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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-09-04 · Heft 29 (4.9.1887) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 29 (4.9.1887)
Date
1887-09-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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gewahrt -wissen wollet und ohne es besonders hervorzuheben, dadurch ׳stillschweigend euren Kampf gegen Indifferenzen und überzeugungslose Apostasie an den Tag zu legen, welche — zu eurer Ehre sei es gesagt — hier seltener sind als auf' dem Continente. Warum scheint Israel das Gesetz ״des Ueberlebens des Stärksten" zu vernichten? Weil die Stärke einer Nation abhängt von ihrer Kraft, materielle' Hinderniße zu überwinden und dies wiederum von ihren Idealen! Wie das Ideal, so ist die Stärke die Ausdauer einer Nation! So Griechenland. Mit seinen Idealen des Schönen und des ' Wissens fiel es, um nie aufznstehen, weil diese Ideale nur dem Eigendünkel dienten! Rom ging ebenfalls unter, weil seine Ideale materieller, mechanischer Natur waren, nur die äußere Organisation des Volkes betrafen. Aber Israels Ideale waren höher, reiner als diese — zu errichten und zu verbreiten ein reinere Gotteserkenntnis, höhere Ideale der Moralität und. hierdurch den Völkern das Licht zu bringen, ein Reich von Priestern, eine messianische Nation zu werden. Um dies zu bewirken, war die Zerstreuung das notwendige Mittel, früh prophezeit und anerkannt als ein Segen für Israel, weil dann Verfolgung nicht das ganze Volk treffen konnte und der Samen göttlicher Wahrheit weit verbreitet ward. Durch die Zerstreuung entstand das Christentum und später der Islam. Die Thaten, weiche weise Juden für mittelalterliche Wissenschaft und Gedanken berichteten, geschahen hauptsächlich durch die Zerstreuung, durch welche in Israel das- Bewusstsein göttlichen Schutzes erhalten ward. Außerdein war sie ein notwendiges Erziehungsmittel für ein Volk, welches der Lehrer der Welt werden sollte — es sollte die Welt sehen, Erfahrung sammeln! . (Schluss folgt.) Cmgesendkt. Geehrter Kerr Hledacleur! Die unberechtigten und ungerechtfertigten Auslassungen des Herrn Marcus Friedmann in Catovic gegen mich in Nr. 26 d. Bl. dürfen nicht ohne Erwiderung bleiben; denn der von ihm in Form Krankheit, die sie glücklich überstanden, merkliche Spuren zurückgelasseu; der einst kräftige Mann war blass und mager, doch, prägte sich in seinen Zügen ein rührender Zug von Zufriedenheit aus. ״O, ich fühle mich heute so wol nub gekräftigt, wie lange nicht," sprach Frau Rachel ״es macht mich glücklich, dass ich Dich,- meiil lieber David, .außerhalb des Bettes sehe, und wahrnehme, wie Du zusehends wieder zu Kräften kommst". Bei diesen Worten wandte sich Deborah ihren Eltern zu und meldete, dass eben Rabbi Baruch in's Haus gehe. ״Wie oft war er mein Tröster in der schweren Zeit eurer Krankheit, und wie innig und tief war seine Theilnahme für Dich, theurer Vater". Da klopfte es leise an der Thür und der Rabbiner betrat lächelnd das Zimmer. ׳ - Dessauer wollte sich erheben, um seinem Gaste entgegen zu gehen, doch dieser erhob schnell Einsprache und setzte sich neben ihn. Er ergriff die dargebotene Rechte des Genesenen und sagte: ״Ach, Sie haben uns in'Schrecken versetzt, ineine Worte hatten keinen E'ugang in ihr Herz gesunden, und Sie haben das Herz bm Sieg über den Verstand erringen lassen, daher ist die böse'Krankheit über Sie gekommen. Die stete Aufregung, lieber Dessauer, in die Sie sich hineinlebten, hat Ihre Nerven überreizt. Ich kam zu Ihnen, um Sie zu versichern, dass Ihr Amt einen würdigen Vertreter erhalten; da war es-schon zu spät, Sie hörten-meine Worte nicht mehr, ich׳ saß oft viele Stunden an Ihrem K> ankenlager und wartete auf einen Moment, um durch meine Worte Ihrer Seele den Frieden 311 geben, aber die Krankheit wich .nicht von Ihnen. Endlich kam ein Tag, an dem Sie mich erkannten und meine . Worte machten auf Sie einen günstigen Eindruck, da aber nahm Ihre Körperschwäche überhand, und der