Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 17 (21.5.1887)
- Date
- 1887-05-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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- 2 — das Lehren und Lernen der Thora, gehört! \ ה' חפץ למען צדקו יגדיל תורה ויאדיר sagen wir täglich in unserem Gebete: ״Gott will um seiner Gerechtigkeit willen, dass die Kenntnis der Thora sich erweitere und dadurch Verherrlicht werde";nach menschlicher Einsicht aber soll über die ׳ Thora ein gesetzlicher Sturz gedeckt werden, dass sie nicht zu viel an Ausdehnung , gewinne. Man will die religiöse Lehrfreiheit aufheben, das Lehren der Religion an eine gesesetzliche Norm binden, sie gleich einem gewerblichen Unternehmen behandelt wissen, bei dem nicht mehr (wohl auch nicht wenigerי) feilgeboten werden darf, als die Vorschrift gestattet. ... Der katholische Religionsunterricht kannfür uns nicht maßgebend sein; da genügt das Erlernen des vorgeschriebenen Katechismus nebst der Geschichte-des alten und neuen Testaments; die israelitische Religionslehre hingegen bildet ein ganz eigenes Lehrfach, das für sich behandelt werden will. Angenommen, es würde ein einheitlicher Lehrplan entworfen und von der Schulbehörde bestätigt; die israel. .Schüler sollen voll der dritten Volksschulklasse angefangen bis inklusive zur letzten Bürgerschulklasse die Bibel im Urtexte mit Hinweglassung alles Nichtgeschichtlichen und der Zugend Unzuträglichen vom Anfänge bis zum Tode Zosef's erlernen, was allerdings ein Maximum ist, ließe sich in diesem Falle nicht mit Grund befürchten, dass 50% der Gesammtschüler diesen Ansprüchen nicht gewachsen wäre? Dagegen kann man säst mit Bestimmtheit behaupten, dass 25% der Schüler, die mit besserer Begabung ausgestattet sind und für den Gegenstand mehr Znteresse hegen und ohne den einheitlichen Lehrplan vielleicht bis zur Offenbarung erlernt hätten, dadurch um ein Bedeutendes zurückbleiben. Zm besten Falle würden alle Volks- und Bürgerfchüler des ganzen osterr. Kaiserftaates; vom Urtexte der Bibel das erste Buch Moses erlernt haben, die anderen 23 Bücher der Bibel aber blieben für sie verschlossen, oder nicht vorhandene Bücher, wie etwa die Bücher des Talmuds, und als solche blieben sie den meisten für's ganze Leben. Wäre nun ein solcher einheitlicher Lehrplan ein allgemeiner, dann wären bald die 23 Bücher der Bibel ein bloßes archäologisches Werk, das höchstens für Fachstudirende, Fachmänner und Alterthumsfreunde einen Werth hätte. Auf die Leistungen der Mittelschulen kann man in der Regel wenig Rechnung machen; denn, wie die Erfahrung lehrt, vermögen jene Mittelschüler auf dem Gebiete des Religionslchrfaches nur dann etwas Rechtes zu leisten, wenn sie die gute Grundlage ans der Volksschule mitgebracht haben. Hingegen ist meiner Ansicht nach ohne einheitlichen Lehrplan gerade der Gebrauch eines verschiedenen bibl. Urtextes beim Religionsunterrichte im Allgemeinen ersprießlich, wenn dies auch bei der Aufnahmsprüfung einige Schwierigkeiten bietet. Dem Examinator hat es übrigens ganz gleich zu bleiben, welchen bibl. Urtext der Volksschüler gelernt hat, nur darf er seiner Bequemlichkeit nicht mehr Rechnung tragen, als der Sache selbst, und muß die Prüfung stets nach Maß - gäbe des gelernten Textes vorgenommen werden. (Fortsetzung folgt.) Aphorismen 1ms dem Gesaugsleöen. VI. Sänger und Sängerinnen, die auch Gesangunterricht ertheilen, müssen sich sehr davor hüten, bei jungen Talenten, die sich ihrer Leitung anvertrauen, diejenige Stimmclasse als vorhanden zu supponiren, die Lhnm selbst eigen ist. Eine jugendliche, bildungsfähige Stimme lässt sich eine Zettlang viel gefallen, und so kommt es, dass Tenoristen, welche lehren, beim Anfänger (wenn er einige hohe Töne hat), sehr gerne einen Tenor, Altistinnen bei jeder jungen Schülerin (die im