Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 17 (21.5.1887)
- Date
- 1887-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreich! sch-ungarische Cantoren - Zoilnng Organ Wrarlumerationspreis Fiie BtreinsmiigNtde«. Ganzjährig fl. s.— Halbjährig fl. 2.50 Viert,ljährig fl• 125 Fii» Nichtn itglicLer Ganzjährig fl. S.— Halbjährig fl. 3.— Vierteljährig fl. 1 50 Für da- Ausla,,d Ganzjährig fl. 7.— 1Z Mark oder 6 Rudel. llie jbttftQett jmltscher Hsntoren M S-uIlusbeamten. Kr scheint jeden achten Dag. Begründe r: Öbcrcantor Jacob Bauer. Wedactio« und Administration Wie», II., Novaragaffe Nr. 2?. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retour nirt. ür. 17. Wien, 21. Mai 1887. 7. Jahrgang. Aeber Religionsunterricht. Die meisten jener Aerzte, welche bisher Versuche machten, die Krankheit, .an welcher das Judenthum seit langer Zeit siecht, zu heilen, haben nach meiner Ueberzeugung die richtige Diagnose zu stellen verfehlt, weshalb durch die vorgeschlageneu Mittel die Krankheit auch nicht behoben werden konnte., Denjenigen wenigen Sachkennern aber, welche das richtige Urtheil über dieselbe -abzugeben, verstehen, fehlt es an den nöthigen Mitteln zur radikalen Heilung dieser.tief eingewurzelten Krankheit, welche vielmehr nur von der Hand der Vorsehung selbst geheilt werden kann. Fast alle Verbesserungsvorschläge nämlich, bei denen in der Regel Einer dem Andern nachredet, erstrecken sich auf Lehrpläne, Lehrbücher und Lehrmethoden. Die besten Bücher, Pläne und Methoden sind aber für die Hebung und Beseitigung der Gesunkenheit und Zerfahrenheit auf religiösem Gebiete so viel wert, wie die besten Baupläne und Bauprojekte für die Aufführung eines Gebäudes ohne . festen, sichern Grund, ohne die geeigneten Baumaterialien; die Bau- Meister und Maurer können ihrem Handwerke noch so sehr gewachsen sein, so werden sie in diesem Falle doch nichts Rechtes für die Dauer zu Stande bringen; vielmehr muß der Bau sofort Risse, Krümmungen und Senkungen erleiden, um alsbald wieder in seine ursprüngliche Form, einen Materialienhaufen, zusammenzufallen. Noch nie hat es so viele gute, ja vorzügliche Lehrmittel und Lehrmethoden auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes gegeben, als gerade in der neuern und neuesten Zeit, was gewiss kein erfahrener und unbefangener Fachmann bestreiten wird, und dennoch waren nie solche traurige Resultate auf diesem Gebiete zu verzeichnen. Der Lehr- . plan, auf den Viele das Hauptgewicht legen wollen, ist meiner Ansicht nach gerade das Unbedeutendste, da der Zweck unseres Religions- Unterrichtes bei allen Plänen derselbe bleiben muß, nämlich Liebe, Interesse und Begeisterung für's Judenthum eivzuflößen, die in reiner und wahrer Gotteserkenntnis, in reiner und wahrer Menschen- und Vaterlandsliebe, -in Selbstheiligung und Selbstvervollkommnung wurzeln und die hohe Aufgabe haben, diese beseligenden Güter allmälig zum Gemeingute aller Menschen zu machen. Hat der Lehrende solche Lehrfähigkeiten, wozu braucht er einen Lehrplan? Besitzt er sie nicht, was nützt ihm wieder der beste Lehrplan? Mögen als Lehrmaterial der Urtext der Thora, oder die Profeten oder die Psalmen benützt werden, so wird der gediegene und gewissenhafte Fachmann immer das richtige Ziel erreichen, vorausgesetzt, dass die miteinwirkenden Umstände, Zeit- und Ortsverhältniße dazu geeignet sind; der Dilettant oder der Professionift wird aber bei allen Vlänen und unter allen Verhältnißen nur ein erbärmliches Resultat aufzuweisen haben. Mit der Feststellung eines einheitlichen, von der Schulbehörde bestätigten oder nicht bestätigten Lehrplanes, welcher von mancher Seite begehrt wird, will es mir nicht recht einleuchten. Das ist nur der Wunsch nach einer neuen Schablone. Ist denn unsere Religion nicht schon genug unter die Schablone gebracht und in starre Gesetzesparagraphe eingezwängt worden? Was hat denn hauptsächlich die religiöse Stagnation und den hieraus entstandenen Verfall des Judenthums herbeigesührt, als todte Religionsparagraphe und starre Formen, welche jeden Geist, mithin alles Leben, aus dem Judenthume verdrängten? Und heute sollen vielleicht diese abgebrauchten Mittel dem Judenthume frischen Geist und erneutes Leben einflößen? Wären sie das auch im Stande? Niemals! Schablonen können wohl auf die Sinne, aber nicht auf Herz und Gemüth wirken, deren Pflege dem Religionslehrer obliegt. Die Lehre der Religion muß daher rein geistiger Natur sein, muß sich frei aus dem Geiste und Gemüthe heraus den Verhältnißen und Bedürsnißen entsprechend entwickeln können, wenn sie ihren hohen Zweck erreichen soll;sie darf aber nie zu einer starren Form, zu einer begrenzten und beschränkten Masse, schon von der Schule aus, gemacht werden. Sie gleicht dann einer edlen Baumfrucht, die in der ersten Entwicklungsperiode in den engen Hals einer Glasflasche gebracht wird, u!u sie in ihrer natürlichen Entfaltung zu hemmen und ihr nur so viel Ausdehnung zu gönnen, als die Glaswände ihr gestatten. Für Freunde von Naturspielereien mag ein solches erkünsteltes Produkt immerhin einen gewissen Zweck haben, und wenn es auch kein anderer wäre, als eitlen Passionen zu genügen. Welchen Zweck sollte aber eine in enge Formen eingekerkerte Religionslehre haben? Sagen ja schon unsere alten Weisen, dass zu den religiösen Pflichten, denen kein bestimmtes Maß (שעור) auferlegt werden kann, auch תלמוד תדדה