Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 29 (4.9.1887)
- Date
- 1887-09-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 zu bringen, anderntheils gehen sie auf kein ritardando. fein accelerando des Sängers ein, sondern spielen im strengsten Tacte fort, ohne Rücksicht auf die declamatorischen Vortragsnüancen des Singenden, oder machen, wenn sie sich die Mühe geben auf dergleichen Freiheiten im Tacte zu achten, aus jedem rallentando sofort mehrere Tacte andauerndes Eento, aus jedem stringendo ein fortgesetztes Allegrp, wahrend der Sänger oft nur wenige Noten im Tacte zurückhalten oder beschleunigen möchte! Deshalb kann es dem jungm Sänger nicht dringend genug empfohlen werden, dass er sich die nöthige Geschicklichkeit des Pianofortespielens erwerbe, um sich immer selbst accompagniren zu können, wo es an einem,׳ der. Gesangskunst mächtigen und mit den Bedürfnissen und Zufällen der Stimmen vertrauten Begleiter fehlt. — Jungen Sängern, welche durchaus nicht im Stande sind, sich beim Gesänge selbst zu begleiten, da ihren Fingern schon die Wiedergäbe der einfachsten Harmonien und modulatorischen Accorde zu beschwerlich fällt, können wir ein sehr wirksames Mittel empfehlen, um beim Ueben einer großen Arie ohne harmonische Unterlage im Tone zu bleiben. Ein deutscher Gesangsmeister erzählt nämlich folgende Episode aus seinem Mailänder Aufenthalte: In Mailand stieß unser Zimmer direct an die Studirstube eines jungen, hoffnungsreichen primo tenore, der für seinen maestro die Finalarie in Oes aus Donizetti's Lucia zu üben hatte. Dass ihm als Italiener jede Note der Arie längst bekannt und innig vertraut war, daran zu zweifeln, wäre ebenso vermessen, als bei einem deutschen Sänger an dem Bekanntsein der Arien Mozarts: ״O Isis und Osiris" oder ״Dort vergiss leises Flehn, süßes Wimmern" —- gilt ihm doch jene Lucia-Arie ebenso gut für classische Musik, als uns jede der beiden Arien unseres unsterblichen Mozart. Nichtsdestoweniger war er nicht im Stande, die beiden Drciklänge der Tonica und Doininante zur rechten Zett hintereinander anzuschlagen, geschweige sich aus die schönen Modulationen der Arie auch nur entfernt begleitend einzulassen; etwas spielen mußte er a. tout prix, um rein im Tone zu bleiben; wie sing er es an? Er schlug am Clavier stehend mit einem Finger unablässig das tonische Des im Viertone an, während er dazu in tadelloser Reinheit die auf den Dreiklängen und Dominantenharmonien von Oes dur, B irroll, F moll und Es moU .(mancher anderen Accorde nicht zu gedenken) aufgebaute Melodie mit hinreißender Verve und Leidenschaft bis zu Ende durchführte!! Die Verzweiflung und Wuth, die uns ein derartiges Musiciren und Studiren im Anfänge versetzte, machte nach und nach dem Humor, der desten Laune und schließlich — wir schämen uns nicht es zu sagen — der Bewunderung und der Versuchung Platz, ein solches Kunststück nachzuahmen! Denn unser tenore wiederholte das Studium täglich in gleicher Weise, sang dabei tadellos rein und mit Feuer und Leidenschaft: und schien gar nicht zu ahnen, dass bei seinem Verfahren irgend etwas Merkwürdiges und Auffallendes sei. — Als Edgardo di Ravenswood eines Tages sein Zimmer verlassen hatte und vor unseren Augen in der eorsia del duomo weit sortgewandert war, machten wir den ersten schüchternen Versuch, zu einem sestgehaltenen Baßtone verschiedene Arien bis zu Ende zu singen, und wähllen dazu natürlich zuerst ferne Lucia-Arie ״Tu che a Dio spiegasti l'all"! Und siehe da — nachdem unser deutsches Ohr die ersten Schauer des Entsetzens überwunden hatte — gelang uns der Versuch so glücklich, dass wir im Stande wären, unseren wissbegierigen Lesern ein Pröbchen jener einfachm Accompagnirmethode und eines musikalischen