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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-06-06 · Heft 19 (6.6.1887) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 19 (6.6.1887)
Date
1887-06-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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als Kinder des Herrn Alle in gleicher Weise theilhaft werden sollen seiner väterlichen Liebe und Barmherzigkeit. Israel ist doch eine Brüdergemeinde, jeder ein Heiliger, der Gott nahe steht; und, ruft Korah, was berechtigt dann Ahäron und seine Genossen dazu, sich über die Gemeinde des Herrn zu erheben, eine Weihe sich zuzuerkenneü, die denJsraeliten versagt und entzogen ist? Man muß gestehen, dass Korah mit diesem seinem Zurufe׳ an das Volk scheinbar gar ״nicht so unrecht hatte. Die Lehre Gottes war zum Eigenthume des ganzen Volkes geworden; durch die Annahme derselben war Israel der alten Verheißung gemäß eine Gemeinde von Priestern geworden. Was soll es also da noch mit dem besonderen Priesterstande, der den Berus des ganzen Volkes für sich in Anspruch nimmt? Wozu den Männern aus dem Stamme Levi einen Vorzug vor den Angehörigen ^dernndrrenStämme?Jndess dürfen wir aber nicht vergessen, dass an diesem Priesterthume des gesammten Israel, auf welches sich Korah berief und auf Grund dessen er jeden Juden zu einem Heiligen stempelte, mehr Schein als Wahrheit (aha!.Res.) mehr Form als Wesen vorhandew war. Vom Standpunkte des gemeinen Rechtes war zwar die Rede Korahs zu widerlegen, Israel hatte es verbrieft, dass es als ein Reich von Priestern anzusehen sei, sobald es die Lehren annehmen wollten, die bei Sinai ihm verkündet wurden, und dieser Bedingung war es ja auch nachgekommen. War es aber auch von jenem Geiste der Heiligkeit und Gottergebenheit, der Wahrheit und Treue, der Demut und Rechtschaffenheit, der Erkenntnis und Weisheit erfüllt, ..der das Gemeine verschmäht und dem Herzen Weihe und Adel verleiht? So lange es Korah's gab, die sich durch trügerische Schmeicheleien die Gunst des Volkes zu "erschleichen, die die Geister zu verblenden, die Gewissen zu verwirren, die Religion zu verfälschen suchten, mit List und Lüge umgingen, (tour comme chez hous. Nef.) mussten besondere Priester . in Israel da sein u. s. w. Dem Vorausgeschickten habe ich nichts hinzuzusetzen. Mögen die geschätzten Leser selbst sich über die Consequenzen klar werden, die sich ergeben würden, wenn wir an einer Institution rütteln wollten, die von Gott selbst für ewige Zeiten eingesetzt worden ist. Dass Sänger, sondern auch sehr religiös sein soll. Da siehst du also Väterchen, dass die echte Kunst sich nicht über die Religion erhebt, sondern, dass sie oft innig mit einander verwebt sind. Sieh doch, die größten Künstler componirten Oratorien und Hymnen, und gerade diese göttlichen Töne, die ein Bach oder Haydn schuf, begeisterten die versammelte Gemeinde zur Andacht, hoben sie empor und näherten sie dem Begriff von dem Dasein einer Gottheit. Erst neulich las ich über den Werth der kunstvollen Kirchenmusik, und unwillkürlich dächte ich an den bcvorstehenden Wechsel in unserem Gottes- Hause, in welchem vielleicht auch kunstgerechte Töne gehört werden Ulüssen, die die Leute, die recht teilnahmslos die Gebete auhören, zur Andacht stimmen." ״Ihr -habt es alle darauf abgesehen, mich überzeugen zu wollen, dass ich dem Zeitgeiste Rechnung tragen müsse, und dass meine Ideen veraltet sind. O, ich . weiß es, dass ich nichts ändern werde, und dass meine Ansichten unberücksichrigt bleiben, daher will ich mit Resignation alles über mich ergehen lassen; doch was meine innere Stimme spricht, das täuscht mich nicht, daran halte ich fest; ich Miill aber schweigen, um nicht missverstanden und der Intoleranz geziehen zu werden. Ach, unser guter Rabbi versteht mich sehr wohl, und doch spricht er wie ihr, seine Herzensgüte verleitet ihn, tolerant gegen die Menschheit zu sein, so streng er auch gegen sich selbst ist. — O, Gott, die Zahl deiner wahren Anhänger wird immer geringer!" Und seufzend stützte er das Haupt auf beide Hände und blickte gedankenvoll in das aufgeschlagene Buch. Deborah erhob sich, näherte sich