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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-05-05 · Heft 15 (5.5.1887) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 15 (5.5.1887)
Date
1887-05-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Diese in England zu Tage tretenden-Bestrebungen verdienen nicht nur die vollste Beherzigung aller unserer Glaubensgenossen, sondern sie enthalten auch einen, ernsten Mahn- und Weckruf an den Eantorenstand. Dort, wo über die Regulirung des liturgischen Gesanges verhandelt Aiird, müssen wir Cantoren in erster Reihe stehen und ein maßgebendes, wichtiges, geschichtlich und wissenschaftlich begründetes Votum abgeben. Wenn wir jedoch dies zu thun unterlassen, so wird diese Frage über unsere. Kopse hinweg abgeschlossen werden, und wir dürfen uns dann nicht wundern, wenn unserem Stande jede Existenzberechtigung abgesprochen und nicht jene Stellung im Syna- .gogen-Gottesdienste eingeräumt wird, die wir thatsächlich beanspruchen. Darum richten wir im Interesse unseres Standes, für den wir jederzeit einzütreten bereit sind, einen eindringlichen Appell an sämmtliche Collegen, die Hände nicht auch fernerhin in den Schoß zu legen und Anderen jene Aufgabe zu überlassen, deren Erfüllung uns zukömmt. Wer die Fähigkeiten besitzt, durch Wort und Schrift, in dieser Frage thätig zusein, dem erwächst auch die heilige Pflicht, Mit all seinem Können und Wissen hiefür 'einzutreten. Hiebei müssen wir gestehen, dass der Weg, den seinerzeit Herr Obercantor I. Singer in Wien zur einheitlichen Gestaltung des Synagogengesauges betreten, uns noch immer als der richtige und zum Ziele führende erscheint. Die geringen Differenzen, die sich bei der Aufftellung und Benennung der einzelnen Tonarten ergaben, können durch rein objective und sachliche Erörterung leicht beglichen werden. Auch die Zeit ist uns recht günstig, denn wir stehen hart vor dem Cäntorentage, und ein auf diesemeingeleiteter, persönlicher Ideenaustausch kann gewiss für die Lösung der schwebenden Frage nur die besten- Folgen haben. Freilich wäre auch die zahlreiche Betheiligung der Collegen des Auslandes an diesen.Berathungen in hohem Maße erwünscht. - Wenn der Cantorenstand auf diese Weise den Beweis erbracht hat, dass er für die allgemeinen Interessen des Judenthums mit demselben Eifer, wie für die eigenen, einzutreten bereit ist, dann wird es ihm gewiss auch nicht an Anerkennung und Würdigung von Seite der Allgemeinheit mangeln. -_ Aphorismen aus dem Gesangsleben. IV. Wer eine Kunst erlernen will, der wähle׳ gleich von Ansang an den besten Meister zum Lehrer. Es gießt keinen Verderblicheren (und doch allgemein verbreiteten) Wahn als den, zu meinen, dass für die ersten Anfangsgründe ein weniger׳ guter oder mittelmäßiger Lehrer ausreiche-zumal in der Kunst des Gesanges, wo es sich um das Wohl und Wehe der Stimme handelt, deren Entwickelung und — Vernichtung oft ganz allein von der Behandlung des Lehrers beim Beginn der Studien abhängt. Wehe den armen Kunstjüngern, die ihre Gesangsstudien unter der Leitung eines jener Aesthetiker beginnen, welche — weil sie von der Ausbildung des Stimminstrumentes durchaus nichts verstehen — von der ersten Stunde ab den Geist und die Seele im Gesänge zur Erscheinung gelangen lassen wollen! ״Was hilft uns — so lautet jener Herren Devise ׳— alle Technik des Gesanges, wenn das Gefühl, die dramatische Auffaffung und Wiedergabe fehlt?" — An der unbestreitbaren Wahrheit dieses Satzes hat wohl noch Mn Vernünftiger gezweiselt: Und stellt man nicht an den Maler, den Bildhauer und die übrigen Künstler gleiche Ansprüche? Freilich muß der Maler erst sehen, dann zeichnen lernen, sich hernach mit dem Gebrauche (und noch manchem Andern) durch jahrelanges Studium vertraut machen, ehe er ein Rafael oder Corregio werden kann. — Das