Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 16 (13.5.1887)
- Date
- 1887-05-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Ehen, obgleich strenge verboten mit kananitischen Familien, sind mit allen übrigen Völkern erlaubt. Und nur gegen erstere trat Esra, der Schriftgelehrte, auf und drang auf Scheidung (Esra, 1). Die Auswanderung und Vermischung durch eheliche Bündniße mit den heidnischen Völkern schwächten das Jüdenthum. Die kananitischen Frauen erzogen ihre Kinder im Sinne des Heidenthums, was wäre da aus Israel geworden? Esra mußte zur strengsten Maßregel greifen, mußte solche Familienbande zerreißen, wenn auch so manches Herz zerriffen wurde. Das Gesetz Moses lässt die volle Freiheit, eine fremde Gemahlin, selbst eine Gefangene, sich zu wählen. (5 M. 21, 11.) Eines der angesehensten Familienhäupter Kaleb's gibt seine Tochter, eine reiche Erbin, einem seiner Diener, der ein Egypter war (1. Chron. 2, 34.). Ruth ist aus Moab, Simson heirathet eine Philistertochter; David die Tochter des Königs Gefsir (2. Sam. 3, 3.), Salomou heirathet die Tochter eines Pharao und noch andere ausländische Prinzcssinen; endlich hat selbst Moses die Tochter eines midianitischen Priesters zur Gattin. Gleichwohl konnte der Staat, wenn er diese Heirathen auch freistellte, nicht umhin, die Hul digungen, die den Töchtern Sion's gebracht wurden, mit freundlicheren Blicken anzusehen. Sparta hätte diese Nachsicht nicht gehabt, es hätte gezürnt, wmu einer seiner Bürger eine Gemahlin aus Epirus oder vom Volke von Argos verlangt hätte. Wir sehen, dass sowohl in Betreff der Eroberungen, als Bekehrungen, wie in Betreff, ehelicher Verbindungen die höchste Humanitüt, Toleranz und Duldsamkeit in der altjüdischen Verfassung sich kund geben. Dieses sind die Thatsachen, dieses die-Gesetze. Ohne der natürlichen Ursachen ersten und untergeordneten Ranges zu gedenken, welche ihren Einfluß aus die unter alle Völker zerstreuten Juden ausübten, möge man diese Gesetze von einem allgemeinen, freiern Standpunkt aus, mit den Gesetzen vergleichen, die für sie sevbst gemacht und freigebig bis zum großen neuern Zeitabschnitt ausgeführt wurden, von Völkern, die unter den Schutz einer Religion gestellt sind, welche sich rühmt, die Knechtschaft verachtet zuhaben. Von dorther beleuchten lodernde Scheiterhaufen, wie. man sie hier zum Thiere entwürdiget. Kein gastfreundliches Land sicherte ihnen Ruhe, überall hielten grauenvolle Unterdrückungen, Ungerechtigkeiten, wahnwitzige Verachtung und fanatisches Geschrei ihre Seele fortwährend mitten inne zwischen dem Dasein und dem Grabe. W ... . r. (Fortsetzung folgt.) Ueber -en einheitlichen Synagogengesailg. Vou H- N. Heller, Obercantor m Mißlitz. Die Würfel waren gefallen, ein Federkampf um die große traditionelle Sache hatte begonnen, dennoch hörte man nur Kleingewehrgeknatter mit langanhaltenden Pausen, nur ein leises Kritzeln einiger wohl berufener Federn,׳ein schwaches Schallen einzelner wohlklingend tönender Stimmen der Großen unseres Berufes, der Koryphäen unseres Standes, pro und contra des von unserem Collegen, unseren! allverehrten Zofnas Paneach, Herrn.Obercantor Josef Singer, angeregten Gegenstandes über die Tonarten unseres traditionellen Gesanges oder ״Steiger". Man hörte wohl ein Rauschen, man sah wohl eine Bewegung im Lager des Cantorenthums, jedoch war es kein »Lol anos Gwuroh«, kein Siegesgeschrei, für »W’en kol anos Icbaluscho« auch kein Geschrei gegen diese Sache, sondern »Lol anos* ein Geschrei des Weitrufes aus eigenen Interessen. Gerade dort, wo das Losungswort »Viribus uuitis« gelten sollte, gerade dort, wo die Berufenen unseres Faches sich brüderlich die Hände "reichen sollten, um mit vereinten Kräften zu wirken, gerat« dort