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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-09-04 · Heft 29 (4.9.1887) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 29 (4.9.1887)
Date
1887-09-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 3 — in Lenen die großstädtischen Verhältniße es nicht gestatten. Zn der Pfalz nun, refp. in Bayern, ist der Cantor als solcher dem jedesmalkgen Bezirks-Rabbiner unterstellt, der etwaige Conslicke ritueller Art zwischen der Gemeinde, resp. dessen Vorstand und ihm zu schlichten berufen ist. ־.־ Schade nur, dass es keine ״Cantorenschule" giebt, wenigstens nicht in der Pfalz und in Bayern, in denen die aus den Seminarien entlassenen, musikalisch ausgebildeten und gesanglich geschulten Kandidaten auch die rituellen Gesänge kennen zu lernen und zu exekutiren Gelegenheit haben. Wie die Verhältniße augenblicklich liegen, eignen sich schon während der Studienzeit vor der Entlassung und auch nachher die betr. jungen Leute ihre Kenntnis, im synagogalen Gesang privatim bei einem amtirenden Cantor an. Dass diese meist vorherrschende Praxis, dem seminar. gebildeten Lehrer auch zugleich das Cantorat zu übertragen, vom schönsten Erfolge gekrönt ist, beweist, die Thatsache, dass der selbst in kleinen Gemeinden bestehende Gottesdienst an Sabbaten und Festtagen hier zu Lande meist sehr geregelt und würdig ist. Zn meinem ziemlich großen Bezirke giebt es z. B. sehr wenige Gemeinden, in denen nicht der Cantor Lehrer mit den Kindern — Knaben und Mädchen — einen Synagogenchor gebildet hätte, der allsabbatlich rc. ganz hübsche, den Verhältnißen entsprechende Gesänge zur Verherrlichung des Gottesdienstes vorträgt. Dass auf diese Weise die ganze Gemeinde in Ordnung und Würde an den Gesängen theilnimmt und einstimmt und zur Andacht fortgerissen wird, ist klar. Darum freue ich mich immer — im Gegensätze zu jenen, die Musikstudien an den Seminarien perhorrescirenden Herren — wenn in Len Conferenzen gerade bei jüd. Zöglingen ein günstiger Erfolg in den Gesang- und Musikstudien registrirt wird, weil dadurch der einstige jüd. Lehrer in vieler Beziehung wohlthätig auf Gemeinde und Schule einwirkt." Noch einmal Cantorenschule. Ueber gewisse Angelegenheiten kann man nicht oft genug sprechen. Sowie man den Krieg im Kriege lernt, so müssen auch im geistigen Kampfe Ansichten und Meinungen angegriffen und vertheidigt werden, bis schließlich das Gute gesunden und als solches anerkannt und angewendet wird. Nur ist es gefehlt, wenn posthum Einzelne auftreten, und, längst Besprochenes wiederholend, in der Meinung -sind, weiß Gott was für Weisheit aus ihrer Feder trieft, während in Wahrheit das Gute, das sie uns bieten, nicht neu, und das Neue nicht gut ist. Diesen Eindruck musste der leitende Artikel in Nr. 27 der ״<S.3־tg." auf den unbefangenen Leser Hervorbringen. Ohne mich in eine Dissertation einzulassen, die den casus übrigens nicht klarer machen würdet als er von Haus aus ist, will ich es der Naivität des Verfassers zuschreiben, wenn er lammfromm in Vorahnung des Gescheertwerdens ״eine Cantorenschule als Siegespanier der jüdischen Gemeinden, als reiche Auswahl bietenden Markt und eben deswegen als Born des Unglücks der gegenwärtig amtirenden Cantoren, als Ruin der Wohlfahrt vieler Collegen" betrachtet. Diese Angst! Also Concurrenz im eigenen Hause sollte der Zweck der Cantorenschule sein, und uns, die wir bis heute ehrlich und selbstlos für die Cantoren, für die Förderung ihrer Interessen, für die Hebung des Standes gewirkt und gewiss auch Erfolge errungeu haben, uns muthet man im Ernst eine