ihrem Vater, und nachdem sie eine Weile ihren Blick theilnahmsvoll auf ihn gerichtethatte, sagte sie: ״Lieber Vater, willst du mir eine kleine Bitte erfüllen? Du würdest deinem Herzen eine Erleichterung gewähren und mir dieser Priesterstand, repräsentirt durch die Nachkommen Ähron's aufgehoben fei, wird auch die spitzfindigste Dialektik nicht zu beweisen verinögen. So länge aber das Geschlecht der Aharoniden fortdauert, so lange wird keine Macht im Stande fein, diese von ihrer P f l i cht ״den Namen Gottes auf Israel zu legen", zu entbinden, und keine Macht so stark, einen Nichtaharoniden an deren Stelle berufen zu können. Auf die gegentheiligen Ansichten des Herrn Daum nochmals* speziell einzugehen, glaube ich hierdrrrch überhoben zu sein, würde es aber mit Freuden begrüßen, von competenter Seite den hochwichtigen Gegenstand einer weiteren Besprechung gewürdigt zu sehen. Nur zu dem Schluss des Baum'schen Artikels will ich noch bemerken, dass mir das Benehmen des gelehrten Verfassers, die ganze Schale, i. e. Streusandbüchse seines Zornes auf die geschätzten Leser zu entleeren, sehr naiv scheint. Hält er dieselben irr Wirklichkeit für sa geistesarm, dass er glaubt, ihnen weiß machen zu dürfen, ein Kohen der Bibel dürfe keinen Wein trinken? Von wem und wo ist dieses verboten worden? Und wie darf man es wagen, einem gebildeten Leserkreise solch' groben Sand in die Augen zu streuen? Ausdrücklich heißt es im 2. B. M. 10, 9 יין ושבר אל תשת אתה ובניך ארצך בבואכם אל אהל מועד ויין לא ישתו כל כהן בבואם und Jecheskel 44, 21 אל החצר הפנימית. In beiden Stellen sind die vier letzten Worte zu urgiren und wenigstens, wo bibelkundige Leser vorausgesetzt werden, durch 4 Punkte oder ein sonstiges Fortsetzungszeichen anzudeuten*) Was das Secireu und Herausreißen gewisser Satztheile aus dem Zusammenhänge von Seiten unserer Feinde für Unheil über uns gebracht, steht leider noch zu frisch in Jedermanns Erinnerung. Ein solches Verfahren, welches nur die Geister zu verblenden, die Gewissen zu verwirren, die Religion zu verfälschen im Stande ist, sollte aber ein mit rabbinischer Qualifikation ausgestatteter Religionslehrer und- Cantor, der übrigens, ohne dazu berufen zu sein, sich würdig dünkt, ״den Namen Gottes auf Israel zu legen", aus tiefster Seele verabscheuen. — וד״ל *) Dasselbe gilt auch bei einer Uebersetzung. eine kleine Zerstreuung mach meiner Unterhaltung im Freien, die mich doch ein wenig aufgeregt hat, bieten". ״Was wünschest du, mein Kind?" ״Ich möchte dir gern etwas Vorspielen, Lieschen sandte mir Noten, die sie aus Berlin erhielt, uud ich habe einzelne Stücke gut eingeübt. Ich weiß es, dass du zu ernst gestimmt bist, um Musik hören zu können, und doch ist sie geschaffen, das Gemäth zu erheitern, un'ere düstere Stimmung zu klären und uns emporzuheben über die Müh- und Drangsale des Lebens. Gestattest du also, lieber Vater?" ״Spiele, mein Kind, und ich will dir aufmerksam zuhören, ich habe dich wirklich schon recht lange nicht gehört." Deborah öffnete das Piano, womit ihre Eltern sie zu ihrem letzten Geburtstage überraschten, da der alte Flügel schon recht schwache Töne hervorbrachte und den schönsten Stücken allen Effect versagt hatte. Und sie begann nach einigen einleitenden Accorden eine Phantasie, in der sie ihre eigenen Gefühle zum Ausdruck brachte; ein stilles, inniges Gebet zog durch die Melodien, und man glaubte das kindliche Flehen zum Schöpfer um Seelenruhe und Frieden für die theuersten Angehörigen zu vernehmen, sie schloß mit immer leiser werdenden Tönen, die auf das Herz des Hörers angenehm und beruhigend einwirkteu. Hierauf leitete sie zu dem Mendelssohn'schen Gondellied über. Sie hatte dasselbe in Berlin von einem berühmten Pianisten spielen hören und trug es daher kunstgerecht und gefühlvoll vor. Man glaubte sich in das schöne Venedig versetzt und hörte aus all der sinnverwirrendere Pracht und Herrlichkeit den Abendgtockeuschlag so schwer und bang wie eine Mahnung, dass alles schwindet, alles vergeht, und über die höchste Lust und . das tiefste Leid die Wellen des Vergessens zusammenschlagen. ^Fortsetzung folgt.)

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