Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 21 (22.6.1887)
- Date
- 1887-06-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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und Lei den ähnlichen Verhältnißen bei uns in Oesterreich-Ungarn könnten sie auch hier vollste Anwendung finden. Der Autor äußert sich in folgender, Weise: Die Jüngste Debatte über die Ausbildung unserer Lehrer als Cantoren war berechtigt. Es ist wahr, das Lehramt ist wichtiger, aber das Cautorenamt ist nicht gleichgüMg; es ist wichtig, was und wie gelehrt wird, aber nicht gleichgültig,' wie die gottesdienstlichen Gebete und Schristvorlesungen vorgetragen werden. Tüchtigkeit im Cantorenamt ist deshalb ebenfalls eine nothwendige Anforderung. Vom Lehrer wird auch gefordert, dass er predige, zumal wo kein Rabbiner fungirt, oft aber auch mit und neben demselben zur Abwechselung oder Aus- Hülse. Ob dies alles aber zu gleicher Zeit erreichbar ist, und von einem Beamten gefordert werden kann, dass er gleich tüchtig als Lchrer, Cantor und Prediger sei, ist eine andere Frage. Keine Anforderung jedoch sieht gegen die andere zurück, denn der Lehrer der Zugend ist ebenso nochwendig, wie der Prediger der Erwachsenen und der Cantor für Leide. Zn den Großgemeinden sind die Aemter getrennt, und da kann Tüchtiges von allen drei geleistet werden; in Len Kleingemeinden aber, wo die drei Aemter, und oft noch mehrere dazu, aus eine Person cumulirt werden, muß man sich mit gewöhnlichen Leistungen begnügen. Unsere Seminare berücksichtigen dies auch; sie bilden Hauptsächlich Lehrer aus und heißen deshalb.mit Recht ״Lehrerseminare", für deren Ausbildung als Cantoren thun sie wenig und für deren Ausbildung als Rabbiner gar nichts. Dies ist ein Fehler, weil die Seminare die einzige Bildungsstätte für unsere,Lehrer sind, welche auch als Cantoren und Prediger füngiren müssen.. Sie beruhen eben moch mrf alter Grundlage, und die Zeiten -mit ihren Anforderungen haben sich geändert. Unsere Lchrer treten mit gewöhnlicher, oft Mangel- Hafter Schulbildung, inder Regel ohne specifische Vorbereitung in die Seminare und werden als Elementar- und Religionslehrer ausgebildet. Als Elementarlchrer sind sie zwar kein specielles Bedürfnis vieler jüdischen Gemeinden, aber die Ausbildung als solche ist Las geringste Wissen für einen Religionslehrer; sie erlangen als solche nur elementare Kenntniße, obwohl der Religionsunterricht höheres allgemeines und Fachwiffen erfordert, .zumal unsere Lehrer nicht nur in der Schule die Jugend, sondern auch in Synagoge und Leben emlleloy. Auster in Prag. Als ich vor 3 Monaten in Wien war, konnte ich es nicht unterlassen, dm Nestor des Cantorenstandes, Herrn . Professor Sulzer, zu besuchen. Ich war überrascht über die physische und geistige Schwäche dieses freilich schon 83jährigen. Mannes; da ich erst vor kurzer Zeit in der ״N. Fr. Presse" gelesen hatte: ״Gestern feierte Herr Professor Sulzer sein 83jahr. Geburtsfest bei vollkommener Frische des Körpers und Geistes." -— Die Augen. mit dem bekannten Falkenblick leuchten nicht mehr, -wie einst, er muß seine Hand wie einen Schirm Vorhalten, um den Eintretenden zu erkennen; das Gehör ist geschwächt, die Stimme gebrochen, aber der wallende, weiße Haarschmuck umgibt in seiner früheren Ueppigkeit das schöngeformte Haupt wie ein Heiligenschein, und die ganze, große Vergangenheit thüt sich Einem auf, wenn man in das mit Furchen reich durchzogene Antlitz blickt. Wird das Gespräch auf den Gesang geleitet, so lebt der alte Mann auf, und die Erinnerung an die schöne Vergangenheit durchzuckt sein ganzes Wesen. Ja, es ist schade, wenn große Männer alt werden, alt Lis zum Kindischsein. Es ist noch keine 25 Jahre und Sulzer stand Ln vollster Blüthe. Ihn zu hören, füllte sich das Gotteshaus bis auf's letzte Plätzchen. . . . Im Frühjahr 1865 weitte Kapellmeister Julius Sulzer zur ersten MrMhrung seiner Oper ״Johanna von Neapel" in Prag. für die Erwachsenen zu wirken haben. Unsere Seminare