Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 22 (30.6.1887)
- Date
- 1887-06-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453087-3453109--2171-3456391- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
naueste, sorgfältigste, in allen Zügen und Einzelheiten durchdachte und mit Gefühlswärme ausgestattete Wiedergabe des Tonftückes oder der dramatischen Rolle ist hier die Hauptsache. Eine solche — selbst rein technische — Vollendung und Vollkommenheit kann nur durch das ausdauerndste Vorstudium, durch zahllose Wieder- Holungen einer und derselben Stelle, ermöglicht werden.^ Diesem Detailstudium muß sich auch der musikalische Sänger, ja sogar — um uns eines Vulgären Ausdruckes zu bedienen, der größte Notenfresser unterziehen, will er etwas tüchtiges und rühmenswerthes leisten und beim Publicum, wie bei den Kennern Anerkennung finden. Es ist dem Zuhörer, im Conccrt wie in der Oper, völlig gleichgiltig, ob der Sänger die Partie in drei Tagen oder in drei Monaten gelernt hat — wenn er sie nur so zur Ausführung und Darstellung bringt, wie man es von einem echten Künstler verlangen kann und muß! Auch im Concertsaale sollte der Künstler niemals von Noten sondern stets auswendig singen Abgesehen davon, dass es immer einen schlechten Eindruck aus den Zuhörer macht, wenn der Sänger ängstlich in ein Notenblatt schaut oder dasselbe gar (aus Kurzsichtigkeit) so dicht vor die Augen hätt, dass sein Gesicht zeitweise ganz verschwindet, und die Stimme die Hälfte ihrer Tonfülle einbüßt, wird der Künstler auch in keinem Falle so frei und gefühlvoll singen, sich gleichsam seiner Inspiration überlassen können, wenn er noch nöthig hat, sie nach Melodie, Tact oder Textworten umzuschauen. — Dagegen mag der Sänger immerhin ein Notenblatt in der Hand halten, um den Händen eine Stelle anzuweisen, auf dass sie nicht ungeschickt am Körper herabhängen oder sich krampfhaft an die Stuhllehne des Begleiters (oder an das Instrument selbst) anklammern. So mancher junge Sänger hält es für nothmendig, den ganzen Apparat von Mimik und Gesticulation von der Bühne in den Eoncertsaal zu verpsianzen, was doch einen recht störenden, oft geradezu .lächerlichen Eindruck hervorruft. Er findet nach der herkömmlichen Verbeugung, während des Vorspieles noch Zeit, seine Augen mit einem unaussprechlichen Ausdrucke gen Himmel, d. h. zur Decke des Saales, emporzurichten und sie ebenso seelenvoll zu senken, bis er sie auf's neue beim Beginne seines Gesanges schwärmerisch aufschlägt .und mit beredtem Rollen die Reihen der Zuhörer überfliegen lässt. Während des Singens erhebt sich der Künstler begeistert auf den Zehen empor und begleitet die Ascension mit einer entsprechenden energischen Bewegung, die das geduldige Notenblatt erzittern macht. An andern Stellen seufzt und schluchzt er um die Tiefe seines Gefühles, auch äußerlich kund zu geben; dann ermannt er sich zu einem jähen Aufschrei, — in seinem Auge, auf seiner Stirne, in der zitternden Stimme, in der ganzen Haltung offenbart er. dem Zuhörer, dass er die Scala der Leidenschaften im Geiste auf- und absteigt, dass er dieser Welt völlig entrückt ist. — Wenn nur bei ss überirdischem Gefühle nicht gar so viele unterirdische Töne zum Vorschein kamen! Die körperliche Anstrengung, welche Jemand beim Singen . zeigt, wird von Unerfahrenen häufig für Gefühlswärme und Tüchtigkeit genommen, während man den Gesang eines Künstlers, dessen Töne ohne jedes äußerliche Zeichen der Erregtheit und Mühe seelenvoll dahinfließen, oft für kalt und kunstlos erklären hört! — Auf allen andern Feldern geistiger, wie körperlicher Thätigkeit gilt die spielende Leichtigkeit, mit der ein Gegenstand behandelt, eine Sache erledigt, eine Kunstfertigkeit ausgeübt, wird, für das sicherste Zeichen der Meisterschaft, warum soll es nur