Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-09-22 · Heft 31 (22.9.1887) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 31 (22.9.1887)
Date
1887-09-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/1304829-3453087-3453118--2255-3456484
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

architektonisches Cabinetsstück. und muthet den Beschauerwie. ein. sMbenschimmerndes, örientalisches Märchen an. Der großartig ange׳ ׳legte Vorhof, mit den beiden Säulenhallen, zur Sekte,, der in gelungener Weise die Unregelmäßigkeit des. verschobenen Baugrundes dem Auge entrückt, ladet unwillkürlich zur Betrachtung, der herrlichen Facade ein; mit ihren feinen Gliederungen,, den reichen Fenster- Architekturen und dem zarten Farbenschmucke gleicht diese der gelungenen Vorrede zu einem hübschen Buche. Tritt man in den Tempel ein, so steigern sich die Wirkungen immer von Schritt zu Schritt. ׳Nach dem Vorhose das Vestibüle mit Marmorwänden und Staläktiten-Gesims, ganz Alhambra. Rechts das Sitzungs-, links das Trauungszimmer. Dann die Vorhalle mit cassettirter Decke und zahlreichen, von schlanken Marmorsäulen getragenen Consolen. Endlich das Hauptstück des Baues, der große Betraum unter gewaltiger achteckiger Kuppel, die wie mit Gold übersponnen ist und sich nach obenhin in blaues Licht aufzulösen scheint. Dieser Raum macht durch seine vornehme orientalische Architektur und die bis in die verborgeuste Ecke dringende Bemalung und Vergoldung einen geradezu herrlichen Eindruck. Auf breiten Marmortreppen ist ein sanfter Aufstieg zu dem Schulchan geschaffen, der sich als ein Meisterwerk der Holzschnitzerei darbietet. Einige Treppen führen von hier zu dem ־Oräim hakodesch, das von vier Marmorsäulen getragen und mit einer goldenen Klippel gekrönt für sich selbst ein abgeschlossenes Ganzes bildet. Stylgemäß und bis in die kleinsten Details mit kunstsinnigem Geschmacke und großer Eleganz ausgeführt ist auch die ׳gesammte übrige׳ Einrichtung des Gotteshauses. — Samstag, den 17. September 7 Uhr Abends wurde die Tempelweihe in feierlichster Weise abgehalten. Vollzählig hatten sich die Mitglieder der Gemeinde, sowie der Vorstand, an der Spitze der verdienstvolle Präses, Herr Marcus M. Russo, in dem großen Kuppelbaue eingefunden. Als'. officielle , Gäste waren erschienen: Statthaltereirath Ritter von Pfersmann als Vertreter der Statthaltere!, der erste Secretär der türkischen Botschaft, Southi Bey, mit dem zweiten Secretär Reschad Bey, in Vertretung des türkischen Botschafters, Vertreter der rumänischen Gesandtschaft, Magistrats- Director Bittman als Abgeordneter der Stadt Wien, Regierungsrath. -Rauscher in Vertretung des Polizei-Präsidenten, Bezirksvorstand ׳Gemeinderath Mumb, Bezirksleiter Polizeirath Heide, -die Archiman- -driten der griechisch-unirten Kirche Phitaretos Mannuellis und Sera- Phino Zerlentis, der Prior .der barmherzigen Brüder Florentin Herzog und der Provinzial-Secretär Steiner, als Vertreter der israelitischen Cultusgemeinde die Vorsteher Emanuel Baumgarten, ׳Gemeinderath Simon, Biach, Prediger Dr. Güdemann. Außerdem ׳bemerkten wir noch Kammerrath Simon als Repräsentant der .^lliance-israelite, Reichsrathsabgeordneter Dr. Bloch, Oberbaurath Schindler und Obercantör ׳ Goldstein. Baron Hirsch aus Paris hatte ebenfalls zwei Vertreter entsendet. Aus der Kabinetskanzlei .Sr. Majestät des Kaisers war ein Glückwunschschreiben eingelangt. Minister-Präsident Graf Taaffe, Unterrichtsminister v. Gautsch, Baron Königswarter und Freiherr von Rothschild hatten ihr Fern- :׳bleiben durch schmeichelhafte Schreiben entschuldigt. Die Feier begann mir einer kurzen Ansprache, die der Erbauer des Tempels) Architekt Hugo Ritter v. Wiedenfeld, an den Präsidenten der Gemeinde, Herrn Marcus M. Russo richtete, als er demselben auf einem goldgestickten Sammtpolster die Schlüssel des Hauses