erhob man-die drei schrecklichen Geschwister, die immer an unserer Eintracht nagen, die Parzen des moralischen Lebensglückes^ Neid, Eifersucht und Eitelkeit, zum Panier. Wie! ist dieses Kleinod, der-traditionelle Gesang, welcher unsere Ahnen und Urahnen durch einen Zeitraum von beinahe 4000 Jahren der treueste Begleiter war, der sie durch Freude und Leid, Glück und Unheil, vom Herrlichen Gottessiege am rothen Meere bis. zu den Scheiterhaufen׳ des Abendlandes, in dem großartigen Salomonischen Tempel wie in den Kerkern der spanischen Inquisition, in das Exil nach Babylon,: wie auch in den unendlichen Bedrückungen und Verfolgungen stets begleitet und getröstet hat, wie! ist daher dieser kostbare Edelstein, dieses theuere Vermächtnis unserer Vorfahren nicht so viel wert, dass mau seinethalben jedes Kleinliche und Gehässige beiseite schiebe und nur den wahrhaft edlen Zweck der Sache vor Augen habe? Und wärt dieses Alles nicht, es wurzelte nicht in jeder einzelnen Brust eines wirklichen Juden das feste Bewusstsein, dass unser sogenanntes »Chasonusc eine Tochter oder wenigstens Enkelin des alten Tempelgesanges ist, sondern wir stünden jetzt vor der Alternative, hatten unsere Altvordern einen nationalen Gesang? — Sangen sie unsere erhabenen Psalmen, ergoßen sie ihr schweres Gemüth während der laugen Drangs- und Verfolgungsperiode ineinem uralten auf eigenem Boden entstandenen und gepflegten Gesäuge, oder sangen sie ihre Gebete und Jeremiaden mit den Melodien ihrer Verfolger und Peiniger? — — — — Hat der wissenschaftliche Zweck an und für sich nicht soviel Wert, dass die Berufenen und Großen unseres Standes, sich, die Mühe genommen hätten, den Gehalt und Werth . des traditionellen Gesanges zu prüfen, dessen Alterexistenz sicher zu stellen, nachdem derselbe von einem Fachmauue augeregt und auf die richtige Spur geleitet worden ist. Oder sollten alle Größen unseres Standes nur an einen Zukunfts- und nicht an einen traditionellen Gesang glauben, nnd an den Ausspruch Wagner's — für uns Juden unseligen Andenkeus — denken, der behauptete, das Judenthum wäre nie produktiv auf dem Gebiete der schönen Künste, und hätte sich niemals dort, wo Herz, Geist und Gemüth wirken müssen, emporschwingen können? Diese Behauptung muß aber als durchaus unrichtig bezeichnet werden, denn ein Volk, welches einen Moses, David, Saloiuon, Jesaias, Maimonides, Spinoza, Mendelsohn, Meierbeer, Halävy und wie sie alle heißen, deren Zahl!!ach Legionen geordnet werden könnte, hervorgebracht hat; ein Volk, dessen Gesetzbuch und Morallehre von der ganzen gebildeten Welt annektirt und adoptirt. wurde; Dichter, Weise und Propheten als Muster der alten Klassiker noch heute dastehen; ein solches Volk sollte gerade den Gesang, der das menschliche Herz zu den edelsten Empfindungen emporschwingen kann, der sowohl Freude und Schmerz hervorzuzaubern im Stande ist, so arg vernachlässigt haben, dass es nicht einmal einen religiösen Gesang gehabt hätte? — Das ist unglaublich und unwahr. — — — '. Nun frage ich, was ist die eigentliche Ursache, dass die Fach- .männer unseres Berufes, die Kapazitäten unseres Standes sich, so kühl und gleichmüthig dieser Frage gegenüber verhalten, da es der Stolz der Cantoren unseres. Jahrhunderts sein sollte, Klärung in dieselbe zu bringen. Ich bin fest überzeugt, es werden viele Collegen die Frage aufwerfen, wer ist. dieser Heller, oder wo ist dieses Mißlitz, in dessen Mauern ein so dreister, naseweiser Eantor thront, der es wagt, mit. solchem Freimuthe.und solcher Offenheit diese Fragen vorzulegen, und den Unmuth so vieler aus sich heraufzubeschwören? — Ich gestehe es selbst, dass ich viel wage »Jodati moch erkic. Ich kenne meine Wenigkeit, »Ltanom owu mimosni« ihr kleiner Finger