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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-05-21 · Heft 17 (21.5.1887) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 17 (21.5.1887)
Date
1887-05-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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verstehen und entschuldigen. Diese Aufregung steigerte sich noch, als man Plötzlich erfuhr, dass vermittelst einer Verordnung vom 20. März 1887 der General-Präsident der tunischen Munizipalität einen Psörtner-Controlor an den israelitischen Friedhof gesetzt hätte. Dieser Pförtner hatte jöen Auftrag erhalten, die Bestüttungs-Erlaubnisscheine, welche die. Behörde ausstellt, im Empfang zu nehmen und zu bestätigen. Somit wäre alles in Ordnung. Aber außerdem mußte er die Schlüssel des Friedhofes bei sich behalten, was so viel, bedeutet, als dass die Behörde den Friedhof in Besitz nehme. Dieser Gottesacker ist ein Bcsitzthum der Israeliten, und es ist fraglich, ob die Berathüng des Stadtrathes, abgesehen von der Schroffheit der Maßregel, nicht auch das gesetzliche Recht überschritten hat. Jedenfalls ist die Behörde nicht in derselben Weise gegen die Christen'verfahren; ehe sie Besitz nahm von ihrem Begräbnisorte, hat sie ihn gekauft; dieser Unterschied mußte bei den Israeliten Aergernis Hervorrufen,, und die Unruhe, welche sich ihrer bemächtigt hatte, wird sichbei den eingeführten Neuerungen noch steigern. Als die tunischen Israeliten am 20. März zum ersten Mal. ihre Todten, dem neuen Erlaß gemäß, bestatten mußten, als sie ihre alten Gebrauche abgeandert und ihren Begräbnisplatz von einem städtischen Beamten bewacht sahen, empfanden sie.darüber großen Schmerz. Am 20. und 21. März fanden einige Unruhen statt; es wurden Steine gegen die Fenster des Bürgermeisteramtes geschleudert und . das Haus des Vice - Präsidenten der städtischen Verwaltung wurde einige Momente belagert, die Juden schrien: ״Nieder mit der Munizipalität!" und hatten einige Streitigkeiten mit der Polizei. Man behauptete, die Juden hätten geschrien: ״Es lebe Italien \“ In den Local-Zeitungen ist die Thatsache auf ihren wirklichen Sachverhalt zurückgeführt. Es scheinen in der That einige italienische Juden : »Vivat Italia« geschrieen zu haben, obgleich dies ein italienisches Blatt in Tunis formell bestreitet. Im Ganzen war es ein bedeutungsloser Wirrwarr, dessen Folgen längst vergessen wären, wenn nicht inmitten der Unruhen ein Jude, Namens Salomon Cohen, einen Pistolensch^s. i«. den Unterleib bekommen hätte.- Man hatte zuerst behauptet, dass ein Jude den Schuss ""auf dnr. Polizeikommissär Santini abgefeuert, der den aufständischen Cohen sestgenommen hatte, und dass dieser Letztere nur durch die Ungeschicklichkeit des Schützen getroffen worden sei; aber diese Behauptung ist entschieden falsch und es scheint gewiss, dass ein eingeborener Polizeiagent auf den Cohen zielte. Einige der Ruhestörer wurden zu geringen׳ Strafen oder Geldbuße verutheilt.. Die Richter haben eingesehen, dass, wenn die Anführer der Unruhenauch Unrecht thaten, zur Gewalt zu greifen, um gegen gesetzliche Maßregel zu protestiren, so war dennoch ihr Gebühren zu entschuldigen, und verdiente eine wohlwollende Beurtheilung. Eine Delegation des Central-Consistoriums der französischen Israeliten und Allianz Israelite hat mit Herrn Massiquilt, der sich vorübergehend in Paris aufhielt, diese Vorgänge besprochen. Der Herr General-Resident hat der Delegation seine Sympathie für die israelitische Gemeinde in Tunis versichert, und versprochen, nach Möglichkeit Diejenigen zu berücksichtigen, welche Klagen erhoben gegen das neue, Gesetz. Die folgende Note welchein »Times« vom 26. Marz 1887 erschien, berichtet in befriedigendster Weise über die Folgen der Unterredung: ״Es ist allgemein die Nothwendigkeit anerkannt worden, dem tunesischen Judenthum eine regelmäßige Organisation zu geben, die ihm bis jetzt ganz gefehlt hat. Dasselbe besitzt in der That keine