überreichte. Unter einem weihevollen Präludium, das vom 'Cellisten der k. k. ^Hofoper Joseph Sulzer ^auf der Orgel gespielt wurde — die Orgel mit 12 Register ist ein Meisterwerk des bekannten Orgelbauers Franz Strammer in Wien — setzte sich der Lug der Vorstände und hervorragenden Gemeindemitglieder mit den Gesetzesrollen von dem im-ersten Stockwerke gekegenen Wintertempel aus nach dem großen Tempel in Bewegung. In der Vorhalle angelangt, stimmte Obercantör Jacob Bauer, der sich mit den Functio» nären an der Spitze des Zuges befand, unter Orgelbegleitung den Psalm ״Ledavid mismor laadonai haarez“ an, worauf der Umzug mit den Gesetzesrollen unter Absinguyg des ״Halleluja." von Musikdirektor Lewandowsky erfolgte. Der vom Chordirigenten I Löwit trefflich einstudirte Chor brachte diese sowie clle übrigen Gesangspiecen mit größter Exactheit und in sehr wirkungsvoller Weise zu Gehör, wofür dem Chordirigenten sowie dem Chorpersonale die vollste Anerkennung gebührt. Nach Eröffnung der Bundeslade durch das älteste Gemeinde- Mitglied, Herr Menachem Elias, eine durch zahlreiche Humanitätsacte hochge'chätzte und beliebte Persönlichkeit, wurden die Gesetzrollen eingestellt, und es erfolgte die Absingung eines von Joseph Sulzer zu dieser Feier componirten Ma-towu. Chacham Papo trug dann in spanischer Sprache ein Gebet vor, in welcher er den Kaiser Franz Joseph, das österreichische Kaiserhaus, den Sultan Abdul Hamid und dessen Haus, die österreichische und türkische Regierung, den Bürgermeister der Stadt Wien, den Vorstand der Gemeinde, die Leiter der wohlthätigen Vereine und Anstalten aller Confessionen sowie die Lehrer und Gelehrten aller Confessionen und Nationen, deren Wirken der Menschheit zum Wole gereiche, segnete. Nach Be^ endigung dieses Gelleres wuroe das ״Ner tomid־‘ angezündet und Obercantör Bauer recitirte das Kaisergebet für den Kaiser Franz Joseph und den Sultan Abdul Hamid, woraus die Absingung der österreichischen, und türkischen Hymne erfolgte. Während die Bundeslade geschlossen wurde, brachte der Chor den Psalm ״Harvu laadonai“ zum Vortrage und sodann wurde die Feier mit dem Schlußgesange ״Jigdal“ beendet. Der Eindruck, denn diese glänzende Feier auf fämmtliche Anwesende hervorrief war ein großartiger,^ und der Präses, Herr Marcus M. Ruffo, der sich um die Erbauung des Tempels und dessen prachtvolle Ausstattung so hervorragende Verdienste erworben, w..rde der Gegenstand zahlreicher Ovationen und Glückwünsche. Für den gesanglichen Theit des Festes, sowie speciell für seine eminente Leistung wurden dem Obercantör Bauer, dessen Sttmme in dem großen Kuppelbau zu besonderer Geltung gelangte, von allen Seiten anerkennende Worte zu Theil. Nach Schluss der Feier besichtigten die Gäste das Gotteshaus in seinen einzelnen Theilen und wurden besonders in der glänzenden Einrichtung die kunstvollen Stickereien auf dem von der Familie Russo gespendeten, dem Atelier Carl Giani, Wien, entstammenden Paroches vielfach bewundert. Der türkischen Gemeinde in Wien, besonders aber ihrem verdienstvollen Präses gebührt das Verdienst, zur Ehre Gottes ein Werk geschaffen zu haben, das in seiner Art unübertroffen dasteht. Möge Gottes Segen auch fernerhin das Wirken dieser hschehrsamen Gemeinde beschützen! _ Kleine Chronik. Wien, Dienstag den 13. September fand beim ״Grünen Thor" eine außerordentliche Plenarversammlung des demokratischen Vereines des achten Bezirkes (Josefstadt) statt, in welcher der Reichsrathsabgeordnete Dr. Kronawetter seinen Rechenschaftsbericht erstattete. Derselbe nahm hiebei Gelegenheit, gegen den Antisemitismus in entschiedener und freimüthiger Weise aufzutreten. Einer der anwesenden Antisemiten interpellirte nämlich den Abgeordneten, ob er die Petition gegen die Einwanderung der Juden bei ihrer neuerlichen Einbringung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.