Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 33 (15.10.1887)
- Date
- 1887-10-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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das menschliche Stimmorgan selbst zurückgegangen .sind und.׳ fleißige Untersuchungen damit angestellt haben; vor Allem gilt dies von den Untersuchungen, welche Joh. Müller in sehr ausgedehnter Weise an todten Kehlköpfen selbst gemacht hat. — Seit dieser Zeit nun, da man dm menschlichen Stimmorganismus naher kennen gelernt hat, haben auch die Gesanglehrer mehr oder weniger an die dort gewonnenen Resultate sich anzulehnen gesucht und die Gesangschülen, welche früher höchstens mit Noten-Beispielen begleitet waren, enthalten - seit smer Zeit auch anatomische Beschreibungen und Zeichnungen der einzelnen Theile des menschlichen Stimmorganismus. Und damit ist offenbar, schon ein großer Schritt zu einer, wissenschaftlichen Begründung der Gesangkunst geschehen; aber wenn wir nach den Resultaten fragen, welche aus jenen anatomischen Beschreibungen für die Gesanglehre selbst wirklich gewonnen worden sind, so müssen wir leider eingestehen, dass die Resultate für den Gesang noch gar nicht daraus gezogen worden sind, dass daher das alte Dunkel, welches so lange-über der inneren Werkstatte der menschlichen Stimme ausgebreitet lag, noch heute über dieser alten Kunst waltet. Denn, wenn auch wohl die Ansicht über das menschliche Stimmorgan im Allgemeinen sich gebessert hat, so sind doch die einzelnen Gesetze der Thätigkeit Leim Singen, wie sie aus der Natur der betreffenden. Muskeln rc. folgen, immer noch im Dunkel geblieben. Natürlich blieb bei so Lewandten Umständen auch die Gesangskunst und die Methode sie zu lehren, dasselbe, was sie zuvor war, d. h. rein empirisch und unsicher; jene natürlichen Gesetze ließen sich höchstens ahnen, aber wissenschaftlich erklärt und festgestellt waren sie nicht. Dass aber auch-gerade diese Kunst einer noch tieferenIund klareren Wissenschaft׳ lichen Begründung bedarf, spricht sich deutlich genug nicht bloss in eben jenen Gesangschulen aus, wo neben jenen physiologisch-anatomischen Beschreibungen noch die alte Unsicherheit und Unordnung hergeht, sondern auch in dem beim großen. Publikum fast allenthalben Herrschenden Mangel eines sicheren Kriteriums für guten Gesang überhaupt. — Weshalb aber jene physiologischen Untersuchungen,׳ welche am todten Organe sich machen kaffen, dis jetzt für die Gesaugkunst ohne Resultat geblieben sind, hat offenbar darin seinen Grund, dass auch, die besseren Gesanglehrer (welche sich selbst eine Kenntnis des Organs verschaffen wollten) immer nur bei der Betrachtung des Organs in seinem ruhenden Zustande stehen geblieben sind, statt, was die . Hauptsache ist, nach der Art und Weise der Thätigkeit desselben, besonders der betreffenden Muskeln zu fragen. Sie hätten nicht blos. die Beschaffenheit der einzelnen Theile, sondern ־ auch deren Funktion selbst genau beschreiben, und sodann, gemäß der Leim todten Organ sich klar herausstellenden Thätigkeit jedes Theils, den richtigen gesetzmäßigen Gebrauch des lebendigen Organs seststellen müssen. Denn das Singen besteht ja eben nur in der größten Thätigkeit des'Organs. Während wir auf diese Weise in den bisherigen Gesangschulen neben vielen Wahren auch ’ viel Unrichtiges, jedenfalls aber auch' das Richtige ohne inneren Zusammenhang und nicht aus feinem nothwendigen Grunde erklärt vor finden, so hat unsere Arbeit dagegen die Aufgabe sich gesetzt, ein auf die Physiologie gegründetes System nicht blos zur Erzeugung und Nüaneirung der einzelnen Töne der menschlichen Stimme, sondern auch zur Herstellung einer ganz gleichen Reihe von Tönen und zu ihrer Beseelung zu geben. Der Stimm-Organismus des Menschen zerfällt in׳ drei Theile, das Windrohr (Lungen und Luftröhre), der Schwinger (der Kehlköpf) und das Ansatzrohr (Schlund und Mundhöhle). Nur durch richtige Thätigkeit jedes einzelnen dieser drei Factoren, sonn e durch richtiges Zusammenwirken aller drei wird ein guter Ton erzeugt. Zeder Theil hat nämlich semeu wesentlichen Berufskreis, wobei' jedoch immer'auch die beiden! andern.Theile, nur;in'mehr untergeordneter Weise, Mitwirken. -. - . 