Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 21 (22.6.1887)
- Date
- 1887-06-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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- jüngster Zeit vielfach ausgewiesene Polen an, theils weil sie wohl- ' feiler zühaben und anspruchsloser in der Behandlung sind, theils aber auch, weilsie von Natur aus gewöhnlich bessere Cantoren sind. Als Lehrer bedarf - man ihrer nur für das Hebräische,, und.da leisten sie angeblcchauch mehr als Deutsche.״ Traurige Zustände, worüber ״ ' auch!unsere deutschen Lehrer klagen, irrig vorgebend, dass ihre Zurückfetzung an der Ueberproduction von Lehrern liege! Also bessere Cantoren werden auch in den Kleingemeinden gefordert. Das Lehramt bleibt zwar dennoch Hauptsache in der Gemeinde, aber der jüdische Elemeutarlehrer ist weniger Bedürfnis als der Religionslehrer, und dieser erfordert mehr weltliches und mehr jüdisches Wissen, . als gewöhnlich geboten rvird. Dass die Gemeinden wenig .fordern, darf nicht maßgebend werden; der Lehrer muß mehr bieten. Aber weit die Gemeinden auch mit ihren besseren Leistungen durch Gehalt, und-Behandlung Zurückbleiben, fehlt oft den jungen׳ Lehrern das. bessere Streben. Man scheut oft förmlich die Seminare, wo mehr gelehrt und strenger geprüft wird, und wählt solche, wo Studium und Examen leichter sind. Also Allen thut Besserung noth, den Ge- ' meinden, Seminaren und Lehrern. R.-A. Der junge Künstler mag sich davor hüten, solche Musikstücke zu seinen Vorträgen zu wählen, die (ohne tieferen musikalischen Werth) nur durch ihre vollendete Ausführung, durch die Anmuth und Lieb- . lichkeit oder Bravour und Verve der Wiedergabe seitens berühmter' und gefeierter Sänger oder Sängerinnen eine günstige Aufnahme beim Publikum gefunden haben Dergleichen Lieder Polka's, Walzer oder Mazurken nachzusingen, bleibt' immer eine sehr undankbare Aufgabe, denn eine möglichst getreue Nachahmung der Vortragsweise . jener Künstler, muthet dem Sänger die Rolle eines Staarmatzes zu; stellt er aber jener Auffassung oder Ausführung seiner eigene, andere entgegen, so darf er gewiss sein, dass das Publicum nicht Gefallen daran finden wird. Er wähle also frei und selbständig und entfalte . seine Eigenthümlichkeit in eigen gewählten Stücken. im Hisoreri und Losewoschi kühn hervor, die Sänger hatten eine derartige Vortragsweise nie gehört gehabt und schwärmten noch lange Zeit davon. Wie ganz anders wusste er jedoch den Gegensatz, das Liederhafte im W’schomru (C-dür von Pereles) hervorznkehren. Pereles, ein hoher Bariton von seltener Sympathie, sang das zweigestrichene G zum Schluss mit voller Brust; Sulzer, der Vollbariton, . nuancirte es mit dem ihm eigenen Falsett, und erzielte eine ganz andere Wirkung. Als Schluss-Piece war der Adern Olom in E-dur von Prof. Würfel gewählt.' Hier verband der Vortragende beides, das Liederhaste. und das Dramattsche. Zn dem berühmten Bariton. Solo ״Wim echod“ ergoss sich seine ganze Kraft, in dieser. Lage fühlte er.sich am wohlsten. ״Meine Herren", sagte er zu den begleilenden Männern, ״singen sie so stark sie können.". Dabei wollte er - auch musikalisch leuchten, indem er in alle Stimmen mit eingriff, bis zum Eintritt dex Soprani, - um alsbald wieder mit den Bassisten in das" kühne Wogen der wellenartigen. Figuren dominirend einzuwirken. Das Publikum verließ begeistert das Gotteshaus. Des anderen Tages fuhr eine kaiserliche Equipage vor dem Hotel ״Blauer Stern" vor- Kaiser Ferdinand sandte seinen Hofmeister mit der Bitte, Herr Obercantor Sulzer möge sich Sonntag Mittag in die Burg bemühen, um Sr. Majestät einige Schubert'sche Lieder vorzutragen. Sulzer musste leider die hohe Ehre, die ihm durch diese Einladung zu Theil wurde, ausschlageN, denn er hatte des anderen Tages einige Hochzeitsfunctionen in Wien. ׳ Noch Samstag mit dem Nachtzug der Staatsbahn verließen Vater und Sohn die Stadt. Benedict Singer, . Obercantor in Jungbunzlau. . Die