Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 16 (13.5.1887)
- Date
- 1887-05-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— ־4.— Stimmen in einer Kehle säßen, dann märe die Sache schöner und wahrhaft!bewunderungswürdig!" — Die seüsame Erscheinung, dass der Mensch sich sehr häufig auf sein wirkliches Talent und auf die erwiesene Tüchtigkeit in seiner eigentlichen Sphäre am wenigsten einzubilden, sich dagegen desto mehr anderer LeLstungen zu rühmen pflegt, die seiner Individualität oft geradezu widersprechen, oder doch mit jenen wirklichen Vorzügen in gar keinem Verhältnis stehen — wiederholt sich auch in der Kunst des Gesanges. Sänger, die im Vortrage erhabener kirchlicher Gesänge Ausgezeichnetes leisten, wollen in GesellschasteN durch komische Lieder gefallen und thun sich (weit davon entfernt, ihre Schwäche in solchen Vorträgen zu erkennen) nicht wenig auf ihre vis comica zu gute, während sie auf ihr schönes Talent im Erfassen ernster Aufgaben der Kunst gar keinen Werth legen. — Selbst in der Verkennung der äußeren Begabung und des Umfanges der Stimme, stoßen wir auf die größten Possierlichkeiten? Bassisten, die üb-r eine herrliche, sonore Tiefe gebieten, prahlen mit ihrer (hervorgepressten und gedrückten) Höhe; Sop ra n e mit weicher, leichter Ansprache der h ö ch st e n Töne, rühmen sich ihrer mächtigen Tiefe (d. h. ihres forcirten Brustregisters voll widerlicher Kehlklänge); der Tenore eroico, im Besitze kraftvoller, gewaltiger Brusttöne, freut sich über seine — in Wahrheit gar nicht vorhandene — leichte Colora tur, der Tenore lirico, mit sanfter, g e s chm ei d iger Stimme, will durch Kr a f t t ö n e glänzen und lässt die Beweglichkeit seiner Stimme ganz unbeachtet! Kurz, der Mensch sucht recht eigentlich etwas darin, durch seine ״schwachen Seiten" imponiren zu wollen und ignorirt häufig seine wirklichen Vorzüge, — womit jedoch nicht gesagt sein soll, dass es nicht auch Leutchen gäbe, die bei allem, was sie vornehmen oder zum besten geben, des Rühmens kein Ende finden. Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Kunstjünger neben fleißigen Studien unter der Leitung eines guten Meisters, auch durch das An hören großer Sänger unendlich viel lernen kann — allein kemiletois. Wer junge Cantor. Eine Erzählung von Cäcilie L ö w y. (9. Fortsetzung.) Die beiden Mädchen verließen bald unter lebhaftem Geplauder das Haus. Deborah lauschte den Mittheilungen ihrer redseligen Freundin, die ihr vor Allem schilderte, wie köstlich sie sich Sonnabend bei Weinstein zur Soiree unterhalten habe. ״Warum hast Du nur, liebe Deborah, der Einladung nicht Folge geleistet, Du hättest Dich schon beim Anschauen all' der Eleganz, die Frau Weinstein wieder entfaltete, amüsirt. Die Zimmer waren wahrhaft verschwenderisch ausgestattet, und Alles war derartig geschwackvoll arrangirt, dass die Gäste Ausrufe der Bewunderung höret! ließen. Ja sogar einen Arrangeur ließ Frau Weinstein direct aus Berlin kommen, der in den ersten Häusern der Residenz bei solchen Gelegenheiten mit wahrem Kunstsinn seine Anordnungen trifft. Unsere musikalischen Vorträge, und Deklamationen wurden ebenfalls mit Beifall aufgenommen und wir jungen Leute waren ganz berauscht von den Lobeserhebungen der Anwesenden, als endlich die erste Polonaise gespielt wurde, die uns zum Tanze rief. Ich habe diesmal wol ausnahmsweise wenig getanzt und es vorgezogen, ein angenehmes Plätzchen aufzusuchen, deren es so viele unter duftigen Blumen gab, und wohin die Tanzmusik nur leise hinüberklang. Man konnte sich so unbemerkt zurückziehen und wieder ohne Aufsehen unter den Tanzenden erscheinen, dass ich mich, den angenehmen Duft der Blumen und Blüthen einathmend, meinen seligen Gedanken, die mich jetzt so sicherlich׳ nicht ohne ein bereits ziemlich gereiftes Urtheil -und einen bestimmten Grad technischer Vorkenntniße. Sonst möchte er leicht irr den Fall kommen, gewisse Manieren, von