Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 18 (29.5.1887)
- Date
- 1887-05-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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וי¬ י! ן Heile bildet und an den Vocal anreiht. Findet sich vor oder nach der (einer. Note untergelegten) Textsilbe eine Dause, so wird der Anfangs- oder Schlussconsonant wahrend dieser Pause articulirt, dem Vocale aber der ganze Zeitwerth der Note zugetheilt. — In Passagen, deren sämmtliche Noten einer Textsilbe zügetheilt sind, muß natürlich wiederum der Vocal dieser Silbe durch die ganze Passage hindurch deutlich Leibehalten, der etwaige Schlussconsonant dagegen im letzten Momente des Zeitwerthes der Endnote angereiht werden. In solcher Weise lassen sich alle Sprachidiome behandeln und zu gesanglicher Geltung bringen. In Bezug auf die französische Sprache sei hier noch ausdrücklich bemerkt — dass man die zahlreichen Nasallaute in den Silben en, em, ain, oin u. s. w, ganz in der selben Weise bis zum letzten Augenblicke verzögern, d. h dm Vocal so behandeln muß, dass der Zuhörer von einem nachfolgenden Nasenklang auch nicht das Mindeste im voraus gewahr wird. — Der Vocal allein ist es, der Klang und Wohllaut gestattet und ermöglicht. Schon die Etymologie der Worte ״Stimme" und ״Vocal" in den romanischen Sprachen weiset uns auf die Bevorzugung der Vocale hin, da beide Begriffe einen Stamm haben: vox — vocalis; voce — vocale etc. Die Kunst kann nicht alles.gut heißen, der ästhetisch gebildete Geschmack nicht Jedes für erlaubt erachten, was die Natur den Stimmen möglich macht. Denn die stimmliche Begabung des Menschen ist so vielseitig, dass er seine Zuhörer nicht nur durch die zauberhaftesteu Töne ׳ Hinzureißen und bis zu Thränen zu rühren vermag, sondern auch im Stande ist, sie durch die gräulichsten und gemeinsten Kehl-, Nasen- und Gaumenklänge zur Verzweiflung zu bringen nnd in die Flucht zu schlagen. Ja der Mensch kann, wie wir dies von dm Clowns, Bauchrednern, Jodlern und anderen derartigen Künstlern oft gehört haben, sogar die Stimme wilder Bestien und zahmer Hausthiere so getreulich nachahmen, dass man sich ganz erstaunt nach dem Kälbchen oder dem Ochsen umsieht,, der soeben seine Stimme erschallen ließ! Wer möchte nun wohl alle solche Klangbildungserscheinungen registriren? Die Registernahmen müssten dann zum größten Theile vu .Thicrwclt entnommen werden! — Die Kunstlehre hat nicht zu fragen: was ist mit der Stimme 1uöglich.:.sondern was ist für die Stimme eines gebildeten Künstlers erlaubt? Hräcisirt man die Frage in solcher Weile, so muß den gemeinen Kehlklängen mancher Sängerin in der tieferen.Stimmlage,. wie so manchem anderen vor Jahren neuentdeckten Register, sofort der Garaus gemacht werden, obschon diese Töne eine größere Stärke aufweisen, als die natürliche Erzeugung der Tiefe sonst zuzulaffen scheint, — wenn auch viele Böotier des guten Geschmackes für eine derartige Appenzeller Jodelet auf der Bühne schwärmen und sie begeistert beklatschen. — Die Lehrer aber sollten vor allem jenem soi-äisaut ״Brustgeister" erbarmungslos den Krieg erklären, dann wird auch sogleich das ״dritte" Register verschwunden sein, mit dem sich vor nicht allzulanger Zeit noch Viele abquälten. Man wird selbst mit der Laterne des Diogenes in dem ganzen Umkreise einer jeden Stimmclasse nichts Anderes entdecken können, als eine gesunde, klangvolle Bruststimme, und ein zweites — bei diesem Sänger früher, Lei jenem später, d. h. in höherer Lage sich anschließendes — Register: die weiche und leicht bewegliche Kopfftimme! — Das beste Mittel die Töne des Brustregisters mit denen des Falsett's in Einklang zu bringen, liegt darin, dass der Sänger nicht blos den äußersten Ton seiner Bruststimme, sondern die fünf bis sechs letzten Töne dieses Registers möglichst klangvoll mit Falsettstimme hervorzubringen lernt und nicht eher ruht, bis er die gedachten Töne mit derselben Leichttgkeit auf