Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 29 (4.9.1887)
- Date
- 1887-09-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreiehisch-ungarische Organ d - Zeilnn H^ränumeralionsprcis! Füe BrreirismttsMr«.! Ganzjährig fl. 5.—j Halbjährig ’ fl.2.50 Vierteljährig fl. 1.25; Für Nichln ilgtted«» j Ganzjährig fl. 6.—| Halbjährig fl. 3.— Wr»t«ljLhrig fl. i.so!Für SaS AuSIsrid Gltl^hrig fl. 7.— 12 Mark o>er « Rudel. e J. die prnlcrcfl'cn jmlischer Hilfltoren null Aulülslienniieil. Orscheint jeden achten Zag. Begründer: Obercantor ^Lvod Rnnsr. HLedaction UUd Administration Wien, II., Novaragasse Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuseripte werden nicht retournirt. Nr. 28. Wien, 4. September 1887. 7. Jahrgang. Äphsrismen aus dem Gesangsleben. XI. Gewiss sind Klima nnd Witterungsverhältniße eines Landes vom größten Einfluß aus das Erstehen und Gedeihen schöner Stimmen. Oder soll man es als einen Zufall bezeichnen, dass England mit seiner feuchtkalten Atmosphäre, seinen schweren Nebeln und seinem j fortdauernden Witterungswechsel fast gar keine Sänger hervorgebracht Hat, die irgend von Bedeutung sind — während das sonnige Italien mit seinem tiefblauen Himmel, seiner reinen Luft und gleichmäßigen Witterung der Welt schon Hunderte und Tausende der herrlichsten und großartigsten Stimmen geschenkt hat? Giebt ja doch selbst der Vergleich der beiden Sprachen ein beredtes Zeugnis zu Gunsten unserer Behauptung. Die englische Sprache ist eben so rauh und unmelodisch, als die italienische mild, weich und gesangreich. Vielleicht ist es auch daraus erklärlich, dass der Engländer im allgemeinen schweigsam, der Italiener redselig, um nicht zu sagen: schreiselig ist, gleichsam als könnte er sich am Klange seiner schönen Sprache nicht o t genug erlaben? — Am seltsamsten aber erscheint der Umstand, dass gewisse Landstriche wiederum vorzugsweise reich an tieferen, andere an höheren Stimmen sind. So hat z. B. die Provinz Bergamo (wie uns Wolzogen berichtet) innerhalb weniger Jahrzehnte nicht weniger als sieben weltberühmte Tenöre hervorgebracht. Für den Kritiker, der nicht nach bestimmten wissenschaftlichen, ästhetischen und künstlerischen Principien urtheilt, ist nichts so. nothwendig, als ein ganz vortreffliches Gedächtnis. Sonst kann es ihm gar leicht passiren, dass er nach Jahr und Tag bei ganz demselben Anlasse das gerade Gegentheil von dem sagt, was er damals ausgesprochen. Das klingt unglaublich, kommt aber weit häufiger vor, als man meinen sollte, um so mehr als der Kritiker sich nicht selten — hoffen wir: gegen sein besseres Wollen — subjectiven Einflüssen zu unterwerfen und den objectiven Standpunkt zu verlassen geneigt ist, welcher der Kritik allein Würde und Berechtigung verleiht. Höchst possierlich erscheint dem stillen Beobachter die Mimik und Gesticulation mancher Concert- und Opernbesucher, die als rnragirte Musikenthusiasten und wo möglich als gründliche Kenner verschrieen sind. Bald schließen sie in seligem Entzücken beide Augen oder brummen ein halblautes: ״Gut, wirklich schön!" vor sich bin; bald schütteln sie bedenklich missbilligend das Haupt oder schleudern, gar dem Vortragenden zermalmende Blicke der Geringschätzung entgegen, da man das Stück ״zu ihrer Zeit" ganz anders ausgesasst hat; bald wiederum tactiren sie mit bedeutungsvollen Mienen und״ erhobenem Zeigefinger in der Luft umher, natürlich in einem selbstgewählten Tempo, da ihnen das Zeitmaß des Dirigenten ganz verfehlt erscheint. Dabei sucht ihr Ange einen gleichgestimmten Freund im Saale zu erspähen, um demselben ihr Beifalls- oder Tadelvotum mimisch und telegraphisch zuzusenden und seine Beistimmung auf gleichem Wege zu erlangen. — Das Alles kann, wie gesagt, ergötzlich sein, doch bleibt der Musikenthusiast leider nicht immer so still — und dann wird er weniger genießbar, ja oft ganz unerträglich! Er trommelt zuerst mit den Fingern auf unserer Stuhllehne den Tact, dann langt er eine Stimmgabel heraus und lässt wiederholt ein zitterndes a um sein und unser Ohr schwirren, um die Stimmung des Orchesters zu ergründen, oder , auch zu controliren, ob der Sänger sein Stuck transponirt hat, oder nicht. Ist diese Procedur beendigt und das Resultat der Prüfung in den Bart gemurmelt worden, so nimmt das Tactklopfen wieder seinen Anfang, wird jedoch zur Abwechslung diesmal mit dem Stock oder Stiefelabsatz auf dem Boden execntirt und zwar mit einer Ausdauer, die wirklich einer besseren Sache würdig wäre. Schließlich singt der Fürchterliche uns noch die Melodie halblaut in die Ohren und zwar natürlich immer um wenigstens einen halben Tact vor dem Sänger voraus, um uns zu zeigen, dass er mit jeder Note vertraut und seit lange wohlbekannt ist! — Wer in der Nähe solcher Musiktyrannen ansharrt, der darf sich guter Nerven rühmen; weniger glücklich organisirte Naturen, zu denen die armen Musikantenseelen leider meist zählen, suchen bei solchem Gebühren zähnefletschend das Weite, da unsere veredelte Eivilisation eine Weiterbesorgung des Tactschlagens, etwa auf dem Rücken des Stockklopfers, leider nicht zu den erlaubten Gefälligkeiten rechnet. Nur sehr selten verstehen die Claviervirtuosen die Kunst, zum Gesänge zu begleiten. Einestheils spielen sie meist viel zu stark und suchen vor allem das Pianosorte — oder richtig sich — zur Geltung