Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 20 (14.6.1887)
- Date
- 1887-06-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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viele Lehrer schleunigst diese gemeine, den Gesetzen edler Kunst Hohn sprechende Behandlung der Tiefe und beehrten selbige mit dem Namen des Brustregisters! Sang doch eine Marchisio und Artot die Tiefe such nicht anders! Bald musste man kaum-mehr, ob es eine andere, natürlichere Erzeugung der tiefen Töne gäbe. Da erschien Zelia Trebelli auf dem Schauplatze und die Leutchen schlugen die -Hände vor Erstaunen über dem Kopfe zusammen, dass ihnen hier eine Künstleria ersten Ranges gegenüberstand, welcher eine derartige Behändlung der tiefen Töne, welche sie ihren Schülern mit größtem Eifer Leibrachten, ganz fremd war; eine Sängerin, die mit mächtigem, natürlichem Brustklange von den tiefsten Lagen des Contralto bis ins zweigestrichene c, dann aber mit einer ebenso voll klingenden, beweglichen Kopfstimme bis ins b und dreigestrichene c des Sopranes Hinaufstieg. In diesem Falle hatte das nunmehrige Singen und Singen-lassen ä la Trebelli — richtiger : die Rückkehr zur naturgemäßen Behandlung der Tiefe — etwas Gutes, indem dadurch wenigstens von einem Theil der Lchrer das sogenannte ״Gassenjungenregister" beseitigt und vergessen wurde. ” , - Was soll aber der Schüler von solchen Meistern halten, die mit den Jahreszeiten Methode wechseln und heute a la A., morgen ä la B., übermorgen ä la C, D., E. singen lassen, bis sie durchs ganze Abc hindurch sind, um wieder von vorne anzufangen? ״Wie arm ist doch unsere Zeit-an großen Sängern!" so lautet die Klage — ״woher mag 'es kommen, dass jetzt die schönen Stimmen seltener sind, als früher?" so die Frage, die uns überall entgegentönt, — und die Antwort daraus? lieber den Mangel ׳an wahren Künstlern und vollendeten Sängern hat man alle Ursache sich zu beklagen, keineswegs aber über die Zkoth an ausgezeichneten Stimmen. Die Gegenwart ist nicht armer an schönen Organen und wirklichen Gesangstalenten, als irgend eine vergangene Zeit, und wenn dieselben unbekannt' bleiben und nicht zur Geltung gelangen, so ist der Grund.dafür ganz wo anders Der junge Cantor. Eine Erzählung von Cäcilie L ö w y. (12. Fortsetzung.) Deborah hatte schon längst geendet, aber ihr Vater schien noch, immer zu lauschen, denn die 'Musik' hatte sein Herz ergriffen und drängte ihm Thränen in die Augen. Endlich sprach er: ״Das that mir wohl, liebes Kind, Du hast recht brav gespielt und Dir Mühe gegeben, meinen Sinn für diese herrliche Kaust, die unser Herz erhebt vnd unfern Geist emporrichtet, empfänglich zu machen. Deine Lehrer hätten Recht, als ne mich aus Dein ׳Talent aufmerksam machten und ich kann es nicht bereuen, für Dich, mein einziges Kind, Alles gethan zu haben, was in meinen Kräften stand. Ich habe Dich bilden lassen, wie'die Töchter der reichsten Familien des Ortes, und ich hoffe zu Gott, dass Dein Wissen sich harnronisch vereinen wird mit den religiösen Grundsätzen, die ich in Dein junges,' für Alles empfängliche Herz gepflanzt habe. Deine kindliche Liebe sagt mir. dass Dir meine Lehren stets heilig sein, für Dein Thun und Lassen maßgebend bleiben werden." ... ״So wird es sein, lieber Vater, doch ich habe eine Composition des Col Nidre eingeübt, die will ich Dir aber morgen vorspielen, da Du heute zu bewegt List. Ich sehe übrigens," sprach sie, sich umwendend, ״dass die liebe Mutter bereits das Abendbrot servirt und wir wollen sie nicht auf uns warten lassen." Rachel kam aus der Küche und Orderte die Ihrigen auf, zu Tische zu gehen. zu suchen. — Wer gibt sich denn heutzutage die Mühe, sich nach schönen Stimmen und . jungen Talenten umzusehen, wie es die mustkalischen Vorstände größerer. Bühnen