Gesammtverwaltung, keinen konstitnirten Körper, der dazu geeignet wäre, als Mittelperson zu dienen, zwischen der Zivilbehörde und der Bevölkerung. Es entsteht daraus, dass bei Schwierigkeiten, wie gelegentlich des Erlasses in Bezug auf die Beerdigung, dieselben nicht schnell genug beseitigt werden können, in Ermangelung einer kompetenten israelitischen Verwaltung, der es -obliegt, offiziell über die streitbaren Punkte zu verhandeln und die Achtung vor alten und achtbaren 'Gebräuchen in Einklang zu bringen mit den Anforderungen der Gesetze. Eine solche Sachlage bietet natürlicher Weise ernste Uebelstände, und es ist Sache der Regierung, solchen bedauerlichen Mängel auf das schleunigste abzuhelfen." Die Delegirten des Central-Consistoriums haben Gelegenheit durch die Erklärungen des Herrn Massiquilt sich zu überzeugen, dass er stets bemüht ׳ ist und bemüht sein wird, die religiösen Gefühle der israelitischen Gemeinde von Tunis zu schonen, und die Interessen der zahlreichen Armen zu wahren. Man darf also hoffen, dass angesichts der Gerechtigkeitsgesinnungen und des Wohlwollens, welche die obere Verwaltung für sie an den Tag legt, die tunesischen Jsraeliten bei den Reclamationen die nöthige Ruhe walten lassen, und dass die beklagenswerthen Vorgänge der letzten Tage, welche so große Aufregung verursachten, sich nicht wiederholen werden. ' - Aus Tunis kommt nun die erfreuliche Nachricht, dass die Ägitation gegen die neue Begräbnisordnung, welche bei den Israeliten Unruhen hervorgerufen, sich gelegt hat. Die Regierung hat im Einverständniße mit der jüdischen Gemeinde in. den Anordnungen gewisse Aenderungen eintreten lassen, wonach die Armen gar keine Begräb-- nistaxe, die Reichen aber eine solche von 50 bis 100 Piaster zu zahlen haben, womit sich unsere dortigen Glaubensgenossen zufrieden stellen. Verrinsnachlichteu. . Diejenigen College», welche gesonnen sind, an dem Cantorentage Theil zu nehmen, werden nochmals ersucht, den Vorstand hievon nebst Angabe der Bahn, mit welcher sie die Reise zurücklegen, baldigst zu Verständigen, damit derselbe noch rechtzeitig in die Lage komme, für die Besucher eine Fahrpreisermäßigung zu erwirken. Der Worjtand des öfter, ungär. Tantoren-BereineS. Kleine Chronik. Wfsen. (Orig. Coxresp.) Pilsner Chorgesangsverein. Schon zu wiederholten Malen wurde in diesen wie in anderen Fachblättern darüber Klage geführt, dass die Zahl des tempelbesuchenden Publikums, oder richtiger gesagt, der Andächtigen, immer mehr und mehr'sich verringere und dass selbst diese geringe Zahl dem Gottesdieuste nicht mit jener andachtsvollen Stimmung folge, die der Weihe des. Ortes ׳entsprechen würde. Von mehreren Seiten wurden nun Mittel und Wege angegeben, die diesem Uebelstände steuern sollten; . alle gipfeln sie in dem Bestreben, den Gottesdienst entsprechend umzuändern und -der Pstege des Chorgesanges eine erhöhte Aufmerk- . samkeit zuzuwenden. Doch alle diese Verbesserungsvorschläge sie blieben zumeist theoretische Erörterungen, denen die praktische Verwirklichung versagt blieb'. Zwei Umstände treten diesen Reformbestrebungen hindernd in den Weg, und das ist vor Allem der Mangel an stimmbegabten Sängern, die sich bei der heute vorherrschenden Theilnahmslosigkeit für ein derartiges Unternehmen schwer gewinnen lassen, und zweitens die Frage, wie die Kosten der Erhaltung eines imposanten Chores ohne Belastung des Gemeindesäckels zu bestreiten wären. — Herrn Oberkantor Armin Freisinger in Pilsen gebührt nun ׳das Verdienst, diese beiden Fragen durch die Gründung des ״Pilsner Chorgesangsvereines" für seine Gemeinde in der glänzendsten Weise gelöst zu haben, und welch' rege Teilnahme er unter den Mitgliedern der Cultusgemeinde für dieses Unternehmen zu erwecken wusste, das beweist der Umstand, dass dieser Verein nach seinem erst mehrwöchentlichen Bestände bereits 90 wirkende und 200 beitragende Mitgliederzählt, und dass die israelitische Cultusgemeinde Pilsen das

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