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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-08-19 · Heft 27 (19.8.1887) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 27 (19.8.1887)
Date
1887-08-19
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— S — ist noch immer nicht abzusehen, wann die Stimme der Vernunft und der mähren Menschlichkeit sich hier endlich Gehör verschaffen und obsiegen wird. Schreiber dieses ist wahrlich nicht der Mann, den ehrenwerthen Herren Predigern Themata homletischen und oratorischen Inhalts anzuempfehlen, beiläufig aber sei es dennoch hier erwähnt: dies wäre gerade so ein Gebiet, auf welchem die Herren Redner sich als Seelsorger im eigentlichen Sinne des Wortes auszeichnen könnten. Nach obiger auf geschichtlichen Quellen und nicht blos auf Phantasie und Rhetorik beruhender Darstellung ist es nun zweifellos, dass die Blumen auf dem Sarge in den meisten Fällen und besonders bei. der Wiedereinführung der gesetzlich und religiös vorgeschriebenen Ztägigen Aufbahrung der Leichen keinem luxuriösen, sondern einem höchst nützlichen und unentbehrlichen Zwecke dienen und nicht auf ..Pomp und Prunk" absehen, wodurch auch das ganze zweite Motiv nebst allen seinen, wenn auch schwungvollen Nebenausführungeu von vornherein hinfällig wird. Wenn das Nützliche und Nothweudige, das sich auch mit der Religion gut verträgt, gleichzeitig schön und anständig ist, dafür kann doch kein triftiger Grund abgeleitet werden, es deshalb zu verwerfen. Ich könnte mich nun zwar mit dieser sachlichen Widerlegung des letzterwähnten Motivs vollständig begnügen, jedoch um seine ganze Unhaltbarkeit zu zeigen, muß ich noch näher darauf eingehen. Das ist doch wol nur eine schöne Redensart, die mit der reinen Vernunft und mit der Religions- und Lebensphilosophie schwerlich vereinbart werden kann, wenn zu lesen ist: ״Jüdische Begrübniße, nach alter, schlichter und einfacher Weise, verwirklichen ein wichtiges religiöses (?) Prinzip, die Gleichheit der Menschen vor Gott, veranschaulichen den Ausspruch des Psalmisten: ״Der Mensch im Tode nimmt nichts mit sich". Was will das heißen: die" Gleichheit der Menschen vor Gott? Sind etwa Unwissende und Gelehrte, Sünder und Gerichte, Verbrecher und Unschuldige und noch so viele andere Gegensätze im menschlichen Dasein vor Gott gleichbedeutend? Wo gäbe es dann ein Streben nach sittlicher und geistiger Vollkommenheit, nach Tugend, nach Gerechtigkeit und nach allem Guten und Schönen? Wie wäre dann die Prästanz Israels, die in der heiligen Schrift und besonders in unfern Gebeten auf's Nachdrücklichste ausgesprochen und hervorgehoben wird, wie: ישראל בחירי״ ׳״ובך מחר ד'״" und die verschiedenen *אמו• מר מו" und "״אתה בחרתנו mit diesem Satze auszugleichen? ׳Ja das gewiss allerwichtigste religiösePrinzip von שכר ועונש würde durch diese, zwar allgemein giltige und oft gehörte, aber von einem Jellinek mit größter Emphase nachgesprochene Redensart, bei seinen Gläubigen eine bedeutende Einbuße erleiden müssen. Und wenn die Gleichheit der Menschen vor Gott eine so ausgemachte Sache wäre, warum sind denn die Begabungen und Beanlagungen der Menschen so ungleichartig und verschieden? — Aber nein, so ist's nicht gemeint; Es soll nur auf die Standesunterschiede von Reich und Arm, Hoch lind Nieder angewendet werden, u. zw. in der Weise, dass der . Arme und der Niedere sich damit vertrösten sollen, oder vielmehr sie werden von den Reichen und Hohen damit vertröstet, dass sie dieselbe Güte Gottes in unbeschränktem Maße genießen, wie ihre Vormänner. Das ist aber ein falscher Trost, denn darin sind nicht die Menschen allein verstanden, sondern alle Geschöpfe Gottes, auch die.kleinsten sind hiebei einbegriffen, wie der Psalmist sagt: טוב ד' לכל ורחמיו על י •כל מעשיו Aber man meint damit noch etwas anderes, es soll nämlich ausgedrückt werden, dass alle Menschen ein Loos und eine Bestimmung haben, zu leben um zu sterben und einstens von der Mutter Erde ausgenommen zu werden, d. h. bevor die Leichenverbrennung allgemein eingeführt wird. Das wäre soweit die einzig richtige, in allen Stücken sich bewährende Deutung; da kommt aber unser איוב und klagt: קטון וגדול שם הוא• Wenn er erst dort ist, dann ist in der That