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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-04-27 · Heft 14 (27.4.1887) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 14 (27.4.1887)
Date
1887-04-27
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— S — Wie groß die Unachtsamkeit und Nachlässigkeit vieler Eltern und Erzieher in Bezug aus die gehörige Ausbildung der Sprachorgane ihrer Kinder und Pflegebefohlenen sein muß, davon erhält Niemand zahlreichere und bündigere Beweise, als der Lehrer des Kunstgesanges. Man kann ohne Uebertreibung sagen, dass von zwanzig Schülern sich kaum zwei einer ganz fehlerlosen, leichten und gewandten Aussprache rühmen können l Hiermit ist nicht etwa die Behandlung der Sprache im Gesänge gemeint, noch sind etwa besondere Ansprüche an bedeutende Zungenfertigkeit und Volubiltät erhoben — Geschicklichkeiten, deren Erwerbung ja erst Pflicht und Aufgabe des Gesangunterrichtes sein wird, — nein, wir sprechen von den manigfachen Gebrechen der Articulation und Lautbildung in der gewöhnlichen Rede. Die Einen stocken beim 8, c, 2, mit der Zunge, lallen und lispeln, dass dem Hörer angst und bange wird; Andere können kein bestimmtes ä, t, I, geschweige gar ein Zungen-r Hilden; Diesem werden die Gaumenlaute, g, z; eh, k, Jenem die Consonanten mit Nasenresonanz: m, u, 11g, nk, sehr schwer; noch Anderen bietet die Aufeinanderfolge zweier gleicher Consonanten oder gewisser Consonantengruppen, z. B. sehr, vtr, ehz, 2c. ungemeine Schwierigkeiten-so dass der Lehrer allen solchen Gebrechen gegenüber manchmal zweifeln möchte, ob der Schüler in seine« Muttersprache redet! Und wie soll nun die Aussprache im Gesänge eine deutliche und schöne werden, wenn sie so unbestimmt, so schwerfällig, so verschwommen in der gewöhnlichen Rede lautet? — Die Ursachen aller dieser Uebelstände liegen aber darin, dass die Kinder in dieser Hinsicht nicht genügend beobachtet und geleitet werden. Sie gewöhnen sich daran, die verschiedenen Conson anten mit trägen unbestimmten Bewegungen der betreffenden Mundtheile auszuführen, so dass sie sich kaum von einander unterscheiden, oder zur Bildung gewisser Consonanten solche Mundtheile in Mitleidenschaft ziehen, die gar nichts dabei zu thun haben, oder dergleichen mehr. Auf alle derartigen Fehler, wie auch auf die rmreine, unklare und charakterlose Aussprache der verschiedenen Vocale, Umlaute und Diphtonge kann nicht frühzeitig und nicht sorgfältig genug geachtet werden. Diese Pflege und Obhut sollte recht eigentlich zu den Hauptpflichten eines Erziehers gezählt werden, denn eine reine, gewandte und edle Sprache ist der schönste Schmuck des gebildeten Menschen. Obschon es die erste Pflicht des Lehrers bleibt, seine ganze Aufmerksamkeit auf die angemessene Bildung und Gestaltung der Vocale und Diphtonge zu richten, ja selbst bei der Uebung in der Aussprache von Silben zunächst darauf zu halten, dass dem Vocale jederzeit soviel Notenwerth eingeraumt wird, als nur irgend möglich, so kann doch andererseits, sobald die nötige Sicherheit im Vocalisiren erreicht ist, die bestimmte und scharfe Articulation der Consonanteu und Consonantengruppen gar nicht genug geübt werden. Und zwar nicht blos deshalb, weil eine vollkommene Deutlichkeit der Aussprache nur auf diesein Wege zu erreichen ist, sondern noch weit mehr, weil die Bedeutsamkeit und malerische Wirkung so vieler Wörter und Wortbildungen ganz verloren gehen müßte, wenn der Werth der Consonanten unterschätzt würde. Wenn der Sänger in den Vocalen das geeignete Mittel und Feld stndet, Stimmreiz und. Tonschönheff zu entfalten, so verhilst ihm die präzise und bestimmte Articulation der Consonanten im dramatischen Gesänge oft zu den schönst« n und malerischsten Affecten. Sehr oft hängt die ganze Wirkung des Vorgetragenen wesentlich von der Schnellkraft und märkirten Wiedergäbe der Consonanten ab, Vereinsnachrichten. HerrMoriz Ritter v. Borkenau hat dem osterr.