denen selbst diebe- ׳ deutendsten Sänger selten ganz frei sind und Äurch welche sie vielleicht sogar (weil solche ihrer Individualität vollkommen entsprechen) effectuiren, für das Nachahmungswckrd ige zu halten ׳und später die unangenehme Erfahrung machen, dass, was M einem üeliebten Künstler geduldet, bei einem Nachahmer oft u naus steh li ch gefunden wird. Besonders muß der angehende Sänger, wenn er berühmten Künstlern begegnet, die ihre Blüthezeit hinter sich haben, aber ihrer trefflichen Schule wegen noch gefeiert werden, von gewissen Eigenheiten (oder besser Fehlern) auf der Hut sein, welche sich durch die Abnahme der früher glänzenden Stimmittel beim Sänger eingestellt haben, und obgl eich unstatthaft, doch rvegen der gewandten und wirksamen Weise tolerirt werden, in der sie zu Gehör kommen. Dahin gehört namentlich ein fortgesetzter pathetischer Parlandogesang, der von unerfahrenen Säugern nur zu leicht für den Kern des dramatischen Vortrages gehalten und bis zur Carricatur nachgeahmt wird; ferner das Schleifen der Stimme, durch die ganze Scala hindurch, um auf einen hohen Ton zu gelangen, was der Kunstjünger als künstlerisches Portamento und wirksames Effectmittel sehr gerne nachmacht. In beiden . Fällen weiß der Vortragende sehr gut, dass er eigentlich nicht so singen dürfte, (oder er ist eben kein Künstler), allein er macht aus der Noth eine Tugend, und sein gefeierter Name schützt ihn vor ernstlichen Mgen und Kundgebungen, des Mißfallens, — die bei seinen Nachahmern wohl schwerlich ansbleiben dürften! — Wie gesagt, das Vermögen zu unterscheiden, was richtig oder falsch, statthaft oder unstatthaft ist, muß schon sehr gebildet und gereift sein, um berühmten Namen gegenüber unpartheiisch und competent zu bleiben. Gewiss ist das fogenannte contrafare, das Nachmachen fehlerhafter Angewohnheiten in der Tonbildung des Schülerswas schon Man cini und Joh. Mit sch in seltener Virtuosität vollständig beherrschen, hingab. Siehst Du, Du bist die Erste, der ich mein Geheimnis anvertraueu will, da ich mich zu Dir besonders hingezogen fühle. Das kommt gewiss daher, weil wir ganz verschiedenartige Naturen sind: denn wenn ich so freundschaftliche Znneigung für Dich fühle, fällt mir immer der physikalische Lehrsatz ein, den uns unser Director in der Töchterschule nicht genug einprägen konnte: Ungleiche Pole ziehen sich an und gleiche stoßen sich ab." Und sie waren wirklich recht verichieden, diese beiden anmuthigen Mädchengestalten, die. Arm im Arm, der Promenade, die sich um die ganze Stadt zog, zuschritten. Die alten Lindenbäüme trugen wol keinen Blätterschmuck, aber ihre Zweige waren mit dichtem Reif überzogen, der, beschienen von der wenig Wärme spendenden Wintersonne, blitzte und funkelte, als wären tausend^ und abertausende Diamanten aneinander gereiht. Unwillkührlich richteten die beidenMädchm ihre Blicke auf dieses winterliche Naturbild und verharrten eine Zeit lang in stummer Bewunderung. Lieschen hatte eine zierliche Gestalt, sie war klein, aber ebenmäßig gebaut, ihre schönen, dunklen Augen gaben dem Gesichte einen angenehmen Ausdruck und ersetzten manch kleine Unxegelmäßigkeiren der Züge, doch wahrhaft .entzückend legte sich das dichte, kastanieubraune Haar um ihre weiße, gewölbte Stirne; ihre , Bewegungen waren graziös und verriethen deutlich den guten Ton, der in ihrem Elternhause herrschte. Deborah war größer, hatte eine schlanke Figur und sehr regelmäßige Gesichtszüge, ihre blauen, sanften Augen verliehen ihrem Gesichte einen ruhigen, sinnigen Ausdruck. Das blonde Haar trüg sie schlicht gescheitelt, und die schweren Zöpfe-waren in einen einfachen Knoten geschlungen. Ein-lieblicher Zug umspielte ihren Mund und prägte ihrem Gesichte den Stempel der Gutmütigkeit und Herzensgute auf. . ״Doch ich weiß nicht, ob Du mich verstehen wirst, liebe Deborah", begann Elise, die endlich wie aus tiefem Träumen erwachte, ״Dein Herz