Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 29 (4.9.1887)
- Date
- 1887-09-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— -äs — Historische Parallelen in -er jüdischen Geschichte?) Herr Prof. Grätz leitete seinen Vortrag mit Bemerkungen über die Zeit, in der die׳ Mythe über den ״ewigen Juden" ins Leben getreten sei, ein. Sie ist in Deutschland zur Zeit der Reformation entstanden, als der Skepticismus zuerst in Europa Wurzel fasste, und der ״ewige Jude" ward als ein Beiwerk züm Rationalismus erfunden, denn wenn er existirte und Zeugnis für die Kreuzigung oblegen konnte, so war der christliche Glaube gerettet! In der deutschen Form war er ein Verworfener, ein Verstoßener, ein Typus des damaligen deutschen Juden. In Frankreich war -die Gestalt - des ״ewigen Juden" - veredelt,' weniger unwürdig ihres typischen Charakters. Wahrscheinlich war der Verfasser des ״Türkischen Spion",, in welchem diese Form erschien, ein Marrane, 'der eine ׳ würdigere Idee vom Judenthum geben wollte. ׳ ... Der wandernde Jude ist das wandernde Judenthum, welches aus einem hohem Thurm steht und von ihm die steigenden und fallenden Wogen der Weltgeschichte, betrachtet. Es spricht alle Sprachen, denn es war in allen Ländern. Es entrinnt in einer Weise, die als Wunder betrachtet werden muß, allen Gefahren und - Schrecknißen. Es ist der jüngste Bruder der Zeit. Cs hat ein mächtiges Gedachtnis für alle Ereigniße der Jahrtausende, die ihm vorhergingen. Die historischen Chroniken des Judenthums sind daher die ausgedehntesten aller Nationen, und die Geschichte Israels bildet eine Geschichte der - Welt en miniature in dem Verhältniße des Mikrokosmos zum Makrokosmos. Die Länge allein jedoch von Israels Annalen würde nicht so ruhmvoll sein,, wenn sie nicht so außerordentlich glänzend wären. * Aus einem Vortrag, gehalten am 16. Juli von Prof H. Grätz vor der Englisch - Jüdisch - Historischen Ausstellung in London. (Populärwiffeuschaftl. Monatsblätter Nr. 9.) Der junge Cantor. Eine Erzählung von Cäcilie L ö w y. . ~ (17. Fortsetzung.) ״Dein Eifern gegen die heutige Erziehung der Jugend frappirt mich, liebe Frau", wandte Herr - Weinstein ein. ״Du mußt doch schließlich zugeben, dass unsere Häuslichkeit eine ganz andere ist, als die Deiner gottseligen Eltern, dass unser gesellschaftliches Leben sich bei Weitem anders gestaltet hat; wie gerne bietest Du — und auch ich — Deinen Freunden ein gastfreies Haus sowie eine unseren Verhältnißen angemesseile Bewirtung und Unterhaltung? Und glaubst Du denn, dass dies alles aus die Gesinnungen der Jugend keinen Einfluß übt? Die strengen, religiösen Vorschriften ließen sich recht bequem in unfern früheren, beschränkten Verhältnißen beobachten,״ sie waren, möchte ich sagen, die Würze' unseres einförmigen Lebens; wenn ich Sonnabend meinen Eltern einige Capitel.aus der Bibel vorlas, war das für sie und mich ein Hochgenuss, eine geistige Anregung, die uns über die alltäglichen Mühen erhob, und o, wie ist es. anders geworden, wie viel lernt die Jugend, und wie vielseitig ist der Stoff zu ihrer Unterhaltung! Kann man sich da wundern, wenn die Liebe zur Ausübung religiöser (Zeremonien geschwächt wird, wenn die jungen Leute sich beengt fühlen und rütteln an den Fesseln, in die unsere heilige Religion ihre Handlungen schlägt?" ״Ach, ihr Männer seht immer tiefer als wir", sagte Frau Weinstein zustimmend. ״Du hast wieder einmal Recht, und doch müssen wir. Halt gebieten, und das Unsrige thun, um den Kindern Das von Charles Darwin entdeckte Naturgesetz, welches m der Formel ״Kampf ums Dasein" zusammengefasst werden -kann,, übte eb nfalls seinen grausamen Einfluss iw der geschichtlichen. Welt, wo die