Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 15 (5.5.1887)
- Date
- 1887-05-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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— 5 — ״Unserem Volke aber mit seinem gesnnden nationalen Sinn werden sie es niemals, auf die Dauer wenigstens nicht, weiß machen können, dass aus ein und derselben Judenfamilie stammende Kinder etwas anderes als eben wieder Juden sein können (Heiterkeit), dass aus denselben j e m a l s etwas anderes als immer wieder Juden werden können, wenn sie auch vielleicht im Interesse ihres Fortkommens zumeist sich verschiedene Sprachen aneignen, wenn sie sich auch in dem einen Falle konfessionslos erklären, oder in einem anderen Falle sich taufen lassen. ״ Das ist klar und deutlich! Kinder, die aus einer Judenfamilie stammen, bleiben immer Juden, mögen sie auch getauft werden, so behauptet Herr v. Schönerer. Nicht die Religion, sondern die Race, das jüdische Blut ist es, das Herr v. Schönerer mit beispielloser Wuth verfolgt. Nun, das Alles trifft ja bei , seinen Kindern in vollstem Maße zu, denn sie stammen unleugbar aus jüdischem Blute. Die Mutter, die das Kind unter ihrem Herzen getragen, sie nährt -es mit ihrem Blute. Das Blut allein aber hasst Herr v. Schönerer. Wir bedauern seine armen Kinder. Wenn diese Bedauernswerthen -eine der giftgeschwollenen Reden, in welchen ihr Herr Papa gegen das jüdische Blut eifert, zufällig zu Gesichte bekämen, web wollte es diesen bemitteidenswerthen Kindern verargen, falls sie sich Hinreißen ließen, der eigenen Mutter ein ״Hepp, Hepp!" zuzurufen? Soweit kann nur der blindwüthigste Fanatismus gehen! Die ׳alten Griechen hatten kein Gesetz gegen den Vatermord, weil sie ein solches Verbrechen gegen die Natur für unmöglich hielten. Gewiss kennt aus demselben Grunde unsere moderne Gesetzgebung keine Ahndung der Naturwidrigkeit, die ein Vater begeht, der, unbekümmert seiner Kinder, das Blut ihrer eigenen Abstammung schmäht — darob .sei das Gesetz unserer Zeit gepriesen!" VI. Frau- Rachel Dessauer hatte sich zusehends erholt, denn sie wirtschaftete bereits fleißig in Küche und Zimmer und dispensirte ihre Tochter nach und nach von den häuslichen Arbeiten, die sieinVertretung ihrer leidenden Mutter zu verrichten hatte. Deborah widmete daher ihre Zeit mehr den verschiedenen Handarbeiten, mit denen sich junge Mädchen beschäftigen. Sie stickte und nähte eifrig, um das seit vielen Wochen Versäumte nachzuholen. Eben saß sie beim Femster, mit einer kleinen Stickerei beschäftigt, der Helle Sonnenschein fiel -durch dasselbe auf ihre Gestalt und bestrahlte ihre schönen Züge. Sie hatte den Blick auf die Straße gerichtet, als erwartete sie jewanden, und sprach zu ihrer Mutter, die gerade eintrat: ״Was für ׳ein schöner, Heller Wintertag ist heute, wenn es Dir der Arzt gestattete, würde ich gleich einen Spaziergang mit Dir machen, doch die Luft ist zu rauh, und dü könntest Dir leicht eine Erkältung zuziehen, wir müssen schon bis zum Frühling warten, liebes Mütterchen, dann wollen wir jeden Tag ein Stündchen im Freien sein, damit Du dich wieder kräftigest." Der Blick 8er Mutter ruhte voll Zärtlichkeit bei diesen Worten auf ihrer Tochter und sie antwortete: ״Du hast immer nur mein 'Wohl im Auge, mein Kind, und achtest aber nicht. auf meine Er- Mahnungen, selbst frische Luft 31t genießen und Dich hin und wieder unter Deinen Freundinnen, die ihre Jugend genießen, zu bewegen. Ich sehe voll Besorgnis Deinen Hang zur Einsamkeit und wünschte, dass Du wie die anderen Mädchen wärest und weniger ernst das Leben auffassest. Du bist noch so jung und solltest daher Vergnügen an den harmlosen Zerstreuungen Deiner Freundinnen finden." ״Ja, liebe Mutter, Du hast Recht und ich sollte gewiss an- -ders sein, als ich es bin, ich komme mir selbst oft sonderbar iumitten der fröhlichen Jugend vor. Doch die Atmosphäre, in welcher ich heranwuchs, war eine andere, der Ernst des Vaters, der mit *Eifer seinen Pflichten oblag und seine Mußestunden dem Studium Meine Chronik. Wie«. Wie die Behörde über die Abänderungen jüdischer Vornamen denkt, geht aus der folgenden Mittheilung des ״Wiener Diöcesanblattes" hervor: Dr. T. in W. richtete an die