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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-10-02 · Heft 32 (2.10.1887) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 32 (2.10.1887)
Date
1887-10-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 — Wirkungen dieser Leiden Functionen auf die Zuhörer, so wird der. objective und vorurteilsfreie Beobachter dem Cantor den Vorrang zuerkennen müssen. Mag auch der Prediger durch sein beredtes Wort manchen Sünder gebessert, manchen Abtrünnigen auf die rechte Bahn wieder zurückgeleitet, manchen Hartherzigen zu einer guten Thal angeeifert haben, jene heilige Scheu, welche die Gottesnähe verkündet, und uns allem Irdischen entrückt, wird bei der Predigt nicht in dem Maße und nicht so allgemein empfunden werden, als wenn der Cantor eines der heiligen Gebete anstimmt. Worin mag nun die Verschiedenheit der Wirkungen begründet sein? Der Prediger appellirt an den Vorstand, er überrascht durch die Kühnheit und Klarheit seiner Gedanken, der Cantor wirkt auf das Gemüt, auf das Herz des Zuhörers. Zudem spricht er zu ihm in einer Sprache, die uns heilig ist, die unsere Urahnen gesprochen und die sich bisher noch als das stärkste Band unseres Volkstumes erwiesen hat; er singt in Tönen, die uns an die einstige Herrlichkeit des Ziontempels gemahnen, - die unsere Väter von dort aus in die Verbannung geleitet und noch jetzt von Jugend auf bei allen freudigen und traurigen Anlässen an unser Ohr klingen — mit einem Worte, in seinem Vortrage spiegelt sich ein Stück Geschichte des jüdischen Volkes wieder. Hierin, in der Pstege unseres nationalen Gesanges, liegt ein gut Theil der Bedeutung des Cantorenthums für den jüdischen Gottesdienst. Möge dieselbe endlich einmal von berufener Seite er- Lmnt werden und das Cantorentum allgemein jene Würdigung finden, die ihm vermöge seiner Bedeutung zukommt. Die Reihe der Festtage, die uns noch bevorstehen, ladet unwillkürlich zu Betrachtungen Ln religiösen Dingen ein, mögen sich die geehrten Herren Gemeindevorstände sowie die ehrwürdigen Herren Rabbiner in uube׳ sangener Weise denselben hingeben, dann werden sie auch, rückhaltslos unseren Bestrebungen zustimnnn müssen. (Fortsetzung folgt.) Methodik der Gejangskimli. Der Anklang, den die Veröffentlichung der musiktheoretischen Auffätze in unserem Blatte bei einem großen Theile unserer Leser gefilnden, veranlaßt uns im Nachfolgenden mit einer größeren, höchst lehrreichen Artikelserie zu beginnen, in welcher der geistreiche Autor ein System der Gesaugskunst auf Grund eingehender physiologischer Beobachtungen am Kehlkopfe entwickelt. Wir hoffen, dass diese Arbeit Lehrenden und Lernenden gleiches Interesse abgewinnen wird. — Wie der Gesichtsinn das Aeußere eines Gegenstarrdes, so lässt uns der Gehörsinn dessen innern Gehalt erkennen, und der Gehörsinn wird darum nicht ohne Grund der feinste, idealste Sinn genannt. Der Ton ist Darstellung einer. innern Bewegung, eines innern Lebens; die Musik Darstellung des innern Seelenlebens des Menschen in Tönen, wobei jeder Ton die nöthige Zahl seiner Schwingungen behält und die folgenden Töne nur in den Intervallen des musikalischen Systems der Töne angegeben werden. — Die Musik hat somit zwei Seiten, eine innere, geistige, d. i. die Empfindung des Menschen, welche sie darstellen will, und eine äußere, mechanische, d. i. das Mittel, mit welchem sie es darstellt. Die Musik ist überhaupt in der Natur des Menschen angelegt und gegründet, sofern sie die verschiedenarttgen Empfindungen der menschlichen Seele zur Voraussetzung hat, und von diesen aus selbst gleichsam geboten wird: die lebendigen Empfindungen dringen zur äußeren Darstellung, durch die Natur selbst kommt der Mensch zur Musik. Je nach der Ari der Empfindungen selbst werden auch die Mittel, diese zu äußern, verschieden sein. Die vollendetste Art der Gefühlsäußerung in Tönen ist