korrespondierende Formel ״Macht ist Recht" zur. Geltung Lam. Aber das Volk Israel bildete eine merkwürdige Ausnahme von der Wirkung dieses ״eisernen Gesetzes." Kein Volk war so schwach als dieses, und. dennoch bestand es gegen den Ansturm der stärkeren Mächte der Vergangenheit. Dreimal ward es aus unwürdigster Sklaverei erlöst und ward nicht nur frei, sondern mächtig, blühend in jugendlicher Kraft. Den Auszug nach Aegypten, die Rückkehr aus Babylonkennen wir. Wann aber war die dritte Erlösung und Er- Hebung? Damals, als wir uns selbst ׳dem geistigen. Tode entrissen! . Vor einem Jahrhunderte stand Israel mit niedergeschlagenen Augen und mit gebeugtem Rücken. Und heute? Diese glänzende Ver- ' sammlung der Elite des Judenthums, welche eine-historische jüdische Ausstellung errichtet hat,׳ um die Alterthümer der Vergangenheit vor unseren Blicken zu entfalten —- die äußeren Zeichen unserer früheren Lage! — Ja, diese Versammlung spricht klarer und wirksamer von unserer wunderbaren Metamorphose, von unserer Erhebung und geänderten Stellung, als irgend ein Bild in Worten., wie dramatisch es auch sein würde. Einem jüdischen Besucher vom Contineute,- wo 1 eine solche Ausstellung tlmnöglich war, ist sie schon besonders erfreulich der Gefühle wegen, welche sie ausdrückt. Jüdische Reliquien können nicht mit denjenigen anderer Völker wetteifern. ״Aber" — fährt der Professor fort — ״es war keine müßige Eitelkeit, nicht Durst nach Ruhm, welche die?lusstellenden bewog, und diejenigen, welche warmen Antheil an dem Werke nahmen. Wenn ich euere Motive recht interpretire, so wünschet ihr eueren jüdischen Ueberzeuguugen Ausdruck zu geben. Ihr wünschet, die innere Verbindung zwischen eurer Vergaugenheit-und Gegenwart kund zu geben. Ihr wünscht zu zeigen, dass wie ihr als englische Patrioten mit jedem Schlage eures Herzens an dieser glücklichen Insel hängt, ihr auch eure Verbindung und ' euren Zusammenhang mit den langen Serien der Geschlechter Israels die Liebe. zur Religion unserer Väter anzufachen, und wir dürfen nie ermüden sie zu ermahnen, - dass der Weg. zum Glücke nur im Vertrauen auf unfern einig, einzigen Schöpfer zu finden ist". ״Ja,, liebe Frau, das soll unsere Aufgabe sein, doch mit güten Worten wirst Du mehr wirken, als im gereizten Tone". Emina betrat eben wieder düs Zimmer und servirte den Nachtisch. Die Familie genoss aber nur wenig, denn der Hausherr begann bald das ׳Tischgebet und beeilte sich nach demselben, den.Weg, zu Dessauer anzutreten'. ’ IX. Des Winters Macht war gebrochenmilde Lüste wehten wieder, die Sonne schien warm auf die hervorkeimenden Gräser und Blättchen, in Gärten und Hecken ertönte. der Gesang der Vögel, und Alles atmete frei auf und war froh, dass der strenge Winter endlich dem Frühling das Feld geräumt. In der Stadt D. war es׳ heute am Sonntag Vormittag recht still in den Straßen, denn die christliche 'Bevölkerung war im Gotteshause,'und auch die Geschäfte, der; jüdischen Einwohner waren geschlossen, wie es' die gesetzliche Vorschrift verlangte. Langsamen Schrittes.sehen wir einen würdigen Greis das Judeuviertel passiren und in der Nähe des ׳Tempels vor einem hohen, schmalen-Hause stehen bleiben. - . Im oberen Stocke winde eben ein Fenster geöffnet und bald zeigt sich in dem Rahmen desselben das blasse, schöne Gesicht Deborahs, die leise vor sich hinmurmelte: ״Und dräut der Winter noch so sehr, es muß doch Frühling werden." ״Wie doppelt wahr sind diese Worte .für mich", dachte sie, da erblickte sie den Greis vor der Hausthür und wandte sich wieder dem Zimmer zu. . In einem großen Lehnstuhle saß David Dessauer ׳und neben ihm mit einem Lächeln auf den.Lippen seine Rachel. Leider hatte die-