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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-10-02 · Heft 32 (2.10.1887) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 32 (2.10.1887)
Date
1887-10-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Die höhere Stimme der Weiber rührt daher, dass die Stimmbänder. der weiblichen Kehlköpfe,viel kürzer sind (im Allgemeinen AM ein Drittel), als die der männlichen; ebenso ist der Unterschied zwischen Bass und Tenor, wie der zwischen Alt und Sopran Hauptsächlich .von der verschiedenen Länge der Stimmbänder abzuleiten; doch ist besonders bei den Mittelstimmen, Bariton und Mezzo-Sopran zu berücksichtigen, dass überhaupt der verschiedene Umfang des Kehlkopfs und die Stärke der resonirenden Wände ebenfalls einen großen Antheil hat. — Den Umfang, welchen jede dieser natürlich verschiedenen Stimmgattungen gewöhnlich einnimmt, dürfen wir als bekannt voraussetzen; dagegen müssen wir darauf aufmerksam machen, dass außer dem Umfang noch ein anderer Factor mit zu bestimmen hat, in welche Gattung eine Stimme gehöre. Es gibt nämlich Baritonisten und Mezzo-Soprane, welche die Höhe eine Tenors und Soprans erreichen, und doch gehören sie nicht in die Stimmgattung; der Unterschied liegt in den sogenannten Timbre, d. h. in dem Klang, der jeder dieser Stimmen eigen׳ ist; wenn z. B. ein Alt und Sopran auch denselben Ton singen, so ist der Klang dennoch verschieden, und, wenn es auch oft nicht bei einem einzelnen Ton. sogleich fühlbar wird, . so lasse man nur die Scala singen, und die Verschiedenheit des Tonklanges wird sich deutlich Herausstellen. — Als ein weiteres Kennzeichen der Stimmgattung endlich mag die größere oder geringere Fähigkeit einer schnellen Bewegung gelten; dicke Stimmen, d. h. solche, welche einen größeren Luftstrahl voraussetzen, wie z. B. der Bass, lassen sich schwerer bewegen, als solche, welche einen geringeren Luftstrahl brauchen. Die Weiberstimmen sind eben darum von Natur schon agiler, als die Männerstimmen, und unter diesen beiden die höheren agiles alt die tieferen; so lehrt allerdings die Erfahrung, die Schule aber kann diesenUnterschied bis zu einem gewissen Grade ausheben. . Der Kehlkopf des Knaben ist noch klein, wie der der Weiber: seine Stimme ist daher. Alt ' oder Sopran; in der Pubertäts-Ent- Wicklung ändert der Kehlkopf seine Form, wird größer und fester, und eben damit geht die Stimme in Bass oder Tenor über. Dass man vor Erreichung einer gewissen Reife der Jahre keine Stimme zu sehr anstrengen darf, während der Pubertäts-Entwicklung aber ganz ruhen lassen soll, gebietet die Natur von selbst. Vergleichen wir endlich noch zwei Stimmen, welche ein und derselben Stimmgattung angehören, mit einander, so stellt sich auch hier trotz aller Ähnlichkeit in Höhe und Tonklang, wieder eine Verschiedenheit des Tones heraus, und man muss sagen, so wenig es zwei Gesichter gibt, die sich ganz gleich sind, so wenig zwei gleiche Stimmen. Diese Verschiedenheit der Stimmen zeigt sich schon im Sprechen, und kann auch durch die Schule nicht aufgehoben werden; es ist dies der Ausdruck der ganzen Eigenthümlichkeit einer Person, und diese Verschiedenheit des Tones ist immer berechtigt, wenn nur vor Allem die später zu besprechenden fehlerhaften Klänge (Gaumen- und Nasenton)׳ entfernt sind. — Wenn sich nun auch eine Stimme eigentlich von selbst in ihre Stimmgattung einreihen sollte, so treten doch innerhalb des gegebenen Umfanges.dieser Töne selbst wieder unzählige verschiedene Fälle ein, welche eine weitere Ausbildung der gegebenen Naturanlage erheischen, positiv und negativ. Nicht blos, dass ein und derselbe Mensch verschiedene Stimmregister hat, welche ausgeglichen werden müssen, ja öfters auch besondere Klangarten (Nasenstimme rc.), welche beseitigt werden müssen; sondern der künstlich gebildete Ton an und für sich ist auch noch wesentlich verschieden vom bloßen Naturton, indem er auf der alleinigen Anwendung der richtigen Factoren beruht und : dergestalt in