Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 31 (22.9.1887)
- Date
- 1887-09-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— — «nzigen der deutsch verstünde. Sie haben eine ganz außerordentliche Neigung, fremde Sprachen zu erlernen. Ein-spanischer Jude spricht Mindestens drei Sprachen; doch gibt es unter ihnen.Tausende, die Mus dis sechs Sprachen verstehen. Wenn sie unter sich sind, in ihren synagogalen Gebrauchen, im Handel, in allen Beziehungen des Famllienlebens gebrauchen sie die spanische Sprache, außerdem sprechen sie türkisch, italienisch, griechisch,, bulgarisch, französisch. Die Lastträger im Hafen sprechen überdies auch englisch. Diejenigendie dem großen Verein ״Schulchan Hazibur" angehören, verstehen und sprechen außerdem noch hebräisch. Die Letzteren sind auf der Straße an ihren Lunten Turbans von, gepresstem Filzstoffe zu erkennen. ׳ Die spanischen Juden in Salonichi gehören zu den schönsten Männern des Erdballs. Es sind kräftige, hochgewachsene, starkknochige, schöne Gestatten mit einem vornehmen Aussehen, die besonders ausfallen wenn sie an Festtagen — Sommer und Winter gleichmäßig — Ln ihren langen Pelzkaftans spazieren gehen, mit ihren prächtigen, langen Bärten, reichgeschmückten Turbans und türkischen Pluderhosen. In allen jenen Balkanländern, wo die Türkenherrschaft ein Ende genommen, wo alle an diese Herrschaft gemahnenden charakteristischen Züge abgestreist wurden, wo die Frauen die türkischen Beinkleider durch moderne Roben, von französischem Zuschnitt ersetzt und die Männer Fetz und Turban gegen Hüte und Mützen vertauscht haben, wo man kaum mehr Einzelne findet, die noch türkisch verstehen; ist der spanische Jude derjenige, der sich noch an die alte Lebensweise klammert und gut türkisch spricht; ihre Frauen haben vollends die frühere Tracht beibehatten, als ob nichts geschehen wäre, als ob das alle Türkenregime noch immer ausrechtstünde. Dieses starre Festhalten an den althergewohnten Gebräuchen. erklärt sich aus den conservativen Neigungen der Juden. Nur so ist es begreiflich, dass diese Menschen noch heute, nachdem sie seit Jahr- Hunderten die Heimat verlassen, spanisch reden, obgleich Spanien sie vertriÄen, vaterlandslos gemacht hat. Wenn sie auf der Straße einherwandeln, glaubt nran die patriarchalischen Gestatten des alten Testamentes zu sehen. Sie haben ein vornehmes, würdevolles Auftteten, selbst wenn sie sonst die schwersten Taglöhnerarbeiten verrichten. Es ist eine bekannte Thatfache, dass in Salonichi die schweren Arbeiten fast ausnahmslos von Juden verrichtet werden. Memals werde ich das Bild vergessen, welches Salonichi bot, als ich dort weilte. Die Juden feierten eben ihr Laubhüttensest. Schon 2—3 Tage vor Eintritt des Festes schleppten die alten Juden aus dem Röhricht der Umgegend -die schweren Bündel Schilf, das sie zur Eindachung ihrer Hütten benutzten. Sie machen oft mehrere Wegstunden, um das erforderliche Schilf zu sammeln. Es ist ein ׳ Anblick, würdig eines Meisterpinsels, wenn 5—6 solche Schilfschober über die Straße wandeln; aus der Ferne glaubte ich, es wären Wagenladungen, mindestens von zwei Büffel gezogen; in der Nähe aber sah ich, dass ein atter Jude unter der Last eines solchen Schobers seufzt, während oben 2—3 Kinder — seine Knaben oder Enkel — allerlei Kurzweil treiben. Sie spielen vergnügt und sorgtt>s, während der Alte mtt langsamen, gemessenen Schritten dahin trippelt. Am Laubhüttenfest nehmen die Sttaßen eine seltsame Gestalt an, besonders in jenen Stadttheilen, die in der Nähe des Hafens liegen und sich einerseits bis zu dein berüchtigten Blutthurm, andererseits bis zu den ansehnlichen Waaren-Magazinen