mutter suchte nach einer Handarbeit, indem sie hin und wieder -ihren Blick auf den Sohn richtete, der, den Kopf auf der Hand gestützt, ernst vor sich hinsah. Nach geraumer Zeit stand er auf und begab sich in sein Zimmer. Hier griff er nach Noten, um ein Lied ׳anzustimmen, doch es gelang ihm nicht, den richtigen Ton zu finden, und er legte das Heft unwillig bei Seite. ״Ja, wie ist mir den heute zu Muthe", Hub er mit sich selbst redend an, indem er im Gemache auf und nieder gieng, ״dass meine Gedanken so ausschließlich bei ihr weilen, die ich kaum kenne, von der ich nur so viel Lobendes reden hörte? Und doch war es mir Lein! ersten Blick in ihre schönen, vergeistigten Züge, als fände ich alles, was mir über sie gesagt wurde, bestätigt. Wie ein lichter Moment in meinem Leben erscheint mir die kurze Zeit, welche ich in ihrer Nähe weilte. Wie weich ist der Ton ihrer Worte, wie warm und theilnahmsvoll ihr Blick! O, es ist möglich, dass mir dieses Mädchen, die Tochter des Mannes, dem ich unbewusst so viel Weh bereitet, meine Ruhe rauben könnte! Herz, mein Herz, ich kenne dich nicht mehr! — O, meine gute Mutter, eine grenzenlose Liebe für dich ׳ füllte mein Herz aus, und die Erzählungen von jener Liebe, die ich heute fühle, hielt ich nur für schöne, herrliche Märchen. O, Gott, dass ich eines Andern belehrt wurde, macht mir das Herz schwer, und ich möchte dir zu Füßen fallen, meine gute zärtliche Mutter, und dich bitten, mir zu vergeben, dass meine Gedanken bei dem Mädchen weilen, das du gewiss auch lieben könntest. — Doch wohin führen!mich meine eiteln Gedanken, welches Recht habe ich auf sie, die mir Mittelalter, oft auch der anderen Fremden der Fall war, meistens m besonderen Gassen — in das Ghetto hat sie aber erst einer der fanatischsten Päpste, Paul IV.. eingesperrt. Man duldete die Juden in Rom theils des Einkommens wegen, das man von ihnen zog, theils als abschreckendes Beispeil, damit die Christen sehen sollten, wie viel die Ungläubigen schon in diesem irdischen Leben zu leiden haben. Dabei befolgte man auch nicht das anderswo beliebte System, einzelne Juden sich bereichern zu lassen, um sich dann mit einem Griffe ihres Vermögens zu bemächtigen, sondern hielt sie immer so gedrückt, beschränkte sie so sehr in jedem Erwerb, dass sie nicht zum Wohlstand, geschweige denn zu Reichthum gelangen konnten. Deshalb kamen auch in Rom Plünderungen von Judenhäusern seltener vor, als in anderen Städten. Ganz ließ sich freilich der Pöbel dieses Vergnügen auch in der ewigen Stadt nicht nehmen, aber er wartete immer eine besondere Gelegenheit dazu ab. So wurden beim Tumult, der die Ermordung Basville's begleitete (13. Januar 1793), die Judenhäuser geplündert, und die Plünderung wurde wiederholt, als die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs XVI. nach Rom kam. Einige Jahre später a) nach Abzug der Franzosen wurden die Juden wieder geplündert, und die Rückkehr des Papstes im Jahre 1815 wurde ebenfalls mit einer kleinen Plünderung gefeiert. Im allgemeinen zeigt es sich aber, dass die Juden im Kirchenstaat während des Mittelalters viel weniger zu leiden hatten als in den späteren Zeiten. So genossen sie z. B. im 14. Jahrhundert in Anagni alle bürgerlichen und politischen Rechte, von denen sie noch im Jahre 1517 einen großen Theil besaßen. Erst in der zweiten Hälfte des 16 Jahrhunderts wurden sie auf Befehl des Papstes von dort vertrieben. 3) *) Ambrosi de Ma* iatria.- Lo statuto di Anagni. Rom, 1880. ף Im Jahre 1798, nicht am 25. Januar 1794, wie Natali unrichtig angiebt. so ferne steht, die von meinem Freunde Felix angebetet wird, obgleich er mir gestand, dass er noch keinen Hoffnungsschimmer auf Erwiederung seiner Verehrung empfangen? Und doch mag sie nur aus jugendlicher Befangenheit geschwiegen haben und in ihrem Herzen über seine Zuneigung beglückt sein. — Und ich — 0, ich würde in meinen Noten und Büchern Vergessenheit suchen und innigen Antheil nehmen an dem Glücke der beiden von mir geliebten Menschen. Sie sollten es nie und nimmer erfahren, was ich empfinde, und der allgütige Gott wird sich meiner erbarmen und meinem Herzen den Frieden geben". Ein Seufzer entrang sich seiner Brust und ununterbrochen setzte er seine Wanderung im Zimmer fort, als wollte er durch die schnelle Bewegung seinen Gleichmuth wieder Herstellen. Endlich sah er auf die Uhr und erinnerte sich, dass es an der Zeit sei, zur Borstandssitzung. zu der er gerufen worden, zu gehen. Da öffnete sich die Thür und Frau Behrens schaute mit besorgtem Blicke in's Zimmer, indem sie sprach: ״Nun, mein ^>imon, willst du mir denn heute gar nicht anvertrauen, was dich so aufregt. Ich hörte deine monotonen Schritte, und ich wagte es nicht, dich zu stören. Doch du kommst mir heute so ganz anders vor, als gewöhnlich; sage mir nur, was dich bedrückt, denn du weißt es ja so gut wie ich, dass meine Ruhe von der deinigen abhängt, dass ich glücklich bin, wenn alles, was du fühlst und denkst, wie ein offenes Buch vor mir liegt, verhehle mir nichts, mein Kind. Siehst du, ich ergehe mich in Vermuthungen, die vielleicht nicht die richtigen sind.; Hast du bei Herrn Deffauer etwa nicht den erwarteten Empfang gehabt? Bist du unangenehm berührt worden durch die Gesinnungen des Mannes, der dir doch gewiss nicht gram sein kann?" (Fortsetzung folgt.)