Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 32 (2.10.1887)
- Date
- 1887-10-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 — deutschen Jahrmärkte als Riesendame sehen zu lassend Mein Dolmetsch, selbst ein Jude, fand diese monströse Dicke ungemein schön. »N’estce-pas, monsieur — comme eile est belle?! comme eile est grasse?!« flüsterte er mir mehrfach enthusiastisch ins Ohr, und dabei leuchteten seine Augen, als sähe er eine Sulamith vor sich.׳ Das Kostüm der Braut war im schärfsten Sinne des Wortes mit Gold und Edelgestein überladen. Die spitze Haube auf dem Hinterköpfe glänzte und flimmerte wie das Diadem, das sie festhielt. Das Qbergewand bestand ans schwerem granatrothen Damast, in das goldene Arabesken und Figuren eingestickt waren und über das eine ganze Anzähl schwer goldener Ketten siel. Ebenso waren die Pantalons vollkommen in Gold gestickt, so dass von der seidenen Unter-׳ läge effektiv nichts zu sehen war. Finger und Fußzehen.bedeckten Brillantringe. Wie sie!0 vor mir saß, regungslos und träge,׳ die Beine auf den niedrigen Divan gekreuzt, die melancholischen Augen -auf den Schoß'gerichtet, glich sie in Wahrheit einem schönen Götzenbilde ׳aus Edelmetall. Der Schmuck an ihrem Leibe repräsentirte ein Vermögen, und in der That: es war die Mitgift die sie erhielt. Während der ersten drei Stunden des Hochzeitsmahles wechselte sie achtmal ihre Toilette — bald erschien sie in Gold, in Silber, immer in überaus kostbarer und — geschmackloser Gewandung. Aus ihrer Lethargie rüttelte sie im übrigen -auch der häustge Kostümwechsel nicht auf; sie saß gelangweilt neben ihrem nicht minder langweilig aussehenden Bräutigam. Umso vergnügter und ausgelassener war allerdings der Schwarm der Hochzeitsgäste. Man aß Zuckerstengel und Rosinen und trank einen unangenehm schmeckenden Wein dazu. Neben jedem Gaste stand 'eine große Bronzfchale, und in. diese entleerte sich sansrgene ein jeglicher, dem der schreckliche Wein den Magen überfüllt hatte; die übrigen betrachteten diese widerwärtigen Vorkommniße gar nicht. — sie schienen' es auch für selbstverständlich zu halten, dass kein dienstbarer Geist die benutzten Schalen entfernte. Diese unglaubliche Unsauberkeit ist bezeichnend für den kulturellen Stand- Punkt der' tunisischen Juden. ' . . ״O, wie glücklich -bin' ich, nicht mehr ängstlich nach der Uhr -blicken zu müssen, um nicht die Zeit zu verpassen, wann ich die Medicin verabreichen muß, und wie leicht ist mir um's Herz, dass׳ ich nicht mehr des -Doktors schweren Schritt, der so unheimlich von der Treppe durchs Vorhaus hallte, hören muß. O, der gute Alte hat so aufopfernd an Euch gehandelt-und doch bin ich froh über sein Ausbleiben, aber dankbar bleibe ich ihm vom Grunde meines Herzens. — Ja, liebe Eltern, jetzt stehe ich wieder vor einer Krise, Lieschen wird mich gewiss nicht an ihrem Hochzeitstage zu Hause lassen, da wird es wieder ein 'Zureden geben, und ich muß Euch gestehen, ich werde es nicht über mich gewinnen können, ihre Einladung'unberücksichtigt zu lassen. Sie verdient'es, dass ich an. ihrem Ehrentage unter ihren Freundinnen erscheine, und es handelt sich nun nur׳ noch um' meine Garderobe, die wolschwerlich fertig werden wird, denn schon von Dienstag über acht Tage ist die Hochzeit, da bleibt mir wenig Zeit." Frau Rachel sah erstaunt aufihre Tochter, die mit einem Male ohne vorhergehendes zudringliches Bitten von Seite ihrer Elkern selbst'das Verlangen ansdrückte, in großer ^Gesellschaft zu erscheinen, sie dachte, indem sie unverwandt den Blick aus ihr Kind richtete — hat Frau Süßkind, diese heitere, -lebenslustige Frau, so bedeutenden Einfluß auf meine Tochter geübt,, oder hat das lange Daheimsein, die Lust nach Vergnügungen erregt, kommt endlich das natürliche Verlangen des 19jährigen Mädchens zum Durchbruch? . In diesem Reflexionen vertieft, begegnete sie dem Blicke Deborahs, die, die Gedanken, der' Mutter