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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-10-23 · Heft 34 (23.10.1887) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 34 (23.10.1887)
Date
1887-10-23
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Die Zeit der Gegenreformation fachte auch den Judenhass aufs neue an, vielleicht weniger beim römischen Volke, als bei den Päpsten. Paul IV., der Papst, von dem der fromme katholische Historiker Muratori sagt, er habe die Worte des Apostels ״ein Bischof soll weder stolz noch jähzornig sein" nicht genug beherzigt, und von dem. Ranke erzählt, dass er ״Stunden lang nach Tische Lei dem schwarzen dicken vulkanischen Wein aus Neapel saß", Paul IV. der erbitterte Feind des Hauses Habsburg, dem selbst Karl V. und König Philipp II. nicht genug katholisch waren — war vielleicht der größte Judenfeind unter den Päpsten. Er machte sich aberbei den katholischen Römern nicht minder als' bei den Juden verhasst. Nach seinem Tode wurde der Palast der Inquisition geplündert und angezündet und die Gefangenen befreit; des Papstes Bildsäule ward vom Postamente gerissen, zerschlagen und der Kopf derselben mit der dreifachen Krone durch die Straßen geschleift. Damals wären die Päpste noch weltliche Herrscher und unbeschränkte Herrn Roms, und man konnte sich nicht einmal die Genugthuung verschaffen, die Regierung des ״Usurpators" für diese Scenen verantwortlich zu machen. * Pins V., der Nachfolger Pauls IV., stellte das Gebäude der Inquisition wieder her und vertrieb die Juden aus Benevent und Avignon, so dass ihnen in! Kirchenstaat nur der Aufenthalt in Rom , und Ancona gestattet blieb. Von den späteren Päpsten hat sich nur Leo XII. als besonderer Feind der Juden gezeigt. Ihre Lage blieb .mehr als zwei Jahrhunderte ziemlich unverändert. Aus die kurze Zeit der Freiheit während der französischen Herrschaft folgte die Reaction im Jahre 1814. Die Juden wurden wieder ins Ghetto getrieben nnd der Jurisdiction des Cardinalvicars unterstellt, dessen Eompetenz sich auf Juden, Geistliche, Nonnen und öffentliche Dirnen erstreckte. So wie den Dirnen war es auch den Juden verboten, während des Earnevals maskirt auf dem Corso zu erscheinen und. wurden die diesem Verbote Zuwiderhandelnden mit öffentlicher Aüs-׳ peitschung bestraft. , Zu den Päpsten, welche sich den Juden gegenüber einigermaßen gnädig zeigten, rechnet Natali Gregor IX., Nikolaus III., Martin V., Benedict XIV-., Clemens XIV. und, was vielleicht am meisten überraschen wird, auch den strengen Sixtus V. Doch spricht die Razzia, welche im Jahre 1753 im ganzen Kirchenstaat gegen jüdische Bücher veranstaltet wurde, nicht eben für die Judenfteundlichkeit Benedicts XIV. Nach der im ganzen Natali's herrschenden Unordnung wird von dieser Razzia aus Seite 76 erzählt, während die Milde Benedicts erst auf Seite 214 erwähnt wird. Was Sixtus V betrifft, so war es vorzüglich sein Eifer für die Beförderung des Seidenbaues, der den Juden zu Gute kam Er ertheilte einem Juden ein Patent, auf eine Erfindung, aus den Seidenwürmern einen größeren Ertrag zu ziehen, knüpfte aber daran die Bedingung, dass der Jude die Hälfte des Reinerträgnißes der Schwester des Papstes zukommen laffen sollte. Der einzige Papst, welcher die Juden wirklich menschenfreundlich behandelte war Pius IX., der auch nach der Reaction und als ״Gesangener im Vaticau" sich den Juden nicht feindlich zeigte. Als im Jahre 1872 im römischen Gemeinderathe beantragt wurde, die Em- Lleme des Christenthums .aus dem Kirchhof von Campo Varäno zu entfernen, sprach der Jude Samuel Alatri dagegen, und der Papst, dem es erzählt wurde, sagte hierauf: ״Ich habe es immer gesagt, dass der Sor Samuele der christlichste unter den römischen Gemeinderathen ist." Unter diesem Papste wurden zu Ostern des Jahres 1847 zuerst die Mauern, welche das Ghetto einschlossen, niedergeriffen, und aus seiueu Befehl wurde auch der