beide Weisen zur Ansprache gelangen zu laffeu vermag. Eine bloße Anwendung des Falsettes in Regionen, wo die Bruststimme nicht weiter kann, muß so unerquickliche Töne Hervorrufen und auch früher hervorgerufen haben, dass man es dem großen Physiologen Albrecht von Haller zu verzeihen geneigt ist, wenn er die Falsettstimme (oder wie sie damals genannt wurde: Fistelstimme) zu den Fehlern der Stimme zu zählen keinen Anstand nahm. In ähnlicher Weise urtheilt übrigens auch Fuhrmann über das Falsett, das doch eines der größten Hilfsmittel des Tenors genannt werden muß. Er sagt: ״Die Falsetstimme ist eine gemachte, übernatürliche Stimme, wenn einem Vocalisten die Stimme in der Höhe vergehet und er mit vollem Halse die hohen Donos nicht erreichen kann, sondern alsdann fistuliren und schwach singen muß!" Man unterscheidet im Gesänge — von mannigfachen möglichen,. aber unzulässigen, Ansatzweisen, abgesehen — eine zweifache Art des Tonansatzes. Wir wollen die eine Ansatzart die gehauchte, die andere die feste, bestimmte nennen Die erstere kommt zur Anwendung, .wenn der Ton ohne vorherigen Schluß der Stimmritze angesungen wird, wodurch er eine mehr oder minder hörbare Aspiration, einen gehauchten Charakter erhält, welcher bekanntlich von den Griechen bei denjenigen Anfangsvocalen verlangt wird, über die sie den Spiritus asper setzen (g. B. ha, he, hi). Die zweite Weise der Emission des Tones setzt einen Stimmritzenschluß vor der Jntonirung des Vocales voraus, wodurch er derselbe und mit ihm der Ton, (nach dem Wiederöffnen der Glottis) eine ganz bestimmte/hauchlose Ansprache gewinnt, wie sie den.Vocalen im Griechischen eigen ist, über welche der Spirituslenis gestellt wird (z. B. a. o. u). — Beide Ansatzarten haben im Gesänge ihre volle Berechtigung und können vom Sänger, dem Ausdrucke des vorzutragenden Gefangstückes gemäß, nach freiem Ermessen angewendet werden. Beim Studium wird sich der gehauchte Ansatz — natürlich ohne jede Uebertreibung der Aspiration, die entfernt nicht bis zum wirklichen H gesteigert werden darf — mehr für diejenigen Sänger eignen, welche mit der Kopfftimme große .Schwierigkeiten haben, indem gerade das Zerfließenlassen der Tonwellen am ersten zur Gewinnung dieses Registers verhilst. Umgekehrt leitet der feste, bestimmte Ansatz die markirte Ansprache der Vocale, entschieden zum Brustregister hin und wird sich namentlich denjenigen Schülern sehr nützlich erweisen, die zu einem zu frühen und zu häusigen Gebrauche der Kopfstimme (selbst in tieferen Lagen) netten und dem Drusiregister mehr als gut ist aus dem Wege gehen! Nicht ohne Grund wurde seit Jahrhunderten von allen ausgezeichneten Gesangmeistern auf das Studium der messa di voce so viel Gewicht gelegt. Der größte Reiz, der höchste Zauber des Gesanges liegt 'in dem sanften Einsetzen des .Tones, in seinen allmäligen Anschwellen bis zur höchsten Kraft und der. ebenso allmaligen Rückkehr ins verhallende Piano. Vor. ungefähr zwei Jahrzehnten haben einige moderne Singlehrer, die ihren Stolz darein setzten, sich mehr und mehr vom veralteten loszusagen, an der Stelle des!netter la voce eine ganz neue Art von Nüancirungskunst ausgebracht. Sie ließen nämlich urplötzlich das brüllendste körte erschallen und darauf ohne alle Vermittelung ein kaum, vernehmbares pianissimo folgen, und umgekehrt! Da diese Herrn nicht zu ahnen schienen, dass ein solches Verfahren ebenso unschön und ,widerwärtig als unnatürlich ist, war es ganz angezeigt, wenn ihnßn von hervorragender Seite, bevor sie um ein Patent aus. diese ihre, neue Erfindung einkämen, die Worte von Frantz zur Beherzigung anempfohlen wurden: ״Alle Veränderungen in der Natur erfolgen nach gehöriger Vorbereitung, nicht plötzlich, sondern allmä.lig, nicht sprungsondern stufenweise! Bevor der Tag in die Nacht und die Nacht in Tag übergeht, tritt die Abend- oder Morgendämmerung ein! Möchten wir doch bei unserm Gesänge diesem Winke der Natur folgen!" ■«?י®®»*«®™«»: