Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 20 (14.6.1887)
- Date
- 1887-06-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — wnd derselbe kein Echt» in- Eueret Brüst erwecken, däilnhabet Ihr über Euch selbst den Stab gebrochen, dann verdient Ihr nicht in die Reihen jener'gezählt zu werden, die ein gemeinschaftliches Interesse, die ein warmes Herz für׳ ihren Stand, die nur einen Funken Gefühl für ihre Familie besitzen, dann werdet ihr wieder in die Dergesscnheit zurüüsinken, man wird von einem Cantorenstande auch weiterhin nichts sprechen und nichts wissen wollen, dann habet-Ihr Euer Urtheil über Euch selbst gefällt. Sollte' es denn wirklich möglich sein, dass 150 Mitglieder Jahre hindurch ihr Geld an die Vereins-Eassa zahlen und nicht' einmal nach bjähriger Pause, wo ihnen Gelegenheit geboten ist, freinrüthig ihre Beschwerden, - ihre Wünsche vor das Forum der Gesammtheit zu bringen, cs nicht der Mühe wert erachten, sich zur gemeinschaftlichen Berathung einzufinden, wo jeder Einzelne sein Leid, seine Klage vor theilnehmenden Collegen zum Ausdruck zu bringen in der Läge ist? Warum sollen wir diese einzige und so seltene Gelegenheit unbenützt lassen? Ich kann's nicht glauben. ־ Ihr zahlet und viele von Euch sind-unzufrieden, ich will nicht sagen mit dem Vorstände, aber doch mit dem Vereine. Ihr klaget an, machet eine Faust in der Tasche und habet nicht den Muth vor das Forum der Ocffentlichkeit zu. treten. — So wird es nicht besser'! - Euch ist vieles nicht recht, ich weiß es, nun so kommet und rathet, wie cs besser zu machen sei! Wenn Ihr den Fortbestand des Vereines wollet, so müs s et Ihr zur Generalversammlung kommen, um die nöthige Zweidrittel-Myjoritüt durch persönliches Erscheinen zu Stande, zu bringen. Sollte der warmempfundene Aufruf des Vorstandes, sollten meine uneigennützigen, nur von dem lebhaften Stand csinteresse diktierten Morte auch diesmal leer verhallen, so dass durch Euere fernere. Lässigkeit kein Cantorentag zu Stände, kommt, da werde ich der erste sein, zu. beantragen, denselben sofort auszulösen und das schöne, mühsam . erworbene Vcreinsvermögen einem fremden wohlthätkgen Zwecke zu- ׳ zuführen, was dann von Seite des Vorstandes auch geschehen wird und geschehen muß, ohne dass man Euch weiter fragen wird. Ich habe in meinem letzten Artikel den ,Antrag gestellt, es möge der Cantorentag am 1. oder 2. August zusammentreten und bin noch, heute dafür, weil diejenigen Collegen, welche gleichzeitig Lehrer sind, erst den Schulschluss mit Ende Juli abwarten müssen. Der Vorstand hat jedoch den 19. und 20. Juli bestimmt. Nun darüber wollen wir nicht streiten. Wird die Majorität sich bis zum 14. Juni für erstereu oder letzteren Zeitpunkt entscheiden, so ׳wird sich die Minorität gewiss gerne fügen, es ist die allerhöchste Zeit, dass Ihr Euch entscheidet, aber rasch, es ist keine Zeit mehr zu verlieren. Die nächste Nummer unseres Blattes wird uns über Alles belehren. — Collegen! Ihr habt jetzt die Wahl. Wählet! T r a u t e n a n, 9. Juni 1887. I o n a s S t r a n s k y. Äphorismeu aus dem Gesangs leben. VIII. Der Gesang eines Künstlers, der sich ganz des Portaments enthielte, müßte einen äußerst kalten und reizlosen Eindruck machen, während anderseits ein zu häufiger und schnell auseinander folgender Gebrauch des pvrtar 13. voce den Vortrag weichlich,. monoton und manierirt erscheinen lassen würde, besonders wenn bei der Verbindüng entfernterer Intervalle alle Zwischenstufen zu Gehör gebra cht, oder, wie Agnes Schcbest sagt, ״durchmiauzt" werden. In früheren , Zeiten lehrte man ein ganzes und ein .halbes Portament und liest die sogenannten demi ports de voix in geeigneter Weise mit dem vollen Portamento abwechseln, wenn