erratend, die Wimpern senkte, dass, sie -einen seinen Schatten aus die hell errötende Wangey .des Mädchens, warfen. -Da fuhr es. wie ein Blitz durch die Gedanken der besorgten Mutter, und die hohe Gestalt des.Cantor Behrens tauchte vor ihrem geistigen Auge., auf, und wie ein leises Die theilweise sehr grotesken Ceremonien bei einer tunisischen Judenhochzeit sind so oft beschrichen worden — auch Matzlau, Hesse- Wartegg und Löon Michel schildern dieselben in ihren Reisewerken — dass ich mir eine Wiederholung des oft Gesagten ersparen kann. Erstaunt war ich über die klägliche Beschaffenheit der Synagogen — kahlen und öden Kellerräumen, zu denen man auf wahrhaft halsbrecherischen Wegen gelangt — und über den auffallenden Mangel an Feierlichkeit während der Gebete und ritualen Verrichtungen. Hotelrreifch. Ueber die eigenthümliche Sitte welche, wie wir in Nr. 29 unseres Blattes berichtet, unter dem sonderbaren Namen ״Holekreisch" in einigen Gegenden Deutschlands am Sabbath, beim ersten Gang der Wöchnerin, gepflegt wird, wird in der Magdeb. isr. Wochenschrift zur Feststellung der Etymologie des Wortes folgendes mitgetheilt, was für die Leser unseres Blattes von besonderem Interesse sein dürfte. In dem Artikel des Herrn Dr. Goldschmidt über ״Holekreisch" in Nr. 32 d. Fam. Bl. fordert der Verfasser zu weiteren Mittheilungen über diese Ceremonie auf. Ich bin im Stande, noch etwas sehr wichtiges seiner Beschreibung hinzuzufügen. In meiner Heimath (Eisenacher Oberland) ist ״Holekreisch" ebenfalls gebräuchlich. Doch geht - bei Knaben der Namengebung Folgendes vorher. Der kleine Knabe in seinem Korbe (Wiege) wird mit einem Tallis umhüllt, darauf stellen sich die anwesenden Knaben aus der Gemeinde um den Korb und' sprechen dem vorsagenden Vater folgende Bibelverse hebräisch im Chorus nach: 1. B. M. 1,1; 1. B. M. 48,16; 2. B. M. -1,1; 3. B. M. 1,1; 4. B. M. 1,1; 5. B. M. 1,1; 5. B. 34,12. Dann erst wird der Korb mit dem Kleinen emporgehoben und dabei von den Kindern gesprochen: ״Holekreisch, wie soll's Kindchen heißen?" Ludwig (oder früher vielleicht ״Löb"), nicht aber Weh durchzog es ihr Herz, als sie empfand, dass der Wille ihres Kindes sich vor ihm gebeugt. Es trat ein Schweigen in der eben heiter geführten Conversation ein, ein jeder aß und trank eifrig, um die Verlegenheit zu verbergen. Endlich Hub Rachel an. ״Weißt Du denn nicht, Deborah, dass bie blaue Seidenrobe, die Dir der Onkel aus Berlin sandte, noch wolverwahrt in der Commode liegt? Du wirft dieselbe gleich morgen nach Berlin schicken und Dir bei der Schneiderin, die- Dir dein Sommerkleid so nett arbeitete, ein Ballkleid nähen, kaffen. Wenn Du Dich nur einmal entschlosseu hast, dein Hochzeitsseste beizuwohnen, so wollen wir nichts sparen, damit Du an Eleganz in der Toilette der anderen Mädchen nicht uachstehest. Uebrigens schrieb der. Onkel, dass er uns mit seiner Berta besuchen wolle, so könntest Du gleich.schreiben, dass uns sein Besuch sehr erfreuen werde, da wir bereits, hergestellt sind."; ״Ja," sagte Herr Dessauer, ״dein Bruder) ׳liebe Rachel, ist uns trotz seines Reichthums sehr ztlgethan, seine? theilnahmsvollen Briefe haben mich )immer erfreut, u!.׳d ich dünke Gott, dass wir ihn in keiner Weise in Anspruch nehmen müssen, sondern ltus mit seiner brüderlichen Liebe begnügen können..' Ar ist ja der einzige unserer nahen Verwandten, die uns am Lebku.stebllebeu." ״Ach, der gute Onkel hat uns mit Erfrischungen überschüttet, und in unserem Speisekämmercheu dusteres seit Wochen nach allen erdenklichen Leckereien. Wir werden skersiig davon genießen müssen, damit es nicht zu Grunde gehe," sprach׳ Deborah lachend. ״Also beim beim blauen Kleide bleibt es, Mütterchen" sagte sie ׳weiter, ״morgen schicken wir den Stoff nach Berlins und Cousine Berta muß dafür haften, dass ich das Kleid bekonrine. Ich will ihr dies so humoriftisch wie möglich aufs Gewissen binden." WortseHlllg folgt.)