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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-05-21 · Heft 17 (21.5.1887) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 17 (21.5.1887)
Date
1887-05-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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-er Tiefe in den Frauenstimmen für Vorzüge und umgekehrt wirkliche 1 Vorzüge) zi B. die geschickte Anwendung des Falsetts beim lenore ׳ liricb, für' Fehler gehalten werden? — So lehren manche Theore- Mr die.'Kunst eines! sogenannten ״Tonsuchens" und streiten darüber, ob man sich'Ml׳ der Terz oder von der Quinte aus zur Intonation der kleinen SWme änzüsHicken habe. Von diesem mysteriösen cercare il tuonö, das richtiger ״faules Jntoniren" heißen sollte, sagt Marpnrg in seiner Anleitung zur Singkunst": Nur alte Mütterchen und Kinderwärterinnen haben die Erlaubnis, sich den Sprung einer׳ Note' in ihren Liederchen auf solche Art zu erleichtern." Seltsanier Weise schärft jedoch derselbe Autor, und mit ihm mancher Chordirector, seinen Sängern die Regel ein, ja nicht gemeinsam, (d. h. Alle an derselben Stelle) Athem zu holen, indem hiedurch Gencralpausen entständen, in denen Zeder schwiege. Sie sollten sich vielmehr hübsch cmtheilen, so dass vier oder acht Sänger an dieser, die nächsten acht an einer anderen Stelle zum Athmen absetzen u. s. w, damit der Tonström doch nicht auf einmal ganz gehemmt und sistirt werde. — Diese Regel ist grundfalsch. — Abgesehen von der Frage, ob sich ein fortdauerndes, ruckweises Absetzen eines Th iles der Singenden und ein ebenso stoßweises erneuertes Hinzutreten der Abtheilangen, die eben geathmet haben, best r ausnehmen würde, als ein gemeinsames Ein- und Absetzen, liegt ja gerade ein Hauptreiz, eine der mächtigsten chorischen Wirkungen in dem gleichzeitigen Athemholen der ganzen Chormasse. Nehmen wir z. B. die Textworte: ״Herr, mein Gott! o hör mein Flehn" auf lange Noten vertheilt an, und fragen nun: Wird es einen besseren Eindruck machen, wenn zehn Sänger nach ״Herr", die nächsten zehn nach ״mein", wieder zehn andere nach ״Gott" u. s. w. absetzen, oder wenn Alle die Worte: ״Herr, mein Gott" in einem Athem zusammenhängend singen, dann aber gemeinsam abbrechen und vereint im s lben Momente wieder einsetzen: ״erhör mein Flehn!" — Man sollte meinen, die Antwort auf eine solche Frage könne nicht zweifelhaft sein. Das fleißige Studium der Kopfstimme ist für jeden Sänger unumgänglich nothwendig. Wie wir nicht Alles mit der rechten Hand allein thun können, sondern nur zu oft die Linke zu- Hülfe nehmen müssen, fo ist es auch mit den beiden Registern der Stimme. Das Brustregister allein kam! es nichts Mn; die Bewe§l»Gkeit des. Orgänes, dieleichte Ansprache auf höheren "TötteU^ die raezza voce und vieles Andere basirt auf der geschickten Verwendung der Kopfstimme. Deshalb kann selbst der tiefe Baß ihrer nicht entrathen, soll nicht der ganze Stimmklang etwas Starres, Unbewegliches und Hartes ׳ behalten. Es kommt dabei gar nicht in Betracht, wie viel oder wie wenig der Sänger sich dieses Registers bedienen will, es ist eben - nur das Mittel zum Zwecke, die Bruststimme au f dem Kopftone aufbauen und so mit der Stimme in den höheren und höchsten Lagen weich einsetzen zu lernen. Sehr störend ist die Angewohnheit mancher Sänger das Zeitmaß eines Musikstückes jeden Augenblick zu verändern, d. h. bald ein langausgedehntesritardando, bald wieder ein drängendes stringendo einzuführen und mit diesem Zögern und Eilen beständig abzuwechseln, als ob darin die größte Würze des Vortrages und das einzige Mittel läge, seinen Empfindungen den wahren Ausdruck zu geben. An der rechten Stelle, die in der Regel vom Componisten selbst entsprechend bezeichnet wird, macht ebensowohl das rallentando als das accelerando eine sehr gute Wirkung, zu oft, und insbesondere mehrmals hintereinander