Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 30 (12.9.1887)
- Date
- 1887-09-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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da bedürfen wir oft' der Weihestunden des höhern Lebens, wenn wir seLbst nicht zur Alltäglichkeit Herabsinken, und Geist und Herz nicht vertrocknen und hinwelken sollen; denn wie Nahrung und Luft dem Körper nicht mangeln dürfen, so stnd solche Weihestunden des höheren Lebens den Herzen unabweisliche Bedürfniße. Solche anregende, erhebende und erweckende Weihestunden können in unserer Zeit nur durch Rabbiner und Cantor erwirkt werden, sie haben die Aufgabe, die Tempelbesucher in eine andachts- und weihevolle Stimmung zu versetzen. Früher bedurfte man wahrlich solcher Surrogate nicht; denn jeder Besucher des Gottesdienstes wurde schon - in der Vorhalle des Heiligthums von einem Schauer der Andacht ergriffen und sagte mit andachtsvoller Stimmung: Wie furchtbar ist dieser Ort! er legte die Schuhe von seinen Füßen ab, d. h. er entfernte von sich alles Niedrige und Störende, weil er von dem Gedanken durchdrungen war, hier im Heiligthume leuchtet ein heiliges Licht, glühet ein heiliges Feuer, athmet ein heiliges Leben, waltet ein heiliger Sinn. Jetzt, wo so viele Menschen so sorgenvoll und so viele leichtsinnig sind, da übt die Stätte des Heiligthums keine Zugkraft auf das verdrossene und erkaltete Gemüt mehr aus, weil der Weltenschmerz, die Weltsorge und der Weltleichtsinn ihn selbst im Heiligthume nicht verlassen, da müssen anderseits in das Herz Gefühle kommen, die dem Allerheiligsten geweiht' und gewidmet sein sollen. Und doch sollen im Gotteshause so viele Lasterhafte und Büßende, Verzagende und Verzweifelnde, erwärmt, ermuthigt, belehrt und begeistert werden, und dieses soll die Kunst der Beredsamkeit und des Vortrages ermöglichen. Wahrlich eine schwere Aufgabe. Schon der Profct Iesaias klagte: Verstockt ist das Herz dieses Volkes, seine Ohren sind taub, seine Augen verklebt, dass es nicht sehe -mit seinen Augen, nicht höre mit seinen Ohren, sein Herz nicht fühle und sich nicht bekehre, dass es geheilt werde, aber doch sagte schon der Psalmist: .לימון מדברת גדולות die Sprache, sie kann Großes eujlietoq. Der junge Cantor. Eine Erzähtuug von Cäcilie L ö w y. (18. Fortsetzung.) ״Sie entschuldigen, meine Geehrten, wenn' ich so unerwartet meine Auftvartung mache", sagte der junge Mann, ״doch College» dürfen es nicht genau mit einander nehmen, und ich konnte schon ohnehin die Zeit nicht erwarten, in der es mir endlich gegönnt ist, Ihre Bekanntschaft, geehrter Herr Dessauer, zu machen. Mein Name ist Simon Behrens", sprach er, sich auch gegen die Damen verneigend. ״Ich setze nach all den Berichten unseres würdigen Rabbi voraus, dass sie nur Ihre Gastfreundschaft nicht versagen werden, das Schicksal hat mich Ihnen nahe gebracht, und ich bist ihm dank- Lar, denn der Nachfolger eines edlen, allgemein geachteten Mannes zu sein, kann mich nur ehren". . . ״Seien Sie mir willkommen, und nehmen Sie nachträglich meinen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amte, der Herr segne Ihr Wirken in unserer Gemeinde", sagte Deffauer sich erhebend und dem jungen Manne einen Sitz anbietend. . ' , Behrens nahm dankend Platz und sprach: ״So hat der Herr doch unser Flchen erhört und Sie uns erhalten. Ich hatte Gelegenheit wahrzunehmen, wie viele Herzen um Sie bangten und wie viele Lippen von Lobeserhebungen überströmten, destomehr fühle ich mich zu Ihnen hingezogen und wünsche vom Herzen, mich allmälig Ihrer Freundschaft würdig zu machen". ״O, junger Mann, Sie haben ein offenes Gemüth, da Sie mir so frei und neidlos von den Kundgebungen meiner Gemeinde- und Wundervolles vollführen, sie vermag Felsenherzen zullerMyMn . und Verzagte zu stählen. Von der Kraft d^s Gotteswor!es sägt Iesaias: ״Wie der Regen und,.der- Schnee vom Himmel herabfällt, nicht