entsprechen demnach nicht der Zeitan forderung, nicht einmal für die Lehrer, geschweige für dieselben als Cantoren und Prediger; sie bedürfen der Umbildung. Von jeher wurde auch in den alten Synagogen auf tüchüge Cantoren gesehen; schon in der früheren Zeit machten dieselbenKunstreisen und ließen sich als Virtuosen des Gesanges in der Heimctt und Fremde bewundern. Auch heute noch sind oft christliche Artisten Zuhörer derselben in den Synagogen. Bei der jetzigen Pstege der Musik im großen Publikum und der Verwöhnung desselben durch künstlerische Leistungen begreift man das Gewicht, welches gegenwärttg Großgemeinden, trotz oder vielleicht wegen der Gleichgültigkeit gegen den Gottesdienst, auf Anstellung eines tüchtigen und künstlerischen Cantors, d. i. Sängers, legen. Man besucht eben die Synagoge wie ein Concert aus Neugierde oder zur Unterhaltung, nicht zur Belehrung und Erbauung; man will amüsirt, nicht gehoben und gebessert werden. Die gegenwärtige Ausbildung des Cantorats^und des dazu gehörigen Chorgesangs hat indess nichts den Seminaren zu danken; diese verhalten sich noch, immer gleichgültig dagegen. Auch die aus den Seminaren hervorgegangenen Lehrer, welche Cantoren geworden sind, haben sich anderswo ausgebildet, obgleich wir eigentliche Cantorenschulen noch nicht haben. Daher kommt es, dass unsere kleinen und Dorfgemeinden an der Entwicklung des modernen Cantorat- und Chorgesangs nicht participiren, und doch bilden diese die Mehrzahl, diese, und nicht die Großgememeinden vertteten das Judenthum. An die musikalischen Kunstleistungen der Großgemeinden denke ich zwar für die Kleingemeinden nicht; ich rede ihnen nicht allein das Wort und empfehle sie .gar nicht als Vorbild zur Nachahmung; aber selbst der einfache, musikalisch geordnete Cantoren- und Gemeindegesang wird nicht gepflegt, weil unsere Lehrer auf den Seminaren nicht als Cantoren dafür vorgebildet sind. ׳ - Die Seminare können keine musikalischen Hochschulen, aber die Lehrer müssen in Kleingemeinden Cantoren sein. Dies sind sie in der Regel nicht und sind sie es, dann wollen sie gewöhnlich zu viel Künstler sein, als dass sie sich vermeintlich für den einfachen Gemeindegesang interessiren können. Die Kleingemeinden stellen in Gleichzeitig mit dem Kapellmeister war sein berühmter Vater Salomon Sulzer nach Prag gekommen, um das Werk seines Sohnes anzuhören. Die Oper selbst hatte keinen durchschlagenden Erfolg, wurde seit dieser Zeit auch nicht mehr gegeben. Umsomehr wurde das Interesse von allen Seiten auf den Barer gelenkt, da des andern Tags Freitag war und man wusste, Sulzer werde über Samstag in Prag verbleiben. Der Vorstand der Tempelgemeinde trat sofort zusammen, um die Bitte vorzubringen, ob der Herr Professor geneigt wäre, das- Llaariv-Gebet zu celebriren. Sulzer sagte zu. Der Andrang in den Tempel war enorm. Fenstergitter wurden erklettert, um die herrliche Vortragsweise des großen Meisters zu hören. Seit Anfang der dreißiger Jahre, da Chajim Rischkow in allen 9 Synagogen in einer Woche seine alt jüdischen Weisen ertönen ließ, wo zur Sicherheit des Volksandranges das bürgerliche Schützen-Corps aufgeboten werden musste, hat kein solcher Enthusiasmus für einen Chasan stattgefunden, als an jenem Freitag Abends, da Sulzer im׳ Tempel betete. Der Glücklichste des Abends war sein Schüler und Liebling, Moritz Pereles, der erste Cantor am Tempel. Dieser hochgeniale Sänger und Componist hatte damals -die doppette Genugthuung, seinen geliebten Meister von Angesicht zu Angesicht zu sehen und auf dem Platze seiner eigenen Wirksamkeit füngiren zu hören. Nachdem das Mnctta-Gebet vorüber war, trat lautlose Stille ein. Sulzer, in den schwarzen Talar gehüllt, erschien vor dem Allerheiligsten. Der L’cho dodi in As-dur, von dem Meister selbst, componirt, machte den Anfang. Mit wahrhaft dramatischem Ausdruck und. mit überzeugender Kraft,, die jedenfalls in der gemischten Tongebung der herrlichen Mittellage seinen Ursprung , hatte, brachte er die Stellen