wiederholt, verdirbt es den ganzen Eindruck, da das Tempo völlig aufgehoben und in Frage gestellt wird. Innerhalb des Tactes mag der Sänger, bei fortlaufend tactmäßiger Begleitung, sich weit eher erlauben, der einen Note ein kleines Zeitteilchen an Wert zu entziehen, um der nachfolgenden betonten Silbe mehr Zeitdauer einzuräumen, oder wohl auch eine Note länger auszuhalten, ja selbst eine Pause unbeachtet zu lassen, um deren Geltung der Notendauer zuzugesellen, wo es der Ausdruck zu verlangen scheint. — Alles jedoch mit Maß und Ziel! Diese Kunst des Anticipirens einerseits, das Verlängern der Noten andererseits, ohne das Zeitmaß zu verändern, war früher sehr beliebt und ward von den größern Sängern mit vielen Geschmack in Anwendung gebracht. Man nannte sie: rubaae il tempo, das Tempo — richtiger: die tactliche Ordnung berauben, eben weil einer Note das genommen ward, was man der anderen zulegte. Die Sänger unserer Tage kennen dergleichen Feinheiten nicht mehr, wir begegnen dem rubamento nur noch bei bedeutenden Jnstrumentalkünstlern; dagegen ist, wie gesagt, der Mißbrauch des rallentando und accelerando den Gesangskünstlern sehr häufig eigen. Der Prieker in Israel. Von L. Lohen» Lehrer und Tantor in ReeS a. Rhein. Der Grundsatz des römischen Rechts ״Qui tacet, consentire videtur (Justin, im corp. Jur.)" ״Von dem, der schweigt, nimmt man an, dass er zustimme" und die talmudische Sentenz שתיקה כהודאה דטיא (Jebamoth. 87b) ״Schweigen ist dem Eingestehen gleich zu erachten", haben noch heute bei allen Rechtsfragen ihre unbeschränkte Giltigkeit. Aus gewisse Fragen zu schweigen, wenn man auch die Antwort geben könnte, ist daher oft die beredteste Antwort und mehr als bogenlange Erörterungen und Auseinandersetzungen sagt oft das nicht gesprochene oder geschriebene Wort. Dessen mag auch Herr Baum sich erinnert haben, als ich ihm in Nr. 13 d. Bl. die bescheidene Bitte vortrug, 5 Fragen zu beant- Worten, auf welche er als Besitzer der rabbinischen Qnalification (welchen Vorzuges ich mich leider nicht rühmen kann) die Antworten doch gleich present haben mußte. Eben weil ich demselben den Vorzug eines dem meinigen überlegenen Wissens gern einräume> durfte ich wohl mit Recht erwarts^dasser dasselbe den geschätzten Lesern gegenüber nun^mch offen darlegen würde. Jedenfalls war mW auf die Antwort gespannt, wenn auch anzunehmen ist, dass ein Zeder sie sich selbst geben könne. Herr Baum, unerwartet vor die Alternative gestellt, entweder dem jüdischen Religionsgesetze jede Verbindlichkeit aberkennen oder meine Fragen im Sinne der Bibel und des Talmud beantworten zu müssen, fand es jedoch gerathen, das יפה שתיקה לחכמים zu beherzigen und durch Schweigen seinen Zrrthum öffentlich zu bekennen. Mir soll diese passive Antwort vollständig genügen; dem Publicum gegenüber halte ich mich jedoch für verpflichtet, den Gegenstand näher zu beleuchten und einen Gewährsmann für mich in die Arena zu führen, der auch vielleicht Herrn Baum zu imponiren im Stande sein dürfte. Fern sei es nun aber von mir, die gute Absicht meines ehrenwerthen Gegners zu verkennen, wenn ich auch die von ihm vorgeschlagenen Mittel zur Llbschaffung eines vermeintlichen Uebelstandes nicht billigen kann. Es ist eine im Leben oft wiederkehrende Erscheinung, dass man sich in Zrrthümer so verrennen kann, bis man dieselben schließlich für nnantastbare Wahrheiten hält, von welchen man um keinen Preis sich entfernen zu dürfen glaubt. Sa ist es auch Herrn Baum ergangen. .Soweit nun in unserm מחלקת לשמים שמים meine Person in Betracht komntt, muß ich vor allen Dingen den Vorwurf unlauterer Motive, als ״Ahnenstolz" u. dgl., wie sie mir von Herrn Baum insinuirt werden, zurückweisen. Mir gilt nur die Sache, die Wahrheit, und zwar diejenige Wahrheit, die unser hochheiliges Religionsgesetz als solche anerkennt.

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