dahin zurückkehrt, sondern die Erde' tränkt und fruchtbar macht, " dass sie sprosst und Samen gibt,-so 5 .ist, mein Wort, das aus meinem Munde geht, es kehrt nicht leer zurück, sondern vollbringt, was mir gefällt, und richtet aus, wozu ich es gesandt". Aber noch größer.ist die Macht des Wortes, wenn es sich mit dem ,Tone-verbindet,. es bildet die Leiter, auf welcher der Geist sich empyrschwingt,...es verwandelt Traurigkeit , in Freude und versetzt den. Menschen in eine verklärte Stimmung, erregt Gefühle der Aildacht. Sollen die Predigt und der Vorträg drr Gebete Eingang, Anklang und Wiederhall in den Herzen finden, so ist-erstens notwendig, dass sowohl der Prediger als.auch'.Cantor sich gehörig zu ihren Funktionen vorbereiten; die Nonchalance muß vermieden werden, der Prediger soll keinesfalls extemporiren und sich nicht auf die Eingebungen des Augenblicks verlassen, die. Worte mögen gewogen und gewählt werden, sie sollen sein, wie Salomon sagt.: ,״Goldene Aepfel in silbernen Schalen", jedes Wort.an seiner Stelle. Nur wenn man sich nicht vorbereitet, wird die. Rede lang, man merkt, dgss sie שלא בסדרן ist und wird zur Last;., es.ergeht dem Prediger wie jenem Briefschreiber, welcher an seinen Freund schreibt, ich habe.keine Zeit einen kurzen und bündigen Brief zu schreiben, darum schreibe ich dir einen langen und ungeordneten. Der Prediger soll mehr durch seine Worte anregen als sich durch Heftigkeit aufregen, . der -Midrasch sagt דברי חכמים בנחת- ושמעים. אלו הדרשנים• An den herannahenden Festtagen möge der Prediger mehr zum .Herzen als zum Verstände sprechen, er soll durch die Kraft seiner rhetorischen Beredsamkeit auf das Gemüth wirken -רחמנא לבא בעי• Die Regeln unserer Rabbinen: לעולם ילמד בדרך בצרה ולעולם ילמוד בלשן נקיה וקילה soll der Prediger stets beherzen, dann werden seine Predigten gerne gehört werden und eine moralische Wirkung . Hervorbringen. Mitglieder sprechen, bewahren Sie sich auch fernerhin ein reines Herz, unberührt von den bösen Eingebungen, die das praktische Leben erzeugt, und seien. Sie eingedenk der Worte Schillers: ״O, hättest du von Menschen besser stets gedacht, du hättest besser auch gehandelt". Ach, meine Tochter liest mir oft die großen undedlen Gedanken der berühmten Dichter vor, und immer erkenne ich, der ich ein an Erfahrung so reiches Leben hinter mir habe, wie veredelnd diese großen Geister auf die menschliche Gesellschaft bestrebt waren". Erst jetzt wandte sich Behrens dem jungen Mädchen zu, das sinnend beim Fenster stand und bei den Worten, ihres Vaters den Blick erhob. Die jungen Leute sahen einander einige Sekunden an, und fühlten im Herzen eine Beklemmung, die ihnen die Sprache zu verschlagen schien. Doch Behrens begann bald: ״O, ich habe bereits von Fräulein Emma Weinstein über Sie, geehrtes Fräulein, sprechen gehört, und auch Fräulein Bärwald gedenkt Ihrer stets mit überschwänglichen Lobreden. So verschieden diese beiden Damen in ihren Aeußerungen sind, bei Fräulein Emma die classsiche Ruhe und bei Fräulein Lieschen das lebhafte von Witz und Humor übersprudelnde Temperament, so stimmen sie doch vollständig in der Verehrung für Sie überein. Nur drücken beide ihr Bedauern aus, dass Sie so selten in ihren geselligen Kreisen gesehen, werden". ״Ich kann meinen Freundinen nur dankbar sein, wenn sie mich lieben und schätzen, doch der Nachsatz beweist, dass ich.es wenig verstehe, mich ihrer Freundschaft würdig zu machen. Den jungen Damen hat aber der liebe Gott eine andere Situation im Leben angewiesen als mir, und da ich die weisen Rathschlüsse des Höchsten r ehre, so wird ihnen mein Benehmen wohl erklärlich sein." ״Und ich denke, liebes Fräulein, dass sich schöne Geister ohne Rücksicht auf Geburt und Stand finden sollen, denn die geistigen Vorzüge können doch in der Zurückgezogenheit nicht zur Geltung kommen, oder besser nicht auf andere Gleichgesinnte ihre belebenden Reflexe werfen."