Sangbarkett ist einer -er Begriffe, die sich sehr schwer in allgemeinen Zügen desiniren lassen. Der Kenner der Bedürsniße und der Technik der menschlichen Sttmme wird keinen Augenblick darüber in Zweifel sein, ob ein-Musikstück, das er liest oder hört, stimmgerecht und sangbar geschrieben sei oder nicht, fragt man ihn aber, worin die Sangbarkeit eigentlich bestehe, so dürfte er um eine präeise Antwort verlegen sein. Er kann (negativ antworten) eine ganze Reihe von Stellen bezeichnen und ihre Unfangbarkeit begründen, indem er nachweist, dass sich der Componist nicht in den Grenzen der Stimme gehalten habe für welche er schrieb, dass er ungünstige Vocake auf die höchsten Töne gelegt, dass er durch seine Rhythmik und durch Mangel an Pausen das Achemholeu sehr erschwert, dass er endlich aufsteigende übermäßige Intervalle in die Melodie verflochten habe, die sich sehr schlecht singen lassen und was dergleichen Bedenken mehr sind; — doch lässt sich aus allen diesen negativen Vorwürfen noch immer keine positive Desinttion herlciten, die den Begriff der Sangbarkeit erschöpfend darlegen könnte. Und so wird es wohl auch immer bleiben; es gibt — trotz aller Bestreiter dieser Ansicht — gewisse Eigenschaften in der Kunst, die sich sehr gut fühlen, aber sehr unvollkommen beschreiben lassen. Das beste Mittel, um sangbar zu schreiben, bleibt für den jungen Componisten das eingehende und sorgfältige Studium des Stimmorganes und seiner Ausbildung; kennt er die Leistungsfähigkeit der Stimme so gut als ihre Schranken (nicht blos — wie es meistens der Fall ist — ihre ungefähre Ausdehnung,) so wird und muß er sangbar componiren. Es gibt. eine Menge sehr gediegener und werthvoller Lieder, die dem Umfange keiner Stimmclasse entsprechen, indem sie für tiefe Stimmen stellenweise zu hoch, für hohe wiederum an andern Stellen viel zu tief liegen, dm mittleren Stimmen aber ebendeshalb ganz unzugänglich sind, weil sie in Höhe und Tiefe über deren Umsang hinausreichen. Was ist die Folge davon? Dass derartige Lieder sehr selten gesungen und nur von ganz besonders glücklich ausgestatteten Organen zur vollen GeÜung gebracht werden können. Ist es nun wohl recht, dass Manche darin einen niederen Standpnnkt erblicken wollen, wenn der Componist auf den Sänger, d. h. auf einen gewissen Stimmenumfaug Rücksicht nimmt und sich der Bedigungeu erinnert, die dem Character (Andamento) eben jener Stimmclasse entsprechen? Hängt doch der Erfolg eines Liedes wesentlich von der Ausführbarkeit desselben ab, und — welcher schaffende Künstler hofft und ersehnt sich nicht Erfolge? Gewiss kann es nur mit Freuden begrüßt werden, dass von den herrlichen Liedern Schubert's, Schumann's Mendelssohn's und Andere in neuerer Zeit doppelte, ja dreifache Ausgaben, (für hohe, mittlere und tiefe Stimmen) erscheinen. Allerdings hat der Compouist sicherlich die Tonart, iu welcher er ein Lied geschrieben, für die geeignetste — die Toureihe, in der es sich bewegt, für die angemessenste, der Stimmung des Gedichtes entsprechendste, gehalten, sonst würde er eben eine andere gewählt haben. Gleichwohl wäre es unbillig und ungerecht, die köstlichsteu Schätze unserer Liederlitteratur zum ausschließlichen Eigeuthum einer bestimmten Classe von Organen machen zu wollen, nur um der Tonart ihr Recht zu lassen; unbillig um der Liebe und Begeisterung willen, die auch Andere diesen Liedern entgegenbringen; ungerecht schon deshalb, weil die Composittonen dadurch Sängern entzogen würden, welche sie durch die Schönheit und Durchbildung ihrer Stimme, sowie durch geistige und gefühlswarme Auffassung oft ungleich besser vortragen und zu größerer Wirkung bringen werden als solche Dilettanten, deren einziges Verdienst darin besteht, gerade die Töne in ihrer Kehle zu haben, die der vom Componisten gewählten Tonart entsprechen. — Uns erscheint es weit verwerflicher, wenn Frauenstimmen Lieder (obschon in der Aphorismen aus dem Gesangsleben. IX.