Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 14 (27.4.1887)
- Date
- 1887-04-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Schon in der Vorversammlung der böhmischen Cantoren in Prag in! Mai 1882 und selbst am Cantorentage in Wien hat dieser vage Ausdruck ״Berufsunfähigkeit" zu großer Meinungsverschiedenheit und 51t heftigen Debatten Anlass gegeben. Dieser Ausdruck ist viel zu unklar gehalten. Wer ist berufsunfähig? Ist auch der mit kleinem Gehalte angestellte und mit wenig Stimme begabte Chasan laut § 10 mit 300 st. zu unterstützen, wenn er, wozu ihm nicht viel fehlt, ״berufsunsähig" und nach etwa einjähriger Mitgliederschaft die 300 st. nimmt und einen anderen Beruf wählt? Oder was geschieht dann, wenn jemand in der That eine Zeit lang berufsunfähig ist, dabei im Besitze seiner Anstellung ist und die 300 fl. nimmt; bald darauf aber bessert sich sein Zustand, so dass er wieder berufsfähig wird? Sollte es *da nicht präziser lauten: ״Bei Constatierung dauernder Berufsunfähigkeit, hervorgerufen durch ärztlich nachgewiesenes unheilbares Leiden?" Bei § 24 wäre es von Wichtigfeit hinzuzufügen, dass der Vorstand aus 12 Mitgliedern zu bestehen hätte, wovon 3 aus den in der Provinz domizilierenden Mitgliedern zu wählen sind und welche bei sehr wichtigen Vorstandssitzungen auf Vereinskosten persönlich den Berathungen beizuwohnen das Recht haben. Ich bin von mehreren Collegen theils mündlich theils durch Zuschriften ersucht worden, diesen wichtigen Punkt der Vereinsleitung ans Herz zu legen, da es für die Mitglieder in der Provinz von größten! Interesse ist, im Vorstande vertreten zu sein, denn wenn man schon gerne zugibt, dass der Verein seinen Sitz in Wien hat und dass der Vorstand jedenfalls aus einer beschlußfähigen Anzahl von Mitgliedern, welche in Wien und Umgebung wohnen, bestehen muß, so ist es immerhin auch nothwenig, dass!nindestens 3 Mitglieder aus der Provinz Sitz und Stimme im Vorstande haben, und zwar wären diese derart zu wählen, dass Ungarn, Böhmen, Mähren und Schlesien durch je 1 Vorstandsmitglied vertteten wären. Ich bin überzeugt, dass die jetzige löbliche Vereinsleitung diesen von vielen Collegen durch mich kundgegebenen Wunsch als vollkouunen berechtigt anerkennen und auch in den Statutenentwurf aufnehmeu wird. Endlich hätte ich noch zu § 28 zu erwähnen, dass nach jeder Vorstandsitzung ein authentisches, wortgetreues Protokoll in dem Vereinsölatte zu veröffentlichen sei, was bis jetzt nur äußerst selten geschieht. Ich hätte noch Manches anzuregen, doch machen ja diese Bemerkungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird sich ja, fo Gott will, am Cantorentage Gelegenheit bieten, ausführlich und gründlich darüber zu sprechen ,und zu berathen. Zum Schluffe sei es mir gestattet, den dringenden Wunsch auszusprechen, dass sich die!verteil Collegen alle an! Cantorentage einfinden inögen. Hoffen wir, dass sich der 2. Cantorentag nicht von seinen Vorgänger beschämen lasten wird. Es sind ja seitdem schon fünf volle Jahre verstrichen. Wahrlich ein hinreichend großer Zeitraum, der es den Mitgliedern als nothwendig und wünschenswerth erscheinen lasten sollte, dass sie sich nach so langer Zeit wieder persönlich begegnen, einen Gedankenaustausch pflegen und zum Wohle und Heile des Vereines ihre wichtigen Stimmen zur Geltung bringen sollten. Wie!nancher hat damals, als das Vereinskind geboren wurde, daran geziveifelt, dass es heranwächsen werde; gar viele glaubten, dass es n!it dem Todeskeim behaftet, im zartesten Alter noch einschlafen werde, und siehe da! Das Kind ist unter der zarten Pflege seiner Erzieher herangewachsen, es gedeiht und ist kräftig geworden. Der löbliche Vorstand wird gewiss alles aufbieten, um, so weit es in seiner Macht siehe, jedem Mitgliede die Reise zum Cantorentage zu erleichtern, wobei ich mir gleichzeitig erlaube, darauf aufmerksam zu machen, dass vor 1. August an eine Reise nicht zu denken ist, da viele Collegen, die auch L hrer sind, bis Ende Juli an die Schule gefesselt sind. Fragmente. Aus dem alten jüdischen Leben im Familienkreise, in! Gotteshause, im gemeinschaftlichen Verkehr. (UI. Artikel-Serie.) XXVII. Gin neuer Wan auf altem Grunde. Die Toleranz, Duldsamkeit und Friedensliebe, welche die Religion Israels seinen Bekenner!! vorschreibt, einprägt, um die Träger der erhabenen Gottesidee nach diesen