-ungarischcn Cantorenverein eine Spende von fünfzig Gulden ö. W. gewidmet. Dem hochherzigen Spender statten wir hiemit unseren tiefgefühlten Dank ab. In der letzten Vorstandssitzung wurde in Anbetracht des Umstandes, dass die Schulferien Mitte Juli beginnen, die Abhaltung des Cantorentages für den 19. und 20. Juli a, c. festgesetzt. Die geehrten Herren Vereinsmitglieder, die an demselben theilnehmen wollen, werden ersucht, dies dem Vorstande sobald als möglich bekannt zu geben, damit derselbe in die Lage komme, den Besuchern rechtzeitig eventuelle Fahrbegünstigungen erwirken zu können, Anträge, deren Verhandlung am Cantorentage gewünscht wird, sind bis spätestens 1. Juli an den Vorstand einznsenden. Gäste sind willkommen. Aer Worstand des oslerr.-ungar. Cantorenvereines, Kründungs- und Aereinsöeiträge. M. Thaler, Oedenburg, fünfvierteljährigen Beitrag. S. Baß, Münchengrätz, vierteljährigen Beitrag. A. Klein, B. St. Benedek, vierteljährigen Beitrag. I. Singer, Wien, ganzjährigen Beitrug. L. Friedläuder, Silhos Bolhas, vierteljährigen Beitrag.. S. Schischa, Kirchberg, vierteljährigen Beitrag. W. Wodak, Mühlschüttl, vierteljährigen Beitrag. I. Bauer, Wien, vierteljährigen Beitrag. '׳ H. Bermann, B. Leipa, vierteljährigen Beitrag. S, Friedmann, Parabuty, dreivierteljährigen Beitrag. S. Popper, Eger, halbjährigen Beitrag. S. Salamon, halbjährigen Beitrag. L. Blum, Schlau, vierteljährigen Beitrag. I. .Friedmann, Wilhelmsburg, vierteljährigen Beitrag. A. Fischer, Wien, halbjährigen Beitrag. G. Löwenthal, Wollersdorf, vierteljährigen Beitrag. A Kifcher Calsier. Kleine Chronik. Austerlitz. Die Feiertage sind für das religiöse Leben ungemein wertvoll, denn sie erheben den gläubigen Menschen über die Gewohnheit des Alltagslebens; sie ziehen ihn mit unwiderstehlicher Kraft zu Gott empor. An diesen gottgeweihten Tagen, der höheren Andacht und Geistessammlung gewidmet, hält der Israelit gleichsam Rast in seinem werkthätigen Leben und mit begeistertem Herzen, mit hochbeschwingter Seele begrüßt er die schönen Tage, die ihn der Gottheit zuführen und wie glänzende, funkelnde Edelsteine ihm entgegenleuchten; wahrlich אלה מועדי ה אשר תקראו אותם מקראי קדש Unter allen festen des Jahres aber ist es keines, das auf das alltägliche Leben so intensiv, so einschmeichelnd wirkt, als das Passafest. Nicht die leiblichen Genüsse allein sind es, die uns diese Feiertage verschönern und veredeln und einen besondern, namentlich reformirenden häuslichen Ritus verlangen. Dieses Fest gilt als besonderer Zeitabschnitt, der den Frühling, diese schönste Jahreszeit, einleiten und uns die verflossene rauhe Jahreszeit vergessen lässt. כי הנח הסתו עבר הגשם חלף הלך לו Frühling, Frühling wird es, ruft das Passasest הנצוים נראו בארץ überall keimt und sprosst es — Blüten und Blumen bring ich Euch; .— wie einst unsere Väter von hartem, pharaonischen Druck, von der Geisel der knechtischen Sklaverei befreit wurden, so erlöse ich die Natur von -den Fesseln, in welche sie der eisige Winter gefangen hielt. Kommet, kommet in die Gotteshäuser, dort wollen - wir Israels Erhebung aus egyptischer Knechtschaft zugleich mit dem Auferstehungsfeste der aus ihrem starren Winterschlafe erwachten Natur feiern, und so folgten wir diesem gotterhebenden Ruse und eilten in die Gotteshäuser, wo uns das liebliche Fest mit seiner herrlichen Introduktion, dem Thaugebete, begrüßte. O, wie klingen diese uralten Sinaitöne mit ihren erschütternden Akkorden, ihrem hochaufjauchzenden Jubel tief in unsere Herzen! Ist es nicht, als ob wir das freundliche Murmeln der Frühlingsbäche hörten, die dem

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