1 '■ Bei jedem Ton, welchen der Mensch erzeugt, er liege tief oder hoch, sei stark oder schwach,'hell oder dunkel, wirken immer! obige drei Bestandtheile zusammen. Die von den Lungen׳ ausströmende Luft'setzt die elastischen Stimmbänder im.Kehlkopf in Bewegung (Schwingung); diese geben dadurch einen Ton, welcher so lange dauert, als׳ die Lust sortströmt und die Bänder in Bewegung setzt, die Luft selbst aber trägt nun den innen entstandenen Ton durch die Schlund- -und Mundhöhle -hindurch nach außer: und auch durch die Beschaffenheit und Thätigkeit dieser Theile - wird der Klang Modificirt. Dies ist im Allgemeinen die Funktion jenerdrei Factoren beim Gesang. Wir sehen dies auch ganz deutlich, wenn wir den Kehlkopf einer Leiche ausschneiden, ihn auf ein Brett befestigen und mittelst einer unten'angebrachten Röhre Hineinblasen: es entsteht auch hier ein Ton am todten Kehlkopf, der so lange'dauert, als wir in die Röhre Hineinblasen.-Der Ton entsteht also nicht in der Brust (wie Manche durch die Bezeichnung ״Brustton" sich haben verleiten lassen), sondern im Kehlkopf; alle Töne (Brust- und Falsettöne, selbst die Töne des Bauchredners) entstehen nur hier. Die Brust gibt nur die Luft dazu her, ׳und setzt durch das Ausströmen derselben die unteren Stimmbänder, welche die sogenannte Stimmritze ׳einschließen, in Schwingung, etwa in derselben Weise, wie wir durch Ausbläser! der Luft die Zunge einer Maultrommel in Schwingung setzen nnd dadurch einen Ton Hervorbringen. ׳ ׳!!! Beim Einathmen oder Einströmen der Luft durch den Kehlckopf entsteht kein Ton höchstens ein gewisses Rasseln, beim Einathmen gehen nämlich die Simnibäuder sehr auseinander, die Ritze zwischen ihnen ist erweitert^ beim Ausathmeu -dagegen verengt sich überhaupt die. Stimmritze,, die Stimmbänder nähern-sich.׳-Und ist!dies schon beim Sprechen der Fall, so ist vollends beim Singen die Verengung der Stimmritze nothwendig und" erleichtertdas Ansprechen der Töne, dies ist auch sehr erklärlich, denn wenn die Stimmbänder, welche die durchströmende Luft auf. beiden Seiten begrenzen, durch diese Luft in Bewegung gesetzt werden sollen, so wird diese Bewegung der beiden Stimmbänder am. leichtesten dann erfolgen, wenn die Luft sie - auf beiden Seiten sogleich scharf berührt, ohne erst in einem-weiteren Raume ihr Kraft , zu schwächen. Der Ton wird somit nur dann gebildet, wenn die Luft durch die -verengte Stimmritze getrieben wird, und da .sich die Stimmritze beim Ausathmen von selbst.schon verengt, so ist somit dieser Satz gleich dem obigen, dass nur die ausströmende Luft die-Stimmbänder in Schwingung versetzt,-oder dass nur ׳ beim Ausathmen ein Ton möglich ist, das Singen also wesentlich ein fortlaufendes Ausathmeu ist. — ־ Der Ton ist somit ׳ im Halse schon erzeugt/ durch die Zusammenwirkung der Luft und der Stimmbänder, ehe er nach außen tritt, und-zwar ist dies bei allen Tönen, Brust- und Falsettönen der Fall; die ganze Scala der Töne wird ja am ausgeschnittenen Kehlköpf, wobei das sogenannte Ansatzrohr (Schlund und Mundhöhle) ganz entfernt .ist, nur.durch Blasen in die (allerdings verschieden . gespannten) Stimmbänder erzeugt: was ist nun noch die Thätigkeit des Ansatzrohres- und seiner Bestandtheile? Zur Erzeugung des Tones dienen sie nicht, denn der Ton ist weiter unten im Kehlkopf schon erzeugt, und dass auch ihre Mitwirkungzur Tonerzeugung in keinem Fall nothwendig ist, beweist die Existenz.derselben Töne am ausgeschnittenen Kehlkopf; dennoch hat׳ auch das Ansatzrohr seinen An- - theil und zwar im Allgemeinen darin, dass es geöffnet sein muß, wenn der Ton klingen soll: denn ist Mund und Nase geschlossen so ist natürlicherweise das Äusströmen der Lust gehemmt und. kein Ausathmeu möglich, worauf Loch jeder-Ton beruht. Außer der nolh-