Statt- Halterei das Ansuchen um Rectificirung seines in der Geburtsmrtrike der israelitischen Cultusgemeinde in A. eingetragenen hebräischen Vornamens ״Samuel Läb" in den angeblich identischen deutschen Namen ״Leopold" und führte zur Begründung an, dass er seit seiner frühesten Kindheit überall stets mit dem Vornamen ״Leopold" genannt worden sei. In dem Ex ollo-Auszuge der Geburtsmatrik der Jsraelitengemeinde A erscheint der im Jahre 1836 geborene Gesuchsteller unter dem Namen ״Samuel Löb T." eingetragen. Die Statt- Halterei holte die Aeußerung des Landesrabbinates darüber ein, ob der jüdische Name ״Löb" mit dem deutschen Namen ״Leopold" identisch sei. Das Rabbinat sprach sich dahin aus, dass ״Samuel Löb" zwei verschiedene Namen und ״Löb" und ״Leopold" aN identisch anzusehen seien Die Statthalterei gab mit der Entscheiddüng vom 2. Oktober 1886, Z. 28.681, dem Gesuche keine Folge ״weil der in der Geburtsmatrik eingetragene Vorname ״Samuel Löb" zwei verschiedene Namen, nämlich Samuel und Löb find. Wenngleich der hebräische Name ״Löb" mit dem deutschen Namen ״Leopold" als identisch angesehen werden kann, so würde doch die Hinweglassung des Vornamens Samuel als eine Aenderung deL Vornamens des Gesuchstellers erscheinen, welche nach den bestehende» Vorschriften unzulässig ist. Es unterliegt jedoch keinem Anstande, dass T. neben dem Vornamen ״Samuel" auch den zweiten Name» ״Leopold" führe, und dass dies in der Geburtsmatrik mit Berufung auf diesen Erlass ersichtlich gemacht werde". In dem dagegen eingebrachten Ministerialrecurse suchte T. den Nachweis zu liefern, dast es keinem Anstande unterliegt, den hebräischen Vornamen ״Samuel Löb" als Einheit aufzufassen nnd mit dem deutschen ״Leopold" z» identificiren. Das k. k. Ministerium des Innern entschied hierüber am 29. November 1886 ad Nr. 20.621 nachstehend: ״Das Ministerium des Innern findet dem Recurse des Dr. T. keine Folge zn geben, da eine Aenderung des Vornamens überhaupt unzulässig, daher die Rectificirung der bezüglichen Geburtsmatrik unstatthaft isi, weshalb auch jener Theil der angefochtenen Statthalterei-Entscheidung, mit welchem dem Recurrenten die Ersichtlichmachung der Führung widmete, und der häusliche Sinn meiner Muter, die nur das Haus verließ, um für die Wirtschaft Besorgungen zu machen, oder einen conventionellen Besuch abzustatten, wirkten auf mein Gemütsleben ein und machte mich mehr nachdenkend als unbefangen. ״Doch heute erwarte ich Lieschen Bärwald, die mich zu einem Spaziergange abholen wollte, da sie mir so vieles zu erzählen habe Als ich ihr gestern bei Frau Süßkind, wo ich mich sehr gut unterhielt, da diese heitere Frau bei all' ihrer Neugier, die sie defriedigen will, ein gntmüthiges, leutseliges Wesen besitzt, begegnete, mußte ich ihr das Versprechen geben, wenn heute ein schöner Tag ist, mit ihr ein wenig zu promeniren, und sie bat so dr׳ngend, dass ich meine Einwilligung geben mußte, da sie noch dazu in ihrer guten Laune bemerkte, dass ich gewiss nur Sonnabend ausgehe. Sie muß ein sie beseligendes Geheimniß im Herzen tragen, das sie gern da anvertrauen möchte, wo es geborgen bleibt, denn ich sah Lieschen nie so glückstrahlend wie gestern " Und wieder wandte Deborah ihr Gesicht dem Fenster zu, um nach dem Mädchen auszuschauen. ״Ah, sie biegt eben um die Ecke und beschleunigt ihre Schritte, da sie mich erblickt", sagte Deborah aufstehend, ״doch ich erinnere mich dass Du während meiner Abwesenheit allein bleiben wirft, denn der liebe Vater, der sich durch unser zudringliches Bitten endlich bewegen ließ, dem Herrn Rabbiner einen Besuch zu machen, wird gewiss erst Abends nach dem Gottesdienste zurückkehren. Ach, wie eine Last fällt es mir wieder auf's Herz, wenn ich an den Vater denke, aber von seiner Unterhaltung mit unserem klugen Rabbi verspreche ich mir viel, Du wirft sehen, dass ich mich nicht täusche." ״Gott gebe es," sagte Rachel mit leisem Seufzer. ״Um mich sei nur unbesorgt, liebes Kind, unsere treue Hanna bleibt bei mir und wird unser Haus nicht verlassen. Ich höre Lischen schon auf der Treppe, kleide dich recht warm an und eile, denn der Nachmittag ist jetzt schnell vorüber." (Fortsetzung folgt-Z ׳ ו״חויו! *!raBam«»» —wi«mm