solche Kurzsichtigkeit zu, eine Institution anzustreben, die dem Cantor verderblich werden sollte? O sancta simplicitas! Von nun ab müssen alle Schulen geschlossen werden, es. wachsen ja neue Lehrer, Aerzte, Kaufteute rc. rc. heran, und diese werden den alten Concurrenz bieten. Der Verfasser des Artikels ist ganz erstaunt, sogar verblüfft über die Zumuthung, der Verein habe die Gründung einer Cantoren- Schule anzustreben, und dennoch findet er selbst den eigentlichen und einzigen Beweggrund, der uns alle geleitet, und das ist ganz richtig ״die gute Sache und (nicht oder) die Verbesserung der Lage der Cantoren". Die Cantorenschule ist eine gute Sache, aus dem Grunde, weil sie den Zweck verfolgt, Cantoren heranzubilden, die nicht nur ihrem Fache vollkommen gewachsen sind, sondern auch mit jener Summe allgemeinen Wissens ausgestattet werden, das sie befähigt, ihr Amt auch nach außen würdig zu vertreten; sie sollen mit einem Worte Etwas sein, auch dann, wenn sie nicht vor dem Altar stehen. Für Nullen soll ein Riegel vorgeschoben werden, jenen Parasiten, die zu Dutzenden herumschwärmen, und zu jeder Zeit und zu jedem Preise zu haben sind, denen soll der Boden unter den Füßen entzogen werden. Der Cantor muß etwas können, etwas sein, und dazu soll ihm die Cantorenschule verhelfen. Zn Oesterreich und auch anderswo muß z. B. jeder öffentliche Lehrer die Befähigung für sein Amt vor seiner Anstellung documentarisch Nachweisen, das soll auch vom Cantor verlangt werden können, und dazu soll die Cantorenschule das autoritative Forum sein. Um beim Beispiel zu bleiben muß hinzugefügt werden, dass bereits angestellte Lehrer die jahrelang im Amte sind, verhalten werden, in gewissen Lehrfächern kürzere oder längere Kurse im Pädagogium anzuhören, um ihr Wissen und Können zu erweitern. Aehnliches soll die Cantorenschule bieten. Freilich heute lebt es sich viel bequemer. Man ist jung, ledig, hat ein hübsches Sümmchen, findet bald einen Posten, da Ledige bevorzugt werden, singt jahraus jahrein dasselbe Lied und endlich wird geheiratet. An Arbeit und stetige Fortbildung wird nicht gedacht, man lebt in den Tag hinein und lässt den lieben Herrgott walten. Dabei aber wird man älter, die Kinder und die Sorgen wachsen mit jedem Tage. Dürfen wir uns dann wundern, wenn wir eines Tages einem Jüngeren weichen müssen? Der Cantor ist ja vogelfrei! Das ist gewiss ein Zustand, der des Cantors unwürdig ist und für die heutigen Verhältniße nicht taugt. Dem muß also gesteuert werden. Wir müssen daher trachten, eine Schranke um unser Haus zu ziehen, damit kein Unberufener eindringe. Wir müssen ferner das Niveau unserer Leistungsfähigkeit zu heben trachten, und dazu ist die Cantorenschule das beste Mittel. Für jedes Handwerk, für jedes Gewerbe muß heute der Befähigungsnachweis erbracht werden. Dieser allein schützt gegen Eindringlinge. Damit ist doch gesagt, was wir anzustreben haben und das sind die Motive, die eine Cantorenschule dringend erheischen. Allein der Cantor muß seinen ganzen Mann stellen, kann er es nicht, so ist es Aufgabe, der Cantorenschule ihm hilfreich an die Hand -zu gehen. Wohl gibt es einen Einwand gegen die Gründung einer solchen Schule, und das ist das gewiss demüthigende Eingeständnis ihrer Nothwendigkeit. Allein haben wir einmal den Much der Selbsterkenntnis, dann finden wir auch die Kraft der Selbstverbesserung, dann darf uns auch um die Heilung der vorhandenen Schaden nicht bange sein. Weisheit darf nicht blind sein; also seien wir weise. Wien, 24. August 1887׳. Adolf Rotter.

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