Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-06-06 · Heft 19 (6.6.1887) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 19 (6.6.1887)
Date
1887-06-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3453087-3453106--2148-3456365
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Schicksal -er Grräthe d^s Heiligtums;u Jerusalem. Lou Dr. A> Lö w y, BezirlSrabbiner in Butschowitz. Wer Herz, Sinn nnd tiefes Verständnis für Israels Bergangenheit hat, wer mit warmem Interesse, mit nationaler Begeisterung und selbstverläugnender Hingebung die jüdische Geschichte zu erforscheu, sich zur Pflicht, gemacht, den wird gewiss das Schicksal der Geräthe des heiligen Tempels zu Jerusalem iutenssireu, über deren Beschaffenheit so ausführlich in unseren canonischcn Schriften berichtet wird, welche als Kunstwerke allgemeine Bewunderung Hervorrufen und ihrer heiligen Bestimmung und Verwendung wegen von ganz. Israel als thcuere Kleinodien betrachtet wurden. Nicht nur Israel schätzt die heiligen Einrichtungsstücke des Jerusalemischen Tempels in gebührender Weise, weil sie als Utensilien. zur Darbringung der Opfer dienten, sondern selbst Israels größter Feind, der seinen Staat zertrümmerte, brachte Pietät diesen heiligen Tempelgeräthen entgegen. Tihus führte den goldenen Leuchter, den Tisch und sämmtliche heilige Geräthe, welche sich im Tempel befanden, nach Rom; dort angelangt, er-theilte er den Soldaten den Befehl, sie mögen alle Straßen Rom's mit diesen heiligen GerLthen passiven und dieselben der Bevölkerung als Trophäen zeigen. Hernach verwahrte sie Titus in einem großen Tempel zu Rom, templum pacis genannt, woselbst sie viele Jahre unversehrt blieben; denn noch in Hadrians.Zeiten, so Erzählt der Talmud, sah Rabbi Elieser, Sohn Jose's, das Stirnblcch und den Vorhang. (S. Sabbat 63 b, Juma 87 a, Sukkah 5 a.) Zur Zeit des römischen Kaisers Commodus brach in dem benannten Tempel eine Feuersbrunst aus, welche denselben vollständig einäscherte, die heiligen Geräthe aber wurden nicht ein Raub der Wammen und verblieben nach diesem Brande noch eine geraume Zeit in Rom in guter Verwahrung. Im Jahre 456 eroberte der Vandalenkönig Geuserich die Stadt Rom, zerstörte mit Grausamkeit die schönsten Paläste und Göttertempel der Römer, plünderte ihre Habseligkeiten, unter denen sich auch die heiligen Geräthe des jerusalemischen Tempels befanden, welche er mit sich nach Afrika führte, wo sie in seiner Schatzkammer durch einen Zeitraum von 70 Jahren unversehrt erhalten blieben.. Im Jahre 520 führte Belisar, der Feldherr des römischen Kaisers Justinian, mit den Vandalen Krieg, in welchem die römischen Waffen wieder Glück hatten,. denn die Vandalen erlitten eine vollständige Niederlage. Die Römer raubten und plünderten nach Herzenslust alle Kostbarkeiten, welche in den Schatzkammern der Vandalen verwahrt waren, unter denen sich auch Israels heilige Geräthe befanden. Belisar befahl, letztere nach Constantinopel zu bringen, wo sie zum zweiten Male als Trophäen benutzt wurden, denn auch Justinian ließ sie, wie einst Titus, von den Soldaten durch alle Straßen führen und dem Volke als Zeichen des glänzend errungenen Sieges zeigen. ׳■ Als ein Jsraelite bei dieser Gelegenheit der heiligen Geräthe ansichtig wurde, fasste er, ergriffen von religiös-nationalem Schmerzgefühl, dm MuH, einen hervorragenden kaiserlichen Beamten anzusprechen, um ihm Folgendes eindringlich an's Herz zu legen: ״Es ist nicht rathsam", sprach er, ״diese Geräthe in die Schatzkammer des Kaisers zu bringen und sie dortselbst aufzubrwahen, weil dieselbe keineswegs der geeignete Ort zu deren Aufbewahrung ist; vielmehr müssten sie, nach meinem Dafürhalten, direct nach Jerusalem, woher sie ursprüglich genommen wurden, zurückgebracht werden. Ich Lin weit entfernt, dich zu meinem eigenen Nutzen und Frommen auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, sondern mein patriotisches Gefühl und meine Liebe zum Kaiser sind die Motive, die mich bewegen, dir Folgendes zu eröffnen: Allen Königen, welche diese geheiligten Geräthe in ihren Schatzkammern oder Tempeln anfbewahrtcn, erging es recht übel, mussten in Folge deffen viel Ungemach erleiden und die strafende Hand Gottes traf sie; die Römer, welche eine ganze Welt erzittern machten, denen immer Fortuna entgegenlächelte, deren Waffen als unbesiegbar galten, verloren ausschließlich aus dem Grunde ihr Kriegsglück, weil sie diese Heiligen Geräthe an ungeweihter Stätte aufbewahrten; nur darum gelang es dem Vandalenkönige Geuserich, ihnen im Kriege die Spitze zu bieten, und