Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 15 (5.5.1887)
- Date
- 1887-05-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Canloren - Zeitung. . Organ ^rümrmerationspreis Füe Birelnsmllgtteder. Ganzjährig fl. 5.— Halbjährig fl. 2.50 Wikrtrljährig fl. 1.25 Für Nicht« ItgUrde« Ganzjährig fl. 6.— Halbjährig ׳ fl. 3.— WirrtkljShrig fl. I.sü Für daS Au-land Ganzjährig fl. 7.— 12 Mark oder K Rubel. Dr Oe Interessen MOscher ^'sntoren «ml ^uttnsbeamten. Krscheinl jeden achten A a g, B e g runder: Obercantor Jacob Bauer. Uedaction und Administration Wien, II., Novaragasse Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retourmrt. Nr. 15. in!, 5. Mai 1887. 7. Jahrgang. Wien am 4. Mai 1887. Vor einiger Zeit wurde in diesen Blättern von hervorragender Seite die Anregung zur einheitlichen Gestaltung des Synagogengksanges gegeben, und es schien damals, als wäre dieselbe auf fruchtbaren Boden gefallend Herr Obercantor Josef Singer in Wien, von welchem diese Bestrebungen ansgiengcn, sah ein, dass es sich zunächst darum handle, die noch in der Ueberlieferung lebenden traditionellen Melodien in ein wissenschaftlich begründetes System zu bringen, oder vielmehr das Vorhandensein desselben in den Melodien iiächzuweisen, und dieser Einsicht entsprang jene Brochüre über ״Die Tonarten des traditionellen Synagogengesanges", welche — man möge sich zu den in derselben entwickelten Theorien wie immer stellen — durch ihr bloßes Erscheinen berechtigtes Aussehen erregte und geeignet schien, einen Markstein in der Entwicklung des traditionellen Synagogengesanges zu bilden. Eine lebhafte Discussion entspann sich bald über dieses hoch- ' wichtige und für das Cantorenthum geradezu eine Lebensfrage bitdende Thema, und mit großer Genugthuung nahmen wir wahr, dass die Hervorragendsten unseres Standes mit vielem Interesse an derselben Theil nahmen. Bald wurde aber diese Frage, wie es schon - bei mancher anderen der Fall war, gewaltsam auf das persönliche Gebiet hinübergezerrt, und hiemit war einer objectiven und fachgemäßen Erörterung der Todesstoß versetzt worden. Allmälig wurde es wieder stille, und die Idee, auf welche wir anfangs so große Hoffinnigen setzten, geriet, zum größten Bedauern Jener, die ihre Bedeulung erfasst hatten, in völlige Vergessenheit. Die einheitliche Gestaltung des Synagogengesanges blieb jedoch immerfort ein Gebot der practischen Nothwendigkeit, und wenn sie auch bei uns — wohl nur vorübergehend — in den Hintergrund trat, so war sie damit noch immer nicht, zu Grabe getragen und mußte in Folge der ihr innewohnenden Bedeutung anderwärts wieder zum Vorscheine gelangen. Dies ist auch wirklich vor Kurzem geschehen, und zwar in England, einem Lande, in. welchem unsere Glaubensgenossen viel mehr Verständnis und Empfindung für die Bedürfniße des Judenthums besitzen, und in welchem nicht nur die breiten Volksschichten, sondern auch die Großen und sozial hochgestellten Inden religiöses Interesse bekunden, und sich niemals scheuen, für dasselbe mit den! ganzen Gewichte ihrer Persönlichkeit einzu treten. Einen offenkundigen Beweis hiefür gibt folgende Nachricht, welche aus London gemeldet wird: ״Auf Anregung des Lord Rothschild hat hier eine Bewegung begonnen, um den liturgischen Gesang in den jüdischen Bet- Häusern zu ordnen. Drei Punkte sind es, die in den Vordergrund gestellt werden: 1׳. Die Synagogengesänge, welche in allen jüdischen Bethäusern dieselben sein sollen, müssen einfach sein; 2. sie dürfen nicht oft gewechselt werden; 3. die Gemeinde muß m i t s i n g e n können. — Montag, den 28. April, hat hier eine Dersammlnng zu diesem Zwecke stattgefunden, in welcher folgende Resolutionen gefasst wurden: 1. Es ist wünschenswerth, dass ein Handbuch veröffentlicht werde, welches eine Auswahl von Synagogengesängen für den Gemeindegesaug enthalten soll; 2. die Chasanim und die Chorleiter in der hauptstädtischen und in den Provinz-Synagogen mögen ersucht werden, ein Verzeichnis von Compositionen anzufertigen, die für dieses Handbuch am meisten sich eignen; 3. es werde ein Subcomitö für die gewünschte Auswahl gebildet; 4. mit der Veröffenttichung dieses Handbuches mögen zwei Männer, welche Musiker und Hebraisten sind, betraut werden. Diese Vorschläge sind sehr praktisch und werden hoffentlich auch auf die jüdischen Gemeinden des Continents im Interesse des Cultus einwirken. Es wäre doch endlich Zeit, dass die Gemeinden überall aus ihrer Passivität heraustreten und an dem Gesänge theilnehmen mochten. Auch ist es dringende Pflicht der jüdischen Cultusvorsteher auf dem Continente, dem Belieben der Cantoren, immer neue Compositionen aufzuführen, eine Schranke zu setzen. Die Hauptmelodien im öffentlichen Gottesdienste müssen stabil sein und dürfen nicht von der musikalischen Ueberproduction der Cantoren verdrängt werden. So wenig der Rabbiner immer neue Gebete für die Gemeinde einführen darf, so wenig darf es dem Cantor gestattet sein, die Hauptmelodien im öffentlichen Gottesdienste durch die Erzeugniße seiner eigenen künstlerischen Muse zu ersetzen. Jene Cultusvorstände, welche dies gestatten, stehen nicht auf der Höhe ihrer Pflicht. Man ist eben bei uns in England praktischer als. auf dem Continent."