früher zu thun pflegten?'Man spreche, uns nicht von den kostspieligen Stimmentdeckungsreisen, welche verschiedene Regisseure oder Directoren unternommen haben,-die, von einer Hauptstadt zur andern , reisend, im glücklichsten Falle einen oder zwei mittelmäßige Sänger einem Theater entführten und dem andern zugeführt haben, um dasselbe nach Jahr und Tag wieder zu verlassen! Nicht auf den Bühnen, nicht in den Städten allein müsst ihr suchen. Geht hinaus in die freie Natur, tauscht, dem Liede des wandernden Jünglings, dem Abendgesange der Mädchen unter duftiger Linde. Horcht auf die Gesänge der fröhlichen Studenten beim Weine; höret dem jungen Landbewohner zu, der dem Pfluge singend nachzieht; lauschet jedem Vereine singender Genossen! .In Böhmens Thäler, an den Ufern des Rheins, aus den Bergen׳ der Schweiz dringen oft die herrlichsten Stimmen an unser, entzücktes Ohr — kunstlose Töne aber voll Kraft und köstlichen Metalles! O, es gibt noch genug schöne Stimmen, suchet sie nur am rechten Orte, die ihr durch Stellung dazu berufen, durch Mittel dazu. gerüstet seid, und lasst euch keine Mühe verdrießen. Doch selbst wenn wir von den Patenten absehen wollen, die erst das aufmerksam prüfende Ohr des Kenners ausspüren und für die Kunst gewinnen müsste, so können wir mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, dass sich fast in jeder größeren Stadt Deutschlands doch wenigstens ein junger Mann und ein junges Mädches vorfinden wird, die, mit schönen Stimmitteln begabt,, sich aus eigener freier Wahl und Herzensneigung dem Studium der Gesangskunst widmen und sich zu Künstlern ausbilden wollen. Nun, das wüsste doch ein artiges Sümmchen von - schönen Stimmen Und (nach vollbrachter Lehrzeit) von tüchtigen Sängern geben׳— und gleichwohl kann man die trefflichen Stimmen an den Fingern herzählen, und wie wenige, ach, wie wenige der fleißigsten und begabtesten Kunstjünger erlangen VII. ■ Auf dem schönen Marktplatze der, Stadt D. befand sich das große, prachtvolle Haus der wohlhabenden Familie Bärwald. In demselben herrscht heute, am Freitag, ein reges Treiben: Dienstboten mit schwer beladenen Körben gehen in's Haus und bringen die Einkäufe der Hausfrau; Diener. kehren vor der Thür und putzen die bunten Scheiben in den großen Thüren des Vorhauses. Die eleganten Wohnräume sind bereits gesäubert, und durch die geöffneten Fenster wehen kühle Lüfte und verscheuchen die letzten Stäubchen, die von der Dienerschaft aufgewirbelt wurden. Aber in der Küche geht es noch lärmend zu, da wird gebraten, gebacken und gekocht, denn die fromme Frau Bärwald will noch Vormittag alles für den Sonnabend vorbereiten; Nachmittag werden Gäste ' erwartet, und da muß man in Gesellschaftstoilette erscheinen. Lieschen steht in weißer Küchenschürze mit aufgeschürzten Aermeln und von der Glut des Herdes gerötetem Gesichte ihrer Mutter zur Seite, und auch die Schwester der Frau Bärwäld, Tante Jsaaksohn, ist erschienen, um helfend beizustehen. Sie bereitet mit Eifer eine Mehlspeise, die ihrer Meinung nach vorzüglich werden soll, denn sie hat die Zubereitung derselben von einem guten Koch, den sie zur Hochzeit ihrer ältesten Tochter, hatte kommen lassen, erlernt. ״Ah, diese Speise wird auch munden, das ist etwas außerordentliches," ruft sie aus. ״Dein zukünftiger Bräutigam, meine liebe Elise, wird sich zeitlebens an Tante Jsaaksohn erinnern, die ein Meisterstück der Kochkunst liefern wird." ״O, liebe Tante, das bezweifle ich nicht, Edmund ist für die geringste Aufmerksamkeit dankbar und wird Dir gewiss seine volle Anerkennung für Deine Mühe kund geben." Mit diesen Worten öffnete sie das Rohrenthürchen und zog eine Bratpfanne heraus, in der sich eine Gans befand, die bereits gebraten war. ״Sieh her, Mama," rief sie, ״die Hauptspeise ist ge-