kein Unterschied zwischen Groß und Klein, bis dahin aber ist Nichts im Stande, selbst, eine noch so durchdachte und schwungvolle Trauerrede, die schroffen Gegensätze im Leben zu versöhnen und auszugleichen. (Fortsetzung folgt) . ... . . nn Kleine Chronik WöHwisch Wrod. Verehrlicher Herr Redakteur! Sie verpflichten mich zu Danke, wenn Sie nachfolgende Zeilen in dernächsten Nummer Ihres Blattes veröffentlichen: Das Prager Tagblatt bringt einen Concurs in der Cultusgemeinde Tachau, und cs werden sich daraufhin gewiss viele Bewerber finden. Um nun den Einen oder Anderen vor einem voreiligen Schritt zu bewahren, will ich, da ich bis zum vorigen ׳ Jahre in dieser Gemeinde amtirte, den werten Collegen mittheilen, wie man seines-Postens unschuldiger Weise verlustig werden kann: Ich war durch 4 Jahre-in Tachau als Cantor und Lehrer angestellt, als ich plötzlich von einem Halsübel heimgesucht wurde, welches mich nöihigte, in Prag ärztliche Hilfe zu suchen. Ich begab mich auch thatsächlich zu Prof. Haase nach Prag, welcher mir eine sechswöchentliche Trinkcur und absolute Ruhe und Schonung empfahl.' Dieses' ärztliche Parere des Prof.׳Haase schickte ich nebst dem entsprechenden Gesuche an die Cultusgemeinde Tachau, und bat sic um die Gewährung dieses Urlaubes, welcher mir um so leichter bewilligt werden konnte, als ich nicht Schochet war und nur täglich drei hebr. Stunden zu ertheilen verpflichtet war, also man mit der Gewährung dieses verlangten Urlaubes in Anbekracht meines Zustandes nur Menschenpflicht geübt Hätte. Ich reiste in der Hoffnung, dass dieser meiner Bitte kein Hindernis entgegenstehen werde, zu meinen Eltern auf das Land, es war gerade im. Monat Mai, und man höre, am dritten Tage kam ein-Schreiben vom Eultusvorstande aus Tachau ein, mit der Nachricht, dass — ich sechswöchentlich gekündigt sei! Mit meiner Trink- und SchonUngscur hatte es natürlich ein Ende. Ich eilte nach Tachau zurück, fand jedoch lauter fremde Gesichter, die alles manifestirten, nur keine Sympathien, deren man mich früher so oft versichert hatte. Alle meine Bemühungen, die Kündigung rückgängig zu machen,׳ blieben, fruchtlos, man.sehnte sich nach einem ״neuen Gesicht". Zur näheren' Zeitangabe führe ich an, dass dies alles sich im Mai des Jahres 1886 zugetragen hat! In Diensten der Tachaüer Gemeinde-widerfuhr mir dieses Malheur, ohne dass dieselbe Einsicht und Gefühl gehabt .hätte, mein Leiden, welches übrigens nur leichter Natur war, zur Wiedergenesung zu bringen. Reich an Erfahrungen, zum Glücke noch ledig, verließ ich lieb, Tachau und wurde in Wien bald hergestellt. Heute, also nach einem Jahre, sehnt die Gemeinde Tachau wieder einen Postenwechsel herbei. Die Schlüsse aus diesen Thatsachen kann nun jeder selbst ziehen. — S. Schwarzkopf, Cantor und Rel.-Lehrer. Wien- Die ersten Exemplare der Scheidemünzen, welche die neu* gegründeten jüdischen Kolonien in Palästina, als »Pessach Tikwah«, »Mikweh Israel«, »Rösch Pinnah«, Rischon Lezion« 11. s. w. unter Garantie der '»Alliance Israelite« in Paris herausgegeben, sind hier bereits eingetroffen. Diese Münzen sind aus Bronce äugefertigt und habcn den Werth von einem ganzen, einem halben und einem Vierrelpiaster. Die Reversseite der Münze zeigt den Namen der betreffenden Kolonie in hebräischen Lettern, während auf der Aversseite wieder sich die Buchstaben: A. .1. U. (» Alliance Israelite Universelle«) und der Werth der Münze in Ziffern befinden. Ariötitz- Den verschlossenen שבו/ גחמה feierten wir in unserer Gemeinde ein schönes Doppelfest u. z. -.das 25jährige.Jubiläum seit Erbauung unseres Gotteshauses, und die Wiedereinweihung nach vollzogener Renovirung. Zum Morgengottesdienste fanden sich die Gemeindemitglieder, die meist in entfernten Ortschaften wohnen, fast vollzählig -ein, und unser bewährter Cantor, Herr A, Wormser, begann den Weihakt -mit Recitirung einiger für das Fest passender Psalmen, wobei ihm von einem'trefflich geschulten Chore assistirt wurde. Nach dem hierauf erfolgenden Umzuge mit den Thorarollen' verichtete Herr Wormser bei offener Bundeslade ein dem Tage äugemessenes Gebet, in welches die sämmtljchen Anwesenden - in stiller Andacht einstimmten. X

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