ihrem richtigen Gebrauche übt, dass hiedurch erst der Ton sähig wird, die Empfindungen der Seele ungetrübt und rein aus sich herausleuchten zu lassen. — Wenn man auch irgend ein Instrument dem allgemeinen Wesen nach kenntz. B. die Violine, so reicht doch dies für den Künstler, der dieses Instrument gewählt hat, nicht hin, er muß vielmehr mit Zugrundlegung jener allgemeinen Kenntniße des Instruments sich im Einzelnen mit allem Fleiße üben, denn es kommt daraus an, wie er nun auf dem Instrumente spielt. Ebenso muß. wer schön künstlerisch singen, will, das Gesangs-Organ erst recht gebrauchen lernen; es hat ja Mancher von Natur eine herrliche Stimme, und dennoch versteht er nicht, zu singen; ja es lässt sich kühn behaupten, an einem einzigen Tone schon kann man den gebildeten Sänger sogleich erkennen. Eben darum aber ist es auch nothwendig, dass der Lehrer, der in irgend einem Instrumente unterweisen will, eben dasselbe selbst genau versteht und in seiner Gewalt hat. Dieser letztere Satz ist, seltsam genug, überall da in Geltung, wo es sich um ein todtes Instrument handelt; dagegen beim Gesangs-Organ gibt es noch gar Viele, welche behaupten, jeder überhaupt musikalisch gebildete Mensch könne Gesang lehren, wenn er nur z. B. Clavier spielen könne. — Offenbar kommt dieser Jrrthum daher, dass man oft einerseits den Gesang als etwas leichteres, (weil natürlich Gegebenes) betrachtet, als das Spielen anderer Instrumente; andererseits mit dem sogenannten Richtig-Singen, Jntoniren und Notentreffen, ver- Kunden mit einigem Ausdruck, zufrieden ist. Beides ist eine sehr oberflächliche Anschauung, und geradezu falsch. Während wir die anderen Instrumente mit den Augen sehen und mit den Händen greisen können, ist dagegen das Gesangs-Organ und dessen innere Funktion dem Auge entrückt; nur durch Bildung unseres Ohrs für einen schönen Gesangston kann inan ihn recht lernen, er muß innerlich erzeugt werden; der Gesauglehrer uniß selbst einen schönen, edlen Ton vorzusingen und den inneren Sinn dafür beim Schülerzu wecken im Stande sein; sodann muß er den Ton je nach der übrigen Reihe der Töne eines Schülers, also nach dessen individueller Bestimmtheit anders bestimmen, und dies wird dem, der nicht selbst die Gesangkunst an sich studirt hat, nicht möglich sein, sondern stets ein Räthsel bleiben. — Das Notentreffen ist nothwendig; aber um sie recht vorzutragen, muß erst das Organ fähig gemacht sein, auch die Sele klar durchschimmern zu lassen, was so lange nicht der Fall ist, als nicht theils alle die natürlichen Hinderniße gehoben sind, welche, sei es im Athmen, in den Nebenklängen oder in den verschiedenen Registern ihren Grund haben, — theils die richtigen Funktionen beim Gesang einen gehörigen Grad von Sicherheit und Gewandtheit erreicht haben. Der Gesanglehrer muß die innere Funktion, deren Folge der hörbare Ton ist, phisiologisch und praktisch genau kennen; denn der hörbare gute Ton selbst ist immer nur die Probe der richtig vollzogenen inneren Thätigkeit, die still und unsichtbar nach unserem Willen vor sich geht. Der Schüler muß wissen, was er zu thun hat, ehe der Ton auftritt, und damit er so auftreten kann, wie er sein muß. Es kommt also auf das genaueste ° Bewusstsein der inneren Thätigkeit selbst an; und während bisher alle Gesangkunst nur empirisch behandelt wurde, behaupten wir, dass die Gesanglehre eine Wissenschaft ist, die aus sicherem physiologischem Grunde ruht. — Es gibt nur Eine einzige, richtige Gesangs-Methode, und dies ist offenbar diejenige, welche die Natur selbst vorschreibt. Alle stimmen darin überein, dass die Gefühls-Bildung in Verbindung zu bringen sei mit der mechanischen Bildung des Gesang-Organs. Aber welches eben der richtige Weg zur Bildung dieses Organs sei, muß vor Allem deutlicher und bestimmter sestgestellt werden, als es bisher geschehen ist; und die einzig sichere Grundlage dazu geben uns die physiologischen Untersuchungen am todten, ausgeschnittenen

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