Besitze mehrerer guter, tiefer Töne ist), eine Altstimme vor sich zu haben wähnen, eben weil ihnen diese Stimmclasse .durch die eigene Gesangspraxis lieb und vertraut .geworden ist. An solcher vorgefasster Meinung und der in Folge derselben chlgeschlagenen Lehrweise und Behandlungsart der Stimme, ebenso auch an dem Wahne, Alles vom Schüler verlangen zu dürfen, was dem Lehrer das eigene, vielleicht besonders günstig ausgestattete Organ ermöglicht hat — gehen zahllose schöne Stimmen frühzeitig zu Grunde. Eine der ältesten Regeln der Stin:.n;behandlung, der wir schon in einem 1556 in Wittenberg , erschienen Buche des Herrn. Finckius ״Practische Musik" begegnen, ist die folgende: Quaelibet vox,. qua magis intenditur, eö submissior et dulcior sonus usurpetur, quo autem magis descendit, eo. sonus sit plenior! d. h. man soll die Stimmen in den höheren und höchsten Tönen um so weicher und zarter behandeln, dagegen bemüht sein, den tieferen Tönen mög: lichste Fülle zu verleihen. Wie machen es die meisten unserer heutigen Stimmbildner? Den zweiten Satz der obigen alten Lehre befolgen sie allerdings so getreulich, dass uns die Tiefe der Frauenstimmen ob ihrer rohen Kraft öfters einen förmlichen Schreck einjagen könnte. Doch ist jene Gewissenhaftigkeit in Bezug auf das eo sit plenior ganz zufällig, denn die Fülle oder besser gesagt: die dröhnende Gewalt eines Organes, gilt jenen Herren, sowohl nach der Höhe als nach der Tiefe hin, für den größten Vorzug, dessen ein Sänger sich erfreuen kann; während die Süßigkeit und Anmuth des Tones, mit der uns eine Sontag und Lind entzückt haben, das verhallende Piano mit dem die letztgenannte sich ihren Weltruf erobert hat, jetzt schon im Bereiche der Mythe gehören! Ohne eine vollkommene Herrschaft über den Athen: kann von einer künstlerischen Gesangsleistung gar nicht die Rede sein. Wie kläglich hört es sich nicht an, wenn einein Sänger inmitten einer schwungvoll begonnenen Cantilene plötzlich der Athem ausgeht und er sich gezwungen sieht, an einer ganz unpassenden Stelle — vielleicht sogar zwischen den Silben eines und desselben Wortes — neuen Athem zu schöpfen, wie wir dies so häufig von Leuten erleben müssen, die auf den ersten Opernbühnen Deutschlands mit enormer Gage als dramatische Künstler figuriren. Und doch wäre das noch ein sehr niedriger Standpunkt, vom Sänger Nos zu verlangen, dass er im Stande sei, eine gewisse Anzahl zusammengehöriger Noten in einem Athem auszuführen. Wenden wir den Blick höher, so steht ja die gesammte Dynamik, die Kunst der Nüancirung und Phrasirung, der musikalischen Declamation, mit einem, Worte: des ganzen Vortrages, mit der Behandlung des Athems in so innigem Zusammenhänge, dass eine ungenügende Ausbildung des Sängers in Bezug auf die Thätigkeit der Brust und Lungen sich jeden Augenblick aufs empfindlichste rächen, und ihm, wenn er selbst mit richtigen und künstlerischen Intentionen an die Wiedergabe seiner Partie ginge, seine besten Absichten Tact für Tact vereiteln und zu.Schanden machen müsste. Eine größere Passage kann nur dann vollkommen gelingen, wem: der Athem, in welchem sie ausgeführt wird, ganz gleichmäßig unter alle Töne vertheilr ist, wenn die Mundstellung (und mit ihr die Klangfarbe des zu Grunde liegenden Vocales) während der Dauer der Coloratur nicht die geringste Veränderung erleidet, wenn jeder Ton selbständig und deutlich erkennbar ist, und doch. 'alle eng . aneinandergereiht erscheinen, wie die Perlen an einer Schnur, wenn endlich alle Töne gknz vorne im Munde an der inneren Seite der oberen Vorderzähne anschlagen und so demselben Punkte entquellen, sorgsam gruppirt und eingetheilt nach den Gesetzen des Rhythmus und der Betonung. ' ״V Ist es nicht eine auffallende Erscheinung, zu nennen, dass im Gesänge oftmals widerwärtige Fehler, z. B. die gemeine Behandlung