Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 16 (13.5.1887)
- Date
- 1887-05-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — ist. dicker als meine Lenden, denn »Zoir onodii Gomim« ich bin Vielleicht der Jüngste der Cantoren. Auch nicht Eitelkeit, Ruhm- und Prahlsucht trieben mir die Feder in die Hand, sondern nur die treue Liebe zu unserem heiligen Berufe, die tiefste Verehrung zu dem Erbgute unserer Urahnen, an das alle Fasern meines Herzens geknüpft sind, gaben mir den Muth den Berufenen unseres Standes zuzurufen ״hokizu mitar damaschem“ erwachet aus euerer Letargie, schaaret euch um die Fahne unseres theueren Fachjournales, das für unfern Stand und unsere Interessen stets mit Leib und Seele eintritt, lasst uns unter . ihrem Panier, Schulter an Schulter, mit vereinten Kräften den nun begonnenen, leider aber sistirten Bau zur Ehre und zum Ruhme des Eantorenthums vollenden ״isch krnatnas socio krvirkas adonoi eloliorv ascher nosan Io" jeder nach Maßgabe seines Könnens und Wissens, das ihm von der Vorsehung verliehen wurde. Auch ich. will das Scherflein meines geringen Wissens zu dem zu vollendenden Bane, wenn mir die löbliche Redaction die Spalten unseres Fachjournales öffnet, beitragen, und in nachfolgenden Artikelserien aus den vergilbten Blättern der Geschichte unseren traditionellen Gesyng historisch und kritisch beleuchten. Das Definitivum -es Cantsrs. Mein sehr geehrter Freund, Herr Cantor Löwinger in Kesthely, hat neulich in diesen Blättern für das Definitivum des Cantors in kernigen und beherzigenden Worten eine Lanze eingelegt. Es wäre wahrlich schon an der Zeit, dass die bleibende Stellung des jüdischen Beamten nicht mehr ein pium desiderium sei, sondern dass dieser Wunsch überall zur Beruhigung und Sicherheit der Beamten erfüllt werde. Der Stand soll auch Bestand haben, damit man bei ihnen nicht mehr die Worte Salomons anwende: ״Wie der aus seinem Reste vertriebene Vogel, so der jüdische Beamte, der von seiner Wohnstätte wegwandern muß." Der jüdische Beamte war stets ein wandernder, ewiger Jude, auf dessen Lebenswege, wie in der Wüste, be§ ויסעו ויחנו abwechselte. Nun haben sich die Zeiten, Gott sei Dank, geändert und mit ihnen auch die Verhältniße, und es gibt jüdische Beamte, welche nicht mehr den Wandel-, sondern den Fixsternen gleichen und von der staatlichen Behörde geschützt nnd gestützt werden. Das sind die Lehrer und Matrikenführer, die eines Definitivums sich erfreuen. Nur. für Cantoren, Religionslehrer, Schächter und selbst für Rabbinen, wenn selbe, nicht Matrikenführer sind, gibt es noch keine staatlichen-Gesetze, welche ihre Gesetze, welche ihre Verhältniße zur . Gemeinde regeln und ordnen. Wenn die Kongreßstatuten überall Gesetzeskraft hätten, dann wäre wol auch für die Beamten zu hoffen, dass fie definitiv angestellt würden. Bei denjenigen Beamten, die. nicht unter der Aegide des Staates stehen, wird die Definitivfrage noch lange eine תיקי bleiben. Der geehrte Herr Löwinger hegt die feste Ueberzeugung, dass der Cantor, falls er wie der Lehrer diplomirt wäre, auch das Definitivum gesichert hätte, und hält zu diesem Behufe die Kreirung einer Cantorschule als eine unvermeidliche Nothwendigkeit סלגינין דיבוריה. Was die Schaffung einer Cantorschule betrifft, stimme ich mit meinem Freunde vollkommen überein, eine solche ist sehr nothwendig. aber nicht um dadurch den Cantor ein Definitivum zu ermöglichen, weil nür solche Beamten von dem Staate geschützt, und die Geweinde verhalten werden, jene definitiv anzustellen, welche dem Staate Dienste leisten, wie der Lehrer, welcher die allgemeine Bildung befördert, die