hinziehen. Diese Straßen sind zumeist von Juden bewohnt. Gleich Schwalbennestern kleben die schlanken Hütten an Thüren und Fenstern der 1., 2. und 3. Stockwerke. Aus jedem fünften sechsten Fenster steckten sie ein paar Bretter Hinaus, welche sie zu einem kleinen Häuschen aneinanderreihten; obenauf-legten sie Binsen, hingen inwendig Leinwand und Seidendecken auf, und das Zelt ist fertig. Auf Hausdächern, in der Nähe von Schornsteinen, bei den Treppenhäusern, über den Thoren, überall sah man Zelte. Man bewunderte nur die Kühnheit, mit welcher sich die Juden in dieses leichte Machwerk zu setzen wagten, denn einem Europäer Muß die Art und Weise, in welcher sie ein solches Zelt zusammenstellten, als staunenswerther Leichtsinn erscheinen. Eine Gänsehaut überlief uns, als wir in einem aus dem Fenster des zweiten Stockwerks hinausgesteckten schwachen Zelte eine ganze.Familie sahen, welche dort aß und heilige Lieder sang. Die Zelte hatten auch fensterartige Oeffnungen nach außen, aus welchen schöne spaniolische Mädchen und junge Frauen heraussahen. In dem Hofe eines großen jüdischen Hauses in der Nähe eines jüdischen Tempels — es giebt deren in Salonichi mindestens 150 — entrollte sich vor meinen Augen ein malerisches, Bild. In diesem Hause gab es an sechzig Zelte, es mochten also etwa sechzig Familien in demselben wohnen. In einem und dem anderen Zelte saß man noch bei Tische und hielt nach dem Mittagsessen Siesta; die alten Herren mit ihren schneeweißen Bärten hatten Bibeln oder. alte spanisch-jüdische Bücher in den Händen, die jungen Leute aber lachten und unterhielten sich. Die Frauen hatten sich mit außerordentlichem Luxus geschmückt; was sie an werthvollen Gegenständen, Schätzen, Juwelen, Geldstücken besaßen — Alles prangte an ihren Kleidern, Köpfen und Armen. Nach mancherlei Mühen und Auseinandersetzungen gelang es dem Verfasser der'Skizze, eine photographische Aufnahme zu machen, auch gelang es ihm, den großen Judenfriedhof zu photographiren. Dieser Judenfriedhof erstreckt sich über eine große Fläche am östlichen Ende der Stadt. Er zieht sich im Umfange von mehreren Quadrat- Kilometern den Berg hinan und unterscheidet sich von den neben ihm gelegenen Friedhöfen der Türken und Griechen dadurch, dass die ־ Grabsteine sämmtlich flach und der Länge nach auf der Erde ׳liegen. Es ist ein gespenstischer Anblick, besonders zur Zeit der Dämmerung und gegen Mittag, wenn die Sonne die weißen Steine und Marmorplatten voll bescheint. Es fand eben ein Begräbnis statt, als ich den Friedhof erreichte Ein alter Jude wurde bestattet, .ein schriftkundiger Jude, dem zu Ehren an׳ fünfzig Rabbiner in den Friedhof gingen, wobeisie vom Stadtthore angefangen bis an die Grube unausgesetzt Trauerlieder sangen.׳ Der Leichnam selbst lag auf einem dreieckförmigen Brett, nackt, beziehungsweise ohne Sarg und nur mit einem blauen, durchsichtigen Schleier bedeckt, so dass das Gesicht ganz gut gesehen werden konnte. Sie trugen den Todten abwechselnd über Gräben und Hecken, denn von einem eigentlichen Wege ist gar keine Spur zu sehen. Auch wurde dem Todten ein sehr seichtes Grab gegraben. Es gelang mir, mit dem Friedhof auch diese Begräbniß - Zeremonie zuphotographiren. Die Einweihung des türkischen Tempels in Wien. Ein Theil der Leser unseres Blattes hat zur Zeit des Cantorentages Gelegenheit gehabt, den damals noch im Baue begriffenen Tempel der türkischen Jsraeliten-Gemeinde in Wien, ein Werk des genialen Architekten Ritter von Wiedenfeld, zu besichtigen und trotzdem noch Vieles zur Vollendung fehlte, konnte sich dennoch Niemand des großartigen Eindruckes erwehren. Der Tempel ist in seiner Art ein