Doctor empfahl die strengste Schonung Ihrer Geisteskräfte. Ich blieb fern, bis mir heute Dr. Eberhardt die freudige Künde brachte, dass :seine Arbeit vollendet und ich, wenn es nöthig, die meinige'beginnen einer Apologie veröffentlichte Aufsatz ist eigentlich nur eine Denunciation, durch welche gegen, mich, meine Ehrenhaftigkeit und Glaub- . Würdigkeit ein Angriff geführt' wird und die keinen anderen Zweck haben-kann, als Feindschaft zu stiften. . Ein College schrieb mir, er sei mit seiner Gemeinde in eine ׳ kleine Collision gerathen; wäre aber trotzdem in seinem Amte gerne verblieben. Ohne dass die Stelle ausgeschrieben worden wäre, empfahl inzwischen Herr Rubin aus Prag seiner Gemeinde — wahrscheinlich auf deren Aufforderung — mehrere ledige, vacante Functionäre, und der College hätte leicht dadurch seiner Stelle verlustig werden können, wenn er sich nicht noch״ rechtzeitig mit seiner Gemeinde ausgesöhnt hätte. Dieses wäre ihm aber kaum gelungen, wenn er nicht, obwohl verheiratet, kinderlos wäre; denn die Gemeinde hätte dann gewiss. einem der ledigen Herren den Vorzug gegeben, und der alte Beamte hätte wider seinen Willen zum Wanderstabe greifen müssen. Wie zü ersehen ist, berührt diese Thatsache meine Person und mein Interesse mit keinem Haare, und ich hätte ganz gemüthlich, eingedenk des Sprichwortes: ״Was dich nicht brennt, das lösche nicht!" schweigen können. Doch gehöre ich nicht zu jenen Vielen, die nur das löschen, was sie brennt; vielmehr gehöre ich zu jenen Wenigen, die auch den Schmerz Anderer Mitempfinden und die sich als Glied eines Körpers geriren und dadurch das Leid und Weh eines andern Gliedes milfühlen und Linderung zu schassen suchen. Als eifriger Mitarbeiter der ״C.-Z." griff ich deswegen zur Feder, um in wenigen ruhigen und überlegten Worten einen solchen Vorgang in ganz objectiver Weise, in Freundschrft und aufrichtiger Gesinnung. zu rügen, und dadurch möglichen Missbräuchen vorzubengen. Wer könnte mich dadurch eines Unrechtes zeihen? Im Gegentheil dachte ich mit Sicherheit, dadurch die Meinung Vieler zu vertreten und das Jntereffe der meisten Collegen zu wahren. Allein Herr Friedmaun zieht die unschuldige Sache in die Breite und Länge, indem er mich zum öffentlichen Ankläger stempelt, mich als Verläurnder darstellt, meine Ehrenhaftigkeit und Glaubwürdigigkeit in könne. Ihre zufriedene Miene sagt mir aber, dass Ihr Seelenschmerz gewichen". ״O, Dank, Dank, theurer Rabbi! Der Allbarmherzige, der mir mein Leben wiedergab, segne Sie für Ihre Theilnahme". Doch ein Schatten flog über feine ernsten Züge, und seine Hand legte sich fest auf's Herz, indem er sprach : ״Ich will, will mich ergeben, will mich von Ihnen überzeugen lassen". ״Bald werden Sie sich vollständig erholen", sagte der Nabbiner, ״denn das warme Wetter wird Ihre Kräftigung beschleunigen, und dann müssen Sie oft mein Gast sein. O, die Zeit wird uns bei meinen Büchern im Fluge verstreichen, und ich Habe schon so viele Stellen bezeichnet, die wir mit einander durchdenken wollen, dass es uns nie an Stofs mangeln kann". Der Rabbiner weilte noch kurze Zeit int Hause Desiauers, dann empfahl er sich mit dem Bemerken, dass er Herrn Bärivald zu Hause erwarte, der sich bei ihm zu einer Rücksprache wegen der Ho'chzeitsfeier seiner Tochter habe melden lassen. Deborah küsste ehrfurchtsvoll die Hand des Rabbiner und geleitete ihn hinaus. Als sie zurückkehrte, brachte, der Briefträger zwei Karten und .zwar die Einladung zur Hochzeit der Elise Bürwald und die Verlobungsanzeige der Emma Weinstein mit Adolf Berliner. ״Ja", sagte Rachel, ״während wir trübe Zeiten verlebten, hat sich in unserer Gemeinde manch Freudiges ereignet. Gott Lob, dass wir wieder hergestellt sind und theilnehmen können an dem Glücke unserer lieben Freunde, die uns so unermüdlich Ihr Beileid bewiesen." Während sie sprach, klopfte es wieder leise und mit höflicher . Verbeugung erschien Cautor Behrens in der geöffneten Thür. ^Fortsetzung folgt )

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