Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 34 (23.10.1887)
- Date
- 1887-10-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— 4= — blasen werden; sobald also der ausströmende Luftstrahl unterbrochen wird, wird auch der Ton unterbrochen; sobald die ausströmende Luft stoßweise, nicht in fortlaufendem Strome, an die Stimmbänder herankommt, werden auch diese nur einzelne Stöße, Erhebungen des Tons, keinen gleich fortlaufenden Ton hören lassen; geschieht ferner das Blasen nicht in gleicher Starke, so werden auch die Schwingungen stärker oder schwächer werden: kurz Alles, was am Athem vorgeht, wird am Tone offenbar. Der Athem ist endlich der eigentliche Reprasentant unseres Lebens und besonders auch der Erregungen der Seele, und dadurch der innerste Vermittler unserer Empfindungen mit dem Tone. Es ist Thatsache, dass die Brust beim Einathmen der Lust auch beim Flänkenathem sich etwas hebt, während der Untere leib zurücktritt, beim Ausathmen aber sich etwas senkt, während der Unterleib wieder etwas hervortritt. Der Oberleib also, oder die Brust, wird beim Singen, das eben im Ausströmen der Luft stattstndet, ein wenig erhoben sein und mit abnehmendem Athem wieder etwas zurückgehen: es ist daher vor Allem eine aufrechte Haltung des Körpers nothwendig, dagegen alle Beengung der Brust von außen durch zu enge Kleider, durch Ueberschlagen der Arme, auf der Brust rc. beim Singen zu vermeiden: dies incommodirt den Athem. Damit sodann das Ausströmen des Athems ganz ruhig geschehen kann, stehe man während des Singens ruhig; im Gehen lässt sich nicht gut singen, weil der Athem nicht ruhig ist, auch nicht sogleich nach starkem Gehen oder heftigen Reden, weil da die Lungen noch in zu rascher Bewegung sind. Da aber zum Singen ein ruhiger Athem nothwendig ist, so muß der Sänger auch überhaupt sein Leben darnach einrichten und sich besonders vor nächtlichen Zechereien rc. hüten. Ferner ist nur Lei Ruhe Sicherheit möglich; und der Lehrer thut gut, wenn er vor Beginn jeder Stunde seinm Schüler auch zur größten inneren Gemüthsruhe und zur klarsten Besonnenheit ermahnt; denn auch abgssehen von dem nöthigen Hellen Bewusstsein dessen, was man thut, ist die Ruhe der Seele schon deshalb nothwendig beim Singen, weil nlle zu starken Assecte den ruhigen Luftstrom hindern. Wir machen eMelmh Wer junge Cantdr. Eine Erzählung von Cacilie L ö w y. (20. Fortsetzung.) X Als Cantor Behrens das Haus Deffauers verlassen hatte, lenkte er seine Schritte seiner Wohnung zu, welche sich ebenfalls im Judenviertel befand, und zwar in dem Hause, das Rabbi Baruch bewohnte. Er hörte, als er das Vorhaus passirte, die Stimme des Rabbi, die aus dem Studierzimmer klang, und er hielt seine Schritte an, um dem Greise einen Besuch abzustatten, denn er lauschte gern seinen belehrenden Gesprächen, besonders da er stets von seiner Mutter ermahnt wurde, die talmudischen Studien zu - pflegen, denen er sich auch in seinen Mußestunden gerne hingab. Doch heute fühlte er eine Aufregung, deren er nicht Herr werden konnte. Deshalb glitt seine Hand, die bereits auf der Thürklinge ruhte, herab, und er eilte die Treppe hinauf, um in seinem Zimmer Beruhigung zu finden. Die Mutter erkannte den elastischen Schritt ihres Sohnes und öffnete die Thür, indem sie sprach: ״Endlich, mein Kind, kommst du nach Hause, du hattest während deiner. Abwesenheit den Besuch einiger Herren, die lange auf dich warteten, bis sie endlich des Wartens müde wurden und nach Hause giengen, Wo hieltest du dich denn so lange auf?" sprach.sie, ihm in sein Zimmer folgend. ״Ich habe einen ziemlich weiten Spaziergang gemacht, und. dann gieng ich zu Herrn Dessauer", erwiderte Behrens, ״bei . dem ich mich natürlich, da er