Hochgenuffes zu bieten, von deffen Größe sie sich kaum eine annähernde Vorstellung machen können! Die Nothwendigkeit einer vielseitigen, wiffenschaftlichen, sprachlichen mid musikalischen Bildung kann dein Kunstjünger nichts oft und dringend genug aus Herz gelegt werden. Er erlangt durch solche Universalbildung eine ganz andere Anschauung des Kunstwerkes, sein Horizont wird ein unendlich weiterer, und so muffen auch seine tonkünstlerischen Leistungen einen viel größeren Werth, eine tiefere Bedeutung gewinnen, als die eines bloßen musikalischen — Handwerkers! — Und doch hört mgn noch so häufig die traurige Frage auswersen: Wozu soll ich denn Dies oder Jenes lernen? Was Hilst es mir für meine musikalische Carriere? — -- Melker die Ausbildung jüdischer Lehrer und Cantoren. Seitdem in den verschiedenen Staaten an die Regelung der Cultusverhältniße geschritten wurde, ist auch die Cantorsrage in steter Discussion. Namentlich ist über die Verquickung des Cantorates mit dem Lehramte, die sich in den kleinern Gemeinden als nothwendig herausgestellt hat, eine lebhafte Debatte entstanden, und so finden wir neuerdings in der Magdeburger ״israel. Wochenschrift", welche sich besonders mit dieser Frage beschäftigte, , eine beherzigenswerte Kundgebung von Seiten des. Bezirksrabbiners Dr. Landsberg der unter obigem Titel in rein objectiver Weise an diese hochwichtige Gemeindeangelegenheit herautritt: ״Die Lehrerbildungsanstalten haben in erster Linie den Zweck, Volksschullehrer auszubilden. Zu den Unterrichtsgegenstäuden der Volksschule gehört aber überall auch der Gesang, resp. die Musik. Daher wird die Musik.nicht etwa blos als Nebengegenstand, sondern in allen ihren Zweigen ganz eingehend gelehrt und gelernt, — zumal in neuerer Zeit, die einen Ministerialerlass, der die Nothwendigkeit und Unerlässlichkeit des ernsten Musikstudiums an den Lehrerbildungsanstalten Bayerns besonders hervorhebt, zuwege gebracht. Und ich meine, wir Juden sollten uns freuen, dass auch unseren Lehramtskandidaten dadurch Gelegenheit geboten wird, sich musikalisch auszubilden. Es gehört sicher ein hoher Grad von Verkennung der Aufgabe eines isr. Lehrers und seiner Leistungen dazu, wenn man — wie die s. Z. in dieser ״Wochenschrift" aus München berichtete Thatsache jenes bäyer. Rabbiners, dem sich auch sein pfälzischer Gesinnungsgenosse hätte anschließen können, beweist — den traurigen Muth besitzt, den Minister anzugehen, für die isr. Lehramtszöglinge den Musikunterricht als einen nichtobligatorischen zu fixiren. - O sancta simpllcitas! Wissen denn die Herren, die sich doch so gern die ״Orthodoxen" nennen, nicht, dass von jeher der Cultus durch den Gesang verherrlicht wurde, mit dem die Kenntnis in der Musik ohne Zweifel zusammenhängt, und dass man die Stimme zum Zwecke des Gesanges nicht bei pilpulistischem Singsang übt, sondern nur durch methodischen Unterricht und, wenn dieser sein Ende erreicht hat, durch Selbststudium, wobei die Kenntnis und die Beherrschung eines Instrumentes absolut nothwendig ist? . Hiermit habe ich die Frage: Lehrer und Cantor gestreift und zugleich angedeutet, dass auch die staatliche Vorbereitung des Lehrers schon auf den Seminarien darauf aus ist, den Gemeinden den Gedanken nahezulegen, dass mit dem Lehramt das des Cantors nicht blos verträglich ist, sondern vielmehr eng zusammenhängt. Sowie bei der Ausschreibung von christl. Lehrerstellen meist — zumal auf dem Lande — der Posten eines Organisten mit einer bestimmten Summe figurirt, so ist es sicherlich weder der Gemeinde, noch des Lehrers unwürdig, diese beiden für Schule, und Synagoge hochwichttgen Äemter mit einander zu verbinden. In der That geschieht dies auch fast in ganz Deutschland, außer in den wenigen Großgemeinden,