zum. Wohle des Staates dient, oder der Matrikenführer, welcher staatliche Agenden ausübt. Aber wie die religiösen Functionen von den Beamten'ausgeübt werden, ob der Cantor korrekt nachdem Schir-Zion singt oder wie der Hahn kräht, oder ob der Rabbiner nach orthodoxem oder neologischem Sinne lehrt, ob der Functionär geprüft oder ungeprüft ist, darum bekümmert sich der Staat nicht, das ist ihm. eine noli me tau§ere und bleibt der Autonomie der Gemeinde überlassen. Sie requiriren solche Beamten, welche ihrem Geiste entsprechen, die ihren Gaumen kitzeln und ihr Ohr befriedigen. Die Kreirung einer'Cantorschule ist für die Fortschrittsgemeinden welche, doch einen Cantor corame il faute wünschen, nothwendig, damit nicht jeder Unbefähigte und Unberufene sagen könnte: Anche io sono pittore oder לא כל הרוצא ליטול את השם יבוא ויטול Was die Stellung derjenigen Beamten betrifft, die kein gesetzliches Definitivum haben, so ist nur der Spruch jenes Rabbi, welcher sagt: מעשיך יקרבוך ומעשיך ירחקוך allen jüdischen Beamten warm zu empfehlen. Sach- und sachkundige Beamte, welche stets Gesinnungstüchtigkeit, Charakterfestigkeit und Takt bekunden, haben nicht zu fürchten, dass man sie so schnell vor die Thüre setzt. Die Juden als speculative Geister machen nicht gerne solche Tauschgeschäfte, wo sie fürchten, dass es mißlingen könnte, denn das jüdische Sprichwort ist: ״Selten kommt etwas besseres nach". Es heißt ein Sprichwort im Talmud: ״Es dürfte schwer gelingen, den Baum zum Falle zu bringen, bevor du seinen eigenen Ast zum Stiele der Axt verwendet hast." Viele Beamte liefern selber den Stiel zur Axt. Die Sucht so mancher unzufriedener Beamten schnell כשיכה של מעלה zu kommen, ist leider eine Leidenschaft, welche nur Leiden schafft. v Keineswegs verkenne ich es, dass es viele Paschas in.den jüdischen Gemeinden gibt, welche mehr herrschen als regieren und das kategorische 3ic jubeo in Anwendung bringen. Aber bei der täglich zunehmenden Bildung schwindet immer mehr auch in den Gemeinden der Absolutismus und man erkennt den Werth der Person. So gibt es in Ungarn jetzt viele Beamte, die ohne gesetzliches Definitivum schon eine lange Reihe von Jahren wirken. Wenn es auf eine Art möglich wäre, für alle Beamten von Seiten des Staates ein Definitivum zu erlegen, so wäre dies gewiss sehr gut, bis dahin rufe ich den jüdischen Beamten zu: ותשבו בקהש ימיים רבים, mögen sie in ihrem heiligen Amte, in der heiligen Sphäre ihrer Wirksamkeit lange Zeit verweilen. S ziklos, 5. Mai 1887. Aron Roth, Bez.-Rabb. Aphorismen aus dem Gesangsteben. V. Das Ideal einer Stimme ist nicht in ihrem möglichst großen Umfange, sondern in der gleichmäßigen Schönheit aller Töne zu suchen, über die der Sänger zu gebieten hat. Ein Organ, das zwei Octaven reiner, kräftiger und gleich wohlklingender Töne aufweist, ist schon von den alten Meistern als ein großes und umfangreiches angesehen worden, und wird immer für ein solches gelten müssen, wie viele Schwarzkünstler auch noch auftreten und jeder Stimme einen Umfang von vier bis fünf Octaven vindiciren mögen! Von einem Sopran muß man keine Tiefe, vom tiefen Baß keine Tenorhöhe verlangen, sonst stellt man den ganzen Gesang auf den Kopf und kommt auf den Standpunkt jenes Familiengeistlichen eines gräflichen Hauses in Italien, welcher, nachdem er, mit einer Feuerzange in den Kohlen des Kamins rastlos umherstöckernd, zwei Arien hintereinander angehört hatte — die erste von einem prächtigen Lassa profondo, die zweite von einem silber- Hellen Soprano acuto gesungen — um seine Meinung über die herrlichen Leistungen befragt, antwortete: ״Wenn die beiden