Einem ein öfterer Gebrauch dieser innigsten Bindungsart zweier Töne nothwendig schien. Und׳ man kann in der That das Parlament sehr verschiedenartig ausführen,, einmal ganz leicht und flüchtig, ein anderes .Mal schwerer und ausgedehnter, wie es' der Sinn des Musikstückes und die taktliche Geltung und Stellung der Noten eben erlauben und geeignet erscheinen lassen. Durch einen derartigen Wechsel des Portamento erhält der Gesang Leben und Manigsaltigkeit; man geht den beiden Fehlern des ״Zuviel" und ״Zuwenig" gleichmäßig aus dem Wege. Die Mittelstufen sind im Vortrage immer die wichtigsten,- mag es sich um Tonkrast, Tonbindung oder Tonfärbung handeln. Die Einen legen auf vollkommene Kehlfertigkeit und glänzende Ausführung der schwierigsten Passagen und. Triller den höchsten Werth und suchen in solcher Virtuosität allein das eigentliche Wesen der Gesangskunst. Die Andern schmähen auf jenen brillanten- Schmuck der Rossini'schen Schule und verlangen statt dessen dramatischen Gesang; nicht sowohl die Schönheit, als die charakteristische Färbung desselben, seinen innersten, wahrsten Ausdruck erkennen sie als das höchste Ziel der Kunst an, — beide Ansichten sind einseitig! — , Verwechseln doch die Ersten das Mittel mit dem Zwecke und kommen dadurch nie über die eigentliche Technik hinaus; sie werden uns durch ihre Kunstfertigkeit in Erstaunen setzen, aber nicht (oder im besten Falle nur durch die äußere sinnliche Schönheit des Tones) unser Herz rühren und bewegen. Die Andern dagegen haben zwar eine, edlere und höhere Meinung von der-Kunst, allein sie schütten das Kind mit dem Bade aus, indem sie ganz außer Acht lassen, dass, um dramatisch wahr und seelenvoll singen zu können, vorher eine vollständige Meisterschaft der Technik errungen sein muß. So geschieht cs ihnen, dass sie oft unschön und unfertig singen, wo sie dramatisch wirken möchten, denn alles Pathos und alle Emphase hilft nicht über die Lücken hinweg, die im Studium der Technik geblieben sind! Hier, wie überall, heißt es: In medio stat virtus, die Wahrheit liegt in der Mitte. ׳ י - Die Gesetze edler und classischer Gesangskunst können durch Eigenheiten und Abweichungen einzelner, selbst hochgefeierter Sänger, nimmermehr erschüttert und in Frage gestellt werden. Es gibt deshalb nichts Alberneres, als das sogenannte Singen ä la Lind, a la Marchisio x. Die Vorzüge vollendeter Gesangsbildung und echter Schule, das Binden und Trageir des Tones, das An- und Abschwellen, die kunstgemäße Behandlung des Athems, die Präcision in den Coloratureu, die Schönheit und Bestinlmtheit der Aussprache u. s. s. bilden das gleichmäßige und unveränderliche Besitzthum, wir möchten sagen: die Uniform aller guten Sänger. Dagegen sind es gewisse Aeußerlichkeiten und öfters nicht zu billigende Angewohnheiten einzelner Künstler, die vom Unkundigen ausgesaßt und als Creme wahrer Gesangskunst nachgeahmt werden.' Legt eine Sängerin alle Passagen aus den Vocal i — was doch gewiss unschön — gleich finden sich eine Menge eifriger Nachahmerinnen, die fortan auch nur aus i arbeiten und dadurch a la N . . . 311 singen vermeinen. Macht ein Sänger bei den tiefen Tönen den Mund, fast gar nicht aus, während er ihn bei den höheren und höchsten weit ausreißt — es wird ihm gewiss an Nachfolgern und Jüngern nicht fehlen, sobald er selbst gefeiert ist. — Am seltsamsten aber muß es erscheinen, wenn Gesangmeister, die doch wissen sollten, was eigentlich das Rechte und Feststehende ist, bei jeder neuen Gesangserscheinung nichts Eiligeres zn thun haben, als Methode zu wechseln! Als uns einige Sängerinnen die gräuliche Unmanier, die tiefen Töne mit breitem sorcirten Kehlklänge zu erzeugen, mit aus Frankreich herüberbrachten, adoptirten