gegenwärtig gelang es wieder den Römern, die Vandalen zu besiegen, weil diese heiligen Geräthe in ihren Schatzkammern verwahrt lagen". Diese Worte verhallten-nicht spurlos, sondern wachten aus den römischen Beamten eiüen^siesen Eindruck, denn sie waren ihm einleuchtend und überzeugend/ Und ׳.inder T-hat'verabsäuMWtr -es nicht, dies dem Kaiser Justinian zu berichten. Letzterer, von "tiefer Ehrfurcht ergriffen, ertheilte sofort den Befehl, man solle die heiligen Geräthe nach Jerusalem zurückbringen und sie . in den christlichen. Tempeln dort ousbewahren lassen. So berichtet Procopius in seinem Buche de bello Vandaliax Ucber das fernere Schicksal derselben wird, meines Wissens, von keinem Historiker, berichtet. . - -. Kleine Chronik. Wien. In der Villa Königswarter in.Hietzing fand Mittwoch den 31. Mai im engsten-Familienkreise die Vermälung des Herrn Baron Hermann. Königswarter mit .Fräulein Melanie Edle . von Blaskovits statt. Den Trauungsact selbst sowie das hierauf folgende Mal lieferten den eklatantesten Beweis, dass Pietät zu dem angestammten Glauben mit echt aristokratischem Wesen sich wol vereinigen lassen, und wie es einerseits der ausdrückliche Wunsch des Herrn Baron. Moritz Königswarter war, dass die Ceremonien Ledass w’kedin abgehalten werden, und demgemäß Jedermann in dem vorangehenden Minchagebet vom Bräutigam das vorgeschriebene- Sündenbekenntnis vernehmen konnte, so hatte auch die Frau Baronin Charlotte von Königswarter, die vornehme und feinsinnige Weltdame, dafür Sorge getragen, dass. bei dem üppigen .Hochzeitsmale trotz gallonirter Diener und reichverzierter Menukarten der rituelle Kidduschbecher nicht fehlte. — Der Trauungsact, dem das von Herrn Obercantor Singer recitirte Minchagebet vorausgieng, wurde durch Herrn Rabbiner Dr. Güdemann vollzogen. Dieser Verstand es,׳ . der .starren Form der rabbinischen Function, durch die geist- -und gemüthvollen Worte der Trauungsrede ein ideales Gepräge zu ver-- leihen, und war besonders. die väterlich herzliche Ansprache an das Brautpaar von besonderer Wirkung. Den gesanglichen' Theil versah Obercantor Singer unter Assistenz der Cantoreii Fischer, Schiller und eines Quarttes. Gleich nach der Trauung vereinigten sich die Gäste, die nur aus den nächsten Verwandten der beiden Familien und einigen wenigen, sehr intimen Hausfreunden bestanden, zum Festmahle, zu welchem' auch die beiden'Funktionäre Rabbiner- Dr. Güdemann und Obercantor Singer zugezogen wurden. Von den > vielen geistsprühenden Toasten verdienen besonders hervorgehoben zu worden; die des Dr. Güdemann, der unter allgemeiner Bewegung, des verewigten Barons Jonas von Königswarter gedachte und die edlen Traditionen hervorhob, die sich zunächst auf das Haus des. Herrn Baron Moriz von Königswarter vererbten und gewiss auch, in der nunmehr gegründeten Familie des jungen Baron eine pietät-, volle Psiegstätte finden werden; und die zündende Erwiederung, des. Herrn Baron Moriz von Königswarter, der auf den seltenen Falk von Opferfreudigkeit, den Ungarn Oesterreich gegenüber bekundete^ indem es eine seiner schönsten Blüthen fdie Binut) Oesterreich überließ, hinwies; und endlich der gemüthvolle Trinkspruch des. Brautvaters, der seine nunmehrige Zugehörigkeit-zum Hause Königs-, warter mit freudiger Rührung constatirte? Das-' patriarchalische Tischgebet, vorgetragen von Obercantor Singer, dessen Functionen im- Allgemeinen die vollste Anerkennung fanden, bildete den Schluss dieses, schönen Festes. Wien. Wir werden um Veröffentlichung nachfolgenden Aufrüfes ersucht: Der jüdische Verein ״Zukunft", der sich unter Anderem: die Pflege der hebräischen Sprache und Litteratur, die Weckung des. Interesses für die Geschichte des jüdischen Volkes zur Aufgabe gesetzte hat, ist, um seinen Mitgliedern die Verfolgung dieses Zieles zu er-, möglichen, an die Eomplettirung seiner Bibliothek nach allen jüdisches. Leben und jüdische Geschichte betreffenden Richtungen geschritten. Diebescheidenen Mittel des Vereines zwingen uns, im Ankäufe von Werken^ uns auf das unumgänglichst Nothwendige zu beschränken. Und so. sehen wir uns wie vor Jahr und Tag bei Gründung der Bibliothek׳ so auch heute neuerlich genöthigt, an die geehrten P. T. Schriftsteller- und Besitzer von Bibliotheken die Bitte zu richten, uns ihre Werke- resp. Duplikate gütigst zusenden zu wollen. Wir hegen das unerschüt-, terliche Vertrauen, dass die Freunde jüdischer Lltteratur und jüdischen. Wissens, die schon einmal so glänzend Ihrem Wohlwollen für unse-.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.