Alles haben ober .unsere Sänger, nicht sothrg, die^ Stimme ist ihnen ja angeboren!? Der geistreiche L ehrer sängt seinen Unterricht da an, wo er füglich aufhören könnte. Er zieht seine Schüler auf die oberste Stufe, der Kunstleiter hinauf, ohne dass sie nöthig Hüttenrauch nur eine der unteren Sprossen zu betreten — nun der Erfolg eines derartigen Unternehmens kann nicht ansbleibeu. Der junge Sänger singt nach drei Wochen schon so dramatisch, dass Einem die Haare zu Berge stehen! Man sollte dabei füglich übersehen, dass die Stimme in eine beliebige Anzahl von Registern (die Lehrer sind damit neuerdings sehr freigebig!) zerrissen ist, die niemals vorhanden waren; man sollte die erbarmungswürdige Uugeschicklichkeit, mit der ein ckteiner Doppelschlag ausgeführt wird, dessen Töne alle Regenbogenfarben des a, e, i, 0, u durchlaufen, geduldig ertragen; man sollte es nicht gewahr werden, dass der arme Sänger in seinem Antlitze vor Dramatik beständig die Farbe' wechselt, dass er bei einer Tonleiter׳ allemal die unseligen sieben Stufen herabzu? purzeln scheint, die er durch die Kunst seines inasstro überspringen gelernt hat! Wozu sind denn auch alle solche Kunststückchen? Wozu aller der Firlefanz von Mundstellung, Athemeintheilung, Vocalisation, Technik? Höret und staunet! Wie geistreich, wie dramatisch! —■ ־ Es wird wohl in dieser unvollkommenen Welt nicht anders werden, als ׳ dass man mit dem Alpha'anfangen und mit dem Omega schließen muß, trotz alles Geistes und trotz aller Genialität! Und wie viele Buchstaben stehen noch zwischen diesem Änfang und Ende des Alphabetes! Was muß der arme Kuustjüuger nicht Alles lernen, ehe er dramatisch werden kann! Körperhaltung Mundstellung, die Kunst des Ein- und Ausathmens, Tonbildung, Intonation, Vocalisation, Articulation, Aussprache,. -Legato, Portamento, Betonung, messa di voee, Verbindung und Ausgleichung derbeiden Stimmregister, Kehlfertigkeit -— — und wie die schlimmen Sachen alle heißen mögen, die ein mehrjähriges Studium der Technik ebenso gebieterisch verlangen, als es "die meisterhafte Beherrschung jedes anderen׳ Instrumentes mit sich bringt!׳— Und warum wollte es auch der Künstler bequemer haben, als der Handwerter? Muß nicht der-Schneider und Schuhmacher seine gehörigen Lehrjahre durchmachen, ehe er zum Meister avancir'L? — Nun, die Gesangmeister, Sänger wie Lehrer, fallen auch nicht vom Himmel herab! Es ist der Charlatanerie eigen, gewisse, ganz natürliche Dinge zu Cap italfragen zu machen, so z. B. die Helle und dunkle Klangfarbe der Töne, Nüancen, .die bei einiger Achtsamkeit des Lehrers jedem Schüler zugänglich werden. Die umfangreichen Ab- Handlungen über den tiefen, mittleren und hohen Stand des Kehlkopfes, der eben zu einem oder andern dieser tinibres führe, haben für den Schüler gar keinen Werth. Ueberhaupt' muß die praktische Lehre das Hauptgewicht auf die Wirkung—nicht auf die Ursache — der Gesangserscheinungen legen. Wir lehren: Weil der Ton 'jetzt eine dunkle Klangfarbe hat — welche von Schülern sehr leicht durch des Lehrers Vorsingen erzielt wird — senkt sich der Kehlkopf und erweitert sich die Schluudhöhle; weil die Klangfarbe der Stimme jetzt eine ganz Helle ist, steht der Kehlköpf höher und Gaumensegel und Zunge nähern sich einander sehr, nicht umgekehrt: Stelle deinen Kehlkopf tiefer, damit du ein dunkles Timbre erzielest: rücke ihn.hoch, um in Heller Klangfarbe zu singen. — Der Charlatan verfährt beim Unterrichte umgekehrt; wir brauchen nur an jene unsterbliche Abhandlung vom epigastrischen Dreieck zu erinnern, in welcher gelehrt wird, dass uns die Bewegung des Zwerchfelles genau darüber Aufschluß gebe, ob der Sänger in Gefühlserregung singe oder nicht; woraus zu folgern, dass die Zwerchfellinspection zu den wesentlichen Vortheilm

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