beim Gesänge anders sein? .. Höchst belustigend lauten die Definitionen der verschiedenen Vitia (Fehler) der Sänger, welche uns der alle Fuhrmann in seiner ״richtigen und völligen Unterweisung zur Singekunst".gibt...Er sagt z. B. ״Vittium §utturis ist, wenn ein Sänger eine heisere, rauhe, bäuerische Stimme hat und wie ein wilder Waldesel schreiet! Vitium tremuli ist, wenn er eine steife Kehle hat und im Trilloschlagen meckert, wie eine Ziege. — Vitium permutationis ist, wenn er in der Höhe stark brüllet, wie ein Dieb an der Folter, in der Tiefe aber gantz leyse fistuliret, als ein alt Mütterchen, der die Zähne ausgefallen, et. viceßversa wie die Falsettisten! Vitium conjunctioui8 ist, wenn er sich übelanstehende Geberden im Singen angewehnet und z. B. mit Kopf-drehen, Augen-verkehren, Maul-aufreyßen, Hals- - beugen, Leib-brüsten dc. heßlich phantasiret!" Unser derber Autor kennt zwanzig derartige Vitia bei den Sängern seiner Zeit; wir glauben, dass er mit dieser Zahl noch nicht die Hälfte erschöpft haben würde, wenn er 150 Jahre später, d. h. zu unseren Tagen, das Licht der Welt erblickt hätte! Wahrlich, einem sehr großen Theile der Sänger der Jetztzeit thäte ein solcher Abraham a Sacta Clara dringend Noth! Äus der Praxis. Bon M. Ti Nt n er, Cantor und Lehrer in Bunzlau, Schlesien. HI. Das Verhältnis zwischen der Uetigionsschuke nnd den Ottern. Obgleich die Gemeinden cs wohl zu schätzen wissen, dass ein tüchtiger Chasan und Lehrer ein. lebendiges Kleinod ist, so hat ev dennoch in dieser Doppelstellung oft sehr viel zu leiden, und manche trübe Wolke umlagert seine Stirn, wenn er nach angestrengter Thätigkeit in den Kreis' seiner Familie tritt. Abgesehen davon, dass Arbeit und Lohn in' keinem Verhältnis stehen, nimmt dieser Dulder alles mit stiller Resignation hin, um nur den Frieden zu erhalten. Der Arbeiter ist seines Lohnes wert; wer gut arbeitet, der soll auch gut bezahlt werden, und wer das Heil und den Frieden der Gemeinde baut, dessen Brot soll nicht Kummer und dessen Trank nicht Sorge sein. So man aber in den verschiedenen Gemeinden Revue hält, begegnen wir des Traurigen genug durch die Stellung der Religionsschule zu den Eltern. Verhallt ist der der ehrwürdige Spruch, resp. -das wohldurchdachte Wort unserer Weisen:.מורא רבך כבורא שמים ״Halte auf die Achtung deines Lehrers, wie auf die Hochachtung gegen den Höchsten", sagte Rabbi Eleasar. Die Rcligionsschule ist eine Anstalt der Gemeinde für die Gemeinde; soll der Unterricht für die Erhaltung unseres Glaubens heilbringend sein, ’ )0 muß eine Berührung zwischen Lehrer und Eltern stattfinden. Diese . innige Verbindung kann von Seiten des Lehrers nicht allein erreicht werden, die Eltern haben auch das Ihrige zu thun. Mit Aufopferung und Liebe will der Lehrer für das Wohl und Wehe die Eltern für die Religionsschule begeistern, das Resultat dieser Bemühungen' ist aber ״Indifferenz". Von der Kanzel herab müsste es solchen Eltern verkündet werden, wie schwer das Vergehen'gegen ihre Kinder, ist, so sie in dieser Kaltblütigkeit gegen die hl. Lehre weiter verharren. Mögen sie die Worte des königl. Sängers David an seinen. Sohn Salomo beherzigen, wenn er ihm sagt: ״Du, mein Sohn. Salomo, erkenne den Gott deines Vaters und diene ihm . mit ganzen Herzen und mit williger Seele, denn der Herr suchet alle Herzen und verstehet aller Gedanken Dichten. Wirst du. ihn suchen, so wirst du ihn finden; wirst du ihn aber verlassen, so wird er dich verwerfen ewiglich". Die Theiluahme der Eltern an der ,Religionsschule darf etwa nicht darin bestehen, dass dieselben die Schute meistern und nach ihrem Kopfe einrichten.wollen. Bestimmungen. und. Ano .-dnungeu trifft nur der Schulvorstand, kein anderer hat: das Recht mehr oder weniger zu verlangen Die Befugnis dürfen keine Eltern haben,, mit