erniedrigende Huldigungsact, den die Juden jedes Jahr der Stadt Rom unddem Päpste leistem mussten, ganz abgeschafft. Früher mussten-die Vertreter der Juden im vorgeschriebener lächerlicher Tracht vor dem.Senator uud den Conservatoren der Stadt erscheinen und mit dem üthigen Worten die Huldigung leisten. Einer der Conservatoren versprach ihnen Hierauf- Schutz und Sicherheit, vorausgesetzt, dass sie den Befehlen der Obrigkeit jederzeit gehorchen-und.die vorgeschriebenen Judensteuern pünktlich entrichten würden. Dann entließ er sie mit dem Worte:- ״Marsch! (Andate), das bis zum Anfang dieses Jahrhunderts von der Andeutung, eines Fußtrittes begleitet war. Der Auszug der Juden-- deputation zum Capitol in ihrer sonderbaren Tracht. gab. natürliche dem Pöbel Gelegenheit zu allerlei Neckereien und Hänseleien, von denen die Juden erst im Jahre 1827 befreit wurden, als ihnen aufihre Bitten gestattet wurde, in gewöhnlicher Tracht zu erscheinen. Den Uebergang von den mehr komischen zu den rein tragischen Leiden der Juden in Rom bilden die Wettrennen, zu denen sie inr Carneval gezwungen wurden und wobei es ihnen, oft viel schlimmer ergieng, als den Pferden (Barberi), welche ebenfalls zur Belustigung, des römischen Volkes längs des Corso rennen mussten. Wer einmal selbst ein solches Carnevalsrennen mit angesehen oder auch nür aus׳ der- Beschreibung kennt, welche Göthe davon in seiner italienischen Reise giebt, wird sich eine Vorstellung von dem machen können, wasdie Juden dabei zu leiden hattendenn wenn auch die armen Pferde hie und da maltraitirt wurden, so galt dies doch nicht für ein soverdienstliches Werk wie die Mishandlung der Juden. Mit nackter 'Brust und nackten Beinen mussten acht Juden eine Strecke von beinahe einein Kilometer laufen und manchmal wurden sie noch vorhergezwungen, viel zu essen, damit ihnen das Rennen umso beschwerlicher fallen sollte. Versuchte es einer zu entweichen, so wurde er von den. Wachen, mit Lanzenstichen zurückgetrieben und ein frommer Chronist, berichtet mit wahrer Befriedigung, wie die Juden einmal bei furcht-- barem Unwetter, bei Wind und Regen, ״wie sie es verdienten",, laufen mussten. Dabei erlaubte sich der Pöbel noch allerlei Mis- Handlungen der Juden, denen die zahlreichen Strafandrohungen,, welche die Regierung dagegen erließ, nicht Einhalt thun konnten- Kam es doch vor, dass Leute aus dem Volke-auf den Rücken derrennenden Juden stiegen und sich ihrer als Reitthiere bedienten. (Schluss folgt.) . Meine Chronik. Wien. (Vorlesungen an! Wiener Bet ha Midrasch währenddes Wintersemesters 1887/1888.)' Herr Lector M. Friedmann wird- Samstag um halb 12 Uhr die laufende Parascha erklären, Sonntag, von 6—7 Uhr n. B. Samuel Cap. 13 mit den correspondirenden Psalmen. Dienstag und Mittwoch von 6—7 Uhr Midrasch Rabba zur Genesis von Cap. 45 vorgetragen. Derselbe wird auch Samstag, und Sonntag Unterricht in Bibel und Talmud den Gymnasialschülern in zu vereinbarenden Stunden ertheilen. Herr Lector I. H. Weiß wird Sonntag, Dienstag und Mittwoch von 2—4 Uhr Talmud Tractat Berachot, Donnerstag von 8—10 Uhr Maimonides Seser Ha-Mizwot,. Montag und Donnerstag von 6—7 Uhr Geschichte des Talmudstudiums von R. Saadja Gaon bis. zum Tode des R. Mosesben Maimon vortragen. Ueber die abzuhaltenden populären wissenschaftlichen Vorträge wird zur Zeit durch Ankündigungen am schwarzen Brett Nachricht gegeben werden. Die Vereinsbibliothek ist, Samstag. \ ausgenommen, täglich von 10—12 Uhr geöffnet. Die Vorlesungen, beginnen Sonntag den 22. Oktober. ׳ Wudapest. Sonntag den 16. d. M. fand die feierliche Grundsteinlegung der neuen Synagoge, welche die Ofner israel. Cultusgemeinde an Stelle des. alten Neustifter Bethauses errichtet, statt. Dev/ Tempel wird nach den Plänen des hauptstädtischen Architekten Alexander Fellner im französisch-gothischen Style erbaut und ist für- 300 Personen berechnet.

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