die Musik, d. h. die Bewegung der Tönein den Intervallen des musikalischen Tonsystems. Alle Töne, welche nicht die nöthige Zahl ihrer Schwingungen behalten, sondern nur ganz kurz' auftreten) wie dies beim Heulen, Aech'zen/'<Smfzen der Fall ist, welche somit keiner Dauer fähig sind, gehören nicht in die Musik.;— Um sich aber im musikalischen Tonsystem richtig und mit Sicherheit bewegen zu können, sind musikalisches Gehör und mustkalische Kenntniße erste Bedingung. Wie aber endlich eine Kenntnis des ganzen musikalischen. Tonsystems, so ist ferner Kenntnis des speciellen Instrumentesnöthig, womit man. seine Empfindung auf obige Weise äußert. — Wenn es der Mensch beim Spielen einer Violine, Flöte rc., überhaupt bei der Instrumental-Musik mit einem todten Instrumente zu thun hat, so ist es dagegen beim Gesang ein ihm selbst inwohnendes, in und mit ihm selbst lebendes Instrument, das er nach seinem Willen gebraucht. Das Instrument des Sängers ist ein Theil seines eigenen lebenden Organismus, ein lebendiges Organ, das er zum erhöhten Ausdruck seiner Empfindungen verwendet. — Eben darum offenbar ist auch der Gesang das Erste in der Musik gewesen, und die todten Instrumente alle sind viel später erfunden worden; ja auch die ersten musikalischen Compositionen sind ursprünglich nur für die menschliche Stimme eingerichtet, und selbst noch die auf uns gekommene alte Kirchenmusik war ursprünglich nur für Singstimmen componirt, das Jnstrumentiren kam erst später dazu. Es ist ja klar, dass der Mensch zum Ausdruck seiner Empfindungen vor Allem sein eigenes Organ wählen wird, zumal da er dasselbe Organ schon zum Ausdruck seiner Begriffe in der Sprache mit gebrauchen gelernt hat. — Es folgt jedoch aus dem Bisherigen nicht blos, dass der Gesang auch das Erste in der Musik war, sondern auch, dass der Gesang stets das Erste in der Musik sein und bleiben wird dem Werthe nach. Oder wer wollte es leugnen, dass ein viel wahrerer und durchsichtigerer Ausdruck der inneren Empfindung zu Stande kommt, wenn das dazu gebrauchte Instrument selbst in und mit dem Empfindenden lebt und thätig ist, als wenn die Empfindung erst in ein todtes Werkzeug übergeleitet werden muß? Es hängt überhaupt in einem lebenden Wesen Alles unter sich zusammen, und z. B. die Empfindung der Freude, wenn sie auch ursprünglich rein geistig istt ist nicht denkbar ohne eine Einwirkung auf die Körperlichkeit; mi dem Gedanken haben mir unmittelbar das Wort, mit der Empfindüng des Schmerzes oder. der Lust unmittelbar die entsprechende Tonfärbe. Der Ton der menschlichen Stimme ist daher der vollendetste, weil er unmittelbar der wahrste ist; zugleich aber ist er auch der größten Veränderungen fähig, er kann auf die mannigfaltigste Weise modificirt werden, ein und derselbe Ton kann nach allen den verschiedenen Nüancen der Seeleustimmung ebenso vielfach erscheinen hinsichtlich der Stärke, der Farbe und der Wärme. Der Ton der menschlichen Stimme lässt die Seele selbst unmittelbar lauten, und derjenige Gesang wird darum stets der schönste sein, welcher am wärmsten die edelsten Empfindungen der Menschenseele offenbart. Nehmen wir dazu die Unterstützung durch die Sprache, die dieselbe Empfindung noch in Worte kleidet, so ist offenbar die Gesangkunst die höchste Musik: in ihr tritt das innere Seelenleben des Menschen, die innerste Bewegung, das tiefste Leben seines Gefühls am eigenen Organe unmittelbar und für das Ohr des Andern hörbar zu Tage. Den seelenvollen Ausdruck der menschlichen Stimme hat kein anderes Instrument. — Je nach der natürlichen Verschiedenheit des Gesangs-Organs, der Größe des Kehlkopfs und der Stärke der resonirendrn Wände beiden verschiedenen Menschen entstehen die verschiedenen Stimmgattungen, welche man in männliche und weibliche, und diese wieder [ in Bass und Tenor, Alt und Sopran eintheilt. —

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