noch Reconsvakescent ist, nicht lange aufhielt." diese Erfahrung ja sehr oft, wenn Jemand z. B. in der Angst singen soll; die Angst beschwert den Athem, unterdrückt ihn oft ganz, oder lässt ihn nur in einzelnen abgebrochenen Stößen heraus, nicht in einem ruhig fortlaufenden gleichen Strome. Sobald also die Lungen nicht ruhig sind und ein ruhiges Ausathmen Nicht möglich ist, ist auch ein gutes Singen nicht möglich, indem das Unruhige des Athems auch dem-Tone sich mittheilt und ein Zittern desselben bewirkt; einen ruhigen gleichen Ton dagegen gewinnen wir durch ejn ruhiges, schwaches Ausathmen; und der. mit schwachem Athem, d. h. piano, erzeugte Ton ist schon insofern für den Anfänger der beste, als er der ruhigste ist. (Fortsetzung folgt) Das römische Ghetto. *) Von M. L. Die Geschichte der Weltstadt R o m hat uns Gregorovius in einem großartigen Werke erzählt, in welchen! die Ergebniße gründlicher Forschung in gefälliger, schöner Form dargestellt sind. Innerhalb dieses großen, ewigen Rom befand sich ein kleineres, nicht viel jüngeres Rom, das sein Eigenleben in kümmerlicher, bedrückter Weise bis auf unsere Tage fortfristete — das GH etto der Juden, welches nun endlich vom wohlverdienten Schicksal der Demolirung erreicht wurde. Die Geschichte dieses kleinen Rom hat Hr. N a t a l i zu schreiben unternommen *) aber — er ist kein Gregorovius. Wir wissen nicht, ob es ihm an Talent, Fleiß und an den sonstigen Vorzügen des deutschen "Historikers fehlt, oder ob er absichtlich sein Licht unter den Scheffel stellt, um sein Werk in das richtige Verhältnis zu seinem Stoffe und zum Werke Gregorovius' zu bringen. Wir finden nämlich, dass sich Natali's Buch zu dem des Deutschen v *) Nach einer Beilage der Münchner ״Allgem. Zeitung." 11 Ettore Natali: II Ghetto di Roma, volume primo. > Roma, Stabilimento tipografico della Tribuna 1887. ״Das Mittagessen ist schon vorbereitet, und ich wartete nur noch auf dich Simon, komm' also bald zu Tisch, denn ich werde gleich auftragen lassen." Behrens wechselte seinen Salonrock mit einem Hausröckchen und folgte seiner Mutter, mit der er schweigend das Mahl einnahm. ״Warum denn heute so einsilbig?" fragte Frau Behrens nach eingenommener Mahlzeit, ״wo weilen denn deine Gedanken, mein Kind, dass du so kurz meine Fragen beantwortest? Hattest du vielleicht im Amte einen Verdruß, den du mir verheimlichen willst? O, schütte mir dein Herz aus! Weißt du denn nicht, dass du bei mir die ernsteste Theilnahme findest?" Und sie rückte ihren Sessel näher, ergriff stiue Hand und blickte besorgt in das Antlitz ihres geliebten Sohnes. ״Aber, liebe Mutter, wie kommst du nur auf dieseJdee", fragte Behrens, zerstreut den Blick auf die Mutter richtend, ״warum sollte ich denn Unannehmlichkeiten gehabt haben, bin ich denn auf einmal nicht dein wohlerzogener, friedliebender Sohn", sagte er lächelnd, ״dass du solche Vermuthungen aussprechen kannst?" ״Nun, meine Vermuthung ist nicht so unbegründet", sprach sie ernst, ,,denn deine Gäste, die dich nicht zu Hause träfen — du hast dich noch nicht einmal erkundigt, wer sie waren, es war nämlich Herr Felix Weinstein und Herr Emil Barwald, —meinten, dass sie bei dir auf Widerstand-stoßen werden, da du es nicht zugeben wirst, zur Trauung des Frl. Bärwald vom Männerchor ein deutsches Lied singen zu lassen." ״So", sagte Behrens ״ich dachte) das Thema wäre schon erledigt, wir haben ja bereits gestern darüber debattirt, und ich sagte, dass diese Idee, abgesehen von meiner persönlichen Ansicht, aus Rücksicht für den Herrn Rabbiner unbeachtet bleiben müsse. Ja, Herr Felix, fehlte gestern in der Gesellschaft und dieser wollte vielleicht den gestrigen Beschluß nicht gelten lassen. Doch sei nur unbe-