Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 30 (12.9.1887)
- Date
- 1887-09-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— s — Historische Parallelen in -er Mischen Geschichte.*) (Schluss.) .. Und kn der That begann die. Zerstreuung lange freiwillig, bevor sie aufgenöthigk war, selbst vor der Entstehung des Christenthums. And diese freiwillige Auswanderung dauerte eine lange Zeit. ׳ Die talmudischen Weisen haben' für dieses Wanderungsverhäng nis eine tiefdurchdachte Sentenz formulirt, als Ausdeutung eines Bibelverfes: ״Eine Wohlthat hat Gott- Israel erwiesen, dass es unter alle Völker zerstreut wurde." Eine Wohlthat war die Diaspora in so fern, dass die Vertilgungswaffen, die so oft bald in dem einen, bald in dem andern Theil der Erde über Israel geschwungen wurdew nicht den ganzen Körper treffen konnten, sondern nur einzelne Glieder. Und eine Wohlthat war diese״ Zerstreuung für die weltgeschichtliche Entwickelung, dass es auf seiner Wanderung seine Sendschaft, Licht den Völkern zu bringen,, bethätigten konnte^ Er streute einige Lichtfunken in Alexandria, Antiochien und Rom aus, und daraus'entstand das Christenthum. Er streute einigen Samen in Mekka und Medina aus, und daraus entstand der Islam. Aus einigen von ihm ausgegangenen Licktspuren entwickelte sich die scholastische Philosophie in der zweiten Hälfte des Mittelalters, der Protestantismus auf dem Eontinent im 16. Jahrhundert und noch׳ mehr das von alttestamentlichem Geiste durchwehte Jndependententhum auf Ihrer Insel. Nicht vergeblich hat der müde Fuß dieses Volkes die Erde durchwandert, es hat damit seine Aufgabe zum Theil wenigstens gelöst. Und diese felsenfeste Ueberzeugung, dass es aus grauem Alterthum in wunderbarer Leitung ein Vermächtnis erhalten hat, dieses Bewusstsein hat es gestählt und ihm die Kraft zum Widerstande, und zum Fortleben - verliehen. Die scheinbare Schwäche war gerade seine Stärke. Es konnte mit Recht sagen: ״Gott der Herr ist mejne >Kraft, er hat meinen Füßen die Schnelligkeit des Rehes gegeben". Das merkwürdigste, wichtigste Beispiel hiervon giebt das zehnte Jahrhundert, als jüdisches Wissen von Mesopotamien nach Spanien verpsianzt wurde, welches eine neue classische Periode in diesem Lande hervorrief. Zu jener Zeit war es, dass das Judenthum sich seiner selbst bewußt ward und eine Theorie des Judenthums entstand! Lange hielten die spanischen Juden die Führerschaft Israels.- Als sie vertrieben wurden, waren sie wiederum ein.Segen für das Judenthum! Wahr ist es, dass die Hauptmasse der Vertriebenen Nach der Türkei ging, wo sie keine Gelegenheit zur Weiterentwicklung hatten. Aber eine auserlesene Schaar kam in die Länder der Freiheit: Holland und England. Diese Gemeinschaften waren ursprünglich.von Marannencotonien bevölkert, von Leuten der, anerkannten Confessionen mit dem stolzen Anstande spanischer Hidalgos. Die Londoner Gemeinde that nichts von geschichtlicher Bedeutung während mehr als 260 Jahren, sondern entfaltete nur die Keime einer edleren Ent- Wicklung, die Achtung der höchsten Classen Englands sich gewinnend. Aber vor Kurzem trugen sich verschiedene Ereigniße von historischer Wichtigkeit für die Juden in England zu. Das erste war die energische Handlung der englischen Juden unter Führung von Sir Moses Montefiore in der Damasker Blutbeschuldigung von 1840. Dies half ein Gefühl der Solidarität unter den Juden der ganzen Welt verbreiten und brachte in England eine Vereinigung des Aschkenäsim und Sephardim hervor. Der nächste Punkt war die Art, in der die Emancipation in England gewonnen ward. Sonderbar genug kam - * Aus einem Vortrag, gehalten am 16. Juli von Prof. H. G.r ä tz vor der Englisch-Jüdisch-Histonschen Ausstellung in London. (Populär-wissenschaftl. Monatsblätter Nr. 9.) die Emancipation der englischen Juden sehr spät; weder 1780 noch 1848 brachte sie hervor. Aber es geschah dies, weil Englanddew ' Juden eine völlige Emancipation ohne Vorbehalt gewährt, währendsie auf dem ContmeEin einem Momente der Berzweisiung mit der stillschweigenden: Absicht, sie eines Tages zu beschränken, zu widerrufen, gewährt ward. Die englischen Juden hatten keinen Theik ihres Glaubens aufzugeben, um volle Rechte zu erhalten, wie es das Sanhedrin in Paris gethan. Ein anderes bedeutendes Ereignis war die Gründung der englisch-jüdischen Gesellschaft, welche sich von der »Alliance- Israelite« unterschied, indem sie auch an das heilige Land dachte. ״Aber," fährt der gelehrte Redner fort, ״bevor Jerusalem sich aus dem Staube erheben kann, muß es abschütteln die Fesseln der Geistesknechtschaft. Oder, um es klarer zu machen, wenn Israel seine ideale Aufgabe erreichen will, das Licht den Nattonen zu bringen, so muß es zuerst und vor allem Licht in seiner eigenen Mitte haben! Es muß klar seine Vergangenheit erkennen und seine Zukunft begreifen, was sie bedeutet und in sich einschließt. Es muß den Weg betrachten, den die Vorsehung es bisher führte, das Ziel, welches es am Ende der Tage erreichen muß. Deswegen aber bedarf es Führung, und diesen Posten seid Ihr mehr als irgend eine Gemeinde Israels berufen auszufüllen. Denn die Schrift war geehrter in England als anderswo, nnd das Volk des ״Buches" konnte hier freier als anderswo handeln, weil es erkannt war, dass Vaterlandsliebe, nicht die Liebe für das Land der Väter ausschließt. Die englischen Juden könnten ihre Führerschaft begründen, indem sie eine jüdische. Akademie zur Beförderung jüdischer Wissenschaft gründen. Das Gebiet der jüdischen Gedankenwelt ist ein gar weites! Die- Bibel war ein Lebeusstudium und jetzt sind die jüdischen Bibel-Gelehrten sehr zurück! Der Talmud benöthigt Jnterpretirung, weil mau die Juden seinetwegen angreift, dann gewähren jüdische Philosophie und Ethik Materialien für einen drüten Zweig einer jüdischen Akademie. Schließlich benöthigen die Materialien für jüdische Geschichte und Archäologie besondere Forschungen, welche am besten unternommen werden können von einer organisirten Körperschaft wie eine Akademie. So würde eine jüdische Akademie gebildet sein aus vier Sectionen: 1. Biblische Studien, 2. Talmud, 3. Philosophie und Ethik, 4. Geschichte und Archäologie. Wenn man einwendet, dass die schon existirenden Seminarien diese Studien verfolgten, bemerkt Prof. Grätz, seien diese nur für Unterricht, nicht für Forschung bestinnnt. ״Nur solche wissenschaftliche Arbeiter," schließt er, ״welche gänzlich frei sind von jedem Joche, können wahrhafte akademische Resultate erzielen. Innerhalb kurzer Zeit habt Ihr Würdiges geleistet und ein goldenes Blatt den Annalen jüdischer Geschichte hinzugefügt! Ihr habt der Welt dieses Schauspiel einer Englisch-Jüdisch-Historischen Ausstellung geboten, über welche der Vorhang noch nicht gefallen ist. So setzt die Krone auf Euer Werk, errichtet eine jüdische Akademie, oder macht wenigstens einen Anfang mit einer ihrer vier Secttonen!" Die Rabbiner und Cantoren als Faktoren -er erhebenden Än-acht. In unserer materiellen Zeit, wo mit dem Dichter gesprochen, ״Alles am Golde hängt, nach dem Golde drängt" und die Zeit, innerhalb welcher unser Lebensstrom sich über die Erde hinwegzieht, so reich an Alltäglichkeit ist, das Herz kalt und lahm, wie abgestorben aller göttlichen Empfindungen, träge und verdrossen für alles Heilige,