Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 27 (19.8.1887)
- Date
- 1887-08-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453087-3453114--2219-3456444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 2× ep/1002670
OCR text
5־' - . - Religionsgesetzeü" gelten"zu lassechwas bei-näherer Betrachtung und 'bei genauerer Untersuchung des Sachbefundes, wie er inverschiedenen 'Stellen im Talmud und' den Eommentareu därgestellt wirb,-׳dtr^ Thatsächlichkeit bei Weitem nicht entspricht- . ־'- : Aus Traktat "ביצה ך" ע״א-, ist nämlich deutlich zu entnehmen^ dass die Bekränzung der Särge in frühern Zeiten nicht allein von Religionswegen unbeanständet und folglich vollkommen erlaubt war, sondern dass es sogar als etwas Gebotenes und als ein gottgefälliges Werk angesehen wurde, die Todten mit Blumen zu ehren. Weshalb durfte man selbst am 2. Feiertage, den unsere Lehrer dem Todten ׳ gegenübervollständig dem Wochentage gleichgemacht haben, י״ט שני?*גבי מת כחול שרויה.ובנך" Blumen zum Kranze für den Todten pflücken ''ולמינד ליה הדם׳« und zwar Raschi ohne jedes B.- denken dort erklärt "״הדם היו מכיחין על מטת המת לכבדו man pflegte einen Blumenkranz auf die Bahre desTodten niederzulegen, um ihn damit zu ehren. Dasselbe wiederholt auch Raschi in "״נדה ל״ז ע״א mit gewiss unzweideutigen Worten "״רגילין היו להניה הדם על המטה man war gewohnt einen Blumenkranz auf^die Bahre.niederzulegen; aus dieser letztangesührten Stelle geht sogar noch deutlich hervor, dass selbst" die gelehrtesten und frömmsten Leute jener Zeit diesem allgemeinen Gebrauche huldigten und es gestatteten, dass diese von Herrn Dr. Jellinek so verpönte Handlung arr ihren eigenen Leichuamen vorgenommen werden durfte. Dieser Umstand spricht doch klar genug dafür, ׳dass diese Sitte eine uralte und nicht weniger als fremde-ist;.sie stand viel früher-bei den Juden in Gebrauch, lange bevor sie andere Nationen für sich in Anspruch genommen hatten Oder sollen unsere Talmudisten ל"? dieses und andere ähnliche ungeschriebene Neligionsg'esetze nicht gekannt haben? Solches ihnen gegenuber zu behaupten, wäre doch ein wenig übertrieben. Dennoch aber hat der erwähnte Gebrauch mit einem etwaigen Todtenkultus, der dem innern Geiste des Judenthums zuwider sein soll, nicht im geringsten zu schaffen, denn die Bekränzung der Särge Herr Weinstein übte erst alle rituellen Gebräuche, bevor er׳ bas Mahl einuahm, und seine Familie folgte 'seinem Beispiele. . Da begann Emma-: ״Ich wollte Euch das Ereignis bei Dessauer verheimlichen, da ich Eure rege Theilnahme kenne, denn ich erfuhr es schon bei Bärwalds, wo ich heute Deborah im Klavierspiele .vertreten musste, und wo ich zugleich den jungen Cantor kennen lernte. Erzähle-uns doch,- lieber- Papa, wie er Dir gefiel, er hat ja das Exterieur eines echten Künstlers, und ich war wirklich frappirt, als ich-seine stattliche Erscheinung sah", sagte sieleicht errötend. ״Soviel ich zu urtheilen vermag", erwiderte Weinstein seiner Tochter, ״hat der Mann eine gute Schule genossen und besitzt eine Stimmedie einem in's Herz .hineinöringt. Wie weit sein künstlerisches Talent reicht, darüber .habe ich kein Urtheil, doch es genügt ja, wenn das Ohr des Laien nicht nur angenehm berührt wird, sondern' wenn seine Töne unser Innerstes ergreifen und uns andachtsvoll stimmen." ״So erlaubst du wol, lieber Papa, dass auch ich morgen mit ״meinen Freundinnen den Tempel besuche, um mich von seiner Kunstfertigkeit zu überzeugen,, denn ich höre sehr gern eine schöne Männerstimme, die wir hier sehr selten׳ vernehmen, da unsere jungen Leute die Hebungen im Spiel und Gesang mehr dem weiblichen Geschlechte überlassen." ״׳Nun, ich habe nichts dagegen, wenn es die Mama erlaubt", sagte Herr Weinstein. ' ־ ״Es thut mir leid, dass ich nicht in den Verein junger Kaufkeilte gehen konnte, um den berühmten Litteraten. der über Heinrich Heine einen Vorträg hält, zu hören", hob Emma vom Neuen an. - .״Adolf Berliner, der Felix abholte, bat vergeblich, Mama war unerbittlich; der Freitag-Abend darf von meiner Tochter nicht entweiht werden, sägte sie. Sieh, lieber Papa, wie streng dieMama ist, nicht wahr, Du hättest mir die׳Erlaubnis gegeben?" -mit Blumen hattk damals and vMeicht in der Wirklichkeit auch noch jetzt keine religiöse sondern eine sanitäre . Bedeutung, und wir finden den wahren Grund hievon im “i ך׳ zu מועד קטן ד" רפ״א א" ד״ה י "ירושלמי׳' deutlich angegeben, indem er dort ausdrücklich erklärt: “ולמת.להעביר הזוהמה" Beim Todten dienen die Blumen zu dem Zwecke, dass sie den Leichengeruch benehmen und ihn erträglicher machen. Es ist also damit weniger יקרא דמותא als יקרא .דחיי gemeint und das wird auch wahrscheinlich die ״Ehre" des Todten, von der Raschi spricht, zu bedeuten haben. Denn, wenn der Geruch auf die Umstehenden so heftig einwirkt, dass Alles von ihm angewidert wird und ihm entfliehen muß, so ist dies für den Todten keine Ehre. Die Blumen gewähren aber außerdem noch den bedeutenden Vortheil, . dass sie es ermöglichen, den Todten längere Zeit über der Erde halten zu können. Früher, als man die Verstorbenen noch 3 Tage unbeftattet ließ, zur weislichen Vorsicht nämlich, damit die Scheintodten nicht lebendig begraben werden (vergl. "מם" שמהות ה ), da war es wol höchst notwendig, die Särge mit zahlreichen Blumen zu belegen, um nicht die Menschen von dem Todten fernzuhalten und . ihnen die Möglichkeit zu bieten, ihn mit ihrer Anwesenheit ehren zu können. Seitdem aber die Juden in engen und schmutzigen Ghettos eingeschlosfen und erngezwäugt wurden, hat man aus gebotenen Gesundheitsrücksichten die Leichen nicht mehr in den übervölkerten Häufern aufbewahren können, und daher ist's leider gekommen, dass man die Abgestorbenen kaum sie noch recht kalt geworden, so schnell als möglich zu Grabe gebracht hat; von damals an ist der Gebrauch der Blumen auf Särgen von selbst abgekommen. Im Laufe der Zeiten ist die schnelle und überhaschte Beerdigungsweife geheiligt und zum Gesetze erhoben worden, manche wollen es sogar aus Deuteron. 21, 23. ableiten und erblicken darin somit ein göttliches Gebot, so dass diese Unsitte in ihrer ganzen Grauenhaftigkeit und in ihrem abergläubischen Ueberer er noch in vielen Gemeinden (besonders in Rußland und auch in Deutschland auf dem Lande) besteht, und es ״Q nein, mein liebes Kind, so lehrreich und interessant der Bortrag auch sein mag, die Heilighaltung des Sabbath geht über Alles, und Felix wird nicht ohne Rüge davonkommen". ״Aber, Lieber Papa, wenn du wüsstest, welch' reine, herrliche Poesie Heine schuf, wie tief empfunden der Inhalt seiner unvergleichlichen Lieder ist, wie treffend sein Sarcasmus und wie erheiternd sein Humor wirkt! O, dieser Mann mit seinem tragischen Lebensende hat meine ganze Sympathie, ich bete ihn an, und über ihn sollte ich heute Abend einen Vortrag nicht hören dürfen? Flora ist sicher gegangen, denn sie sagte schon Nachmittag zu unserm Felix, dass sie keine Macht der Erde zurückhalten könnte". ״Ich bitte dich, Emma, du wirst doch zugeben, dass sich ein Kind den Wünschen der Eltern fügen muß", sagte Frau Weinstein ärgerlich, ״wir haben euch zu viel nachgegeben, und ihr kennt schließlich keine Grenze in der Außerachtlassung unserer religiösen Vorschriften. Alles dünkt euch erhabener und herUicher als die Religion." ״Aergere dich nicht, liebe Frau", tröstete Herr Weinstein, als Emma für einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte, ״unsere Ideen vereinigen sich schwer mit den Ansichten der Kinder, nur in Güte leite Sie aus deinen Pfad; Emma ist gefügig und verträgt die Sttenge nicht. Die Jugend schwärmt für die erhabenen Gedanken der Poeten, mit den Jahren läutern sich die Begriffe, und sie lernen unterscheiden die jungen Leute". -,Ja, lieber Mann, daran ist meine strenge Erziehung schuld, dass ich außer Fassung gerathe, wenn ich sehe, dass die Kinder uns immer überzeugen wollen, dass wir im Unrechte sind, dass wir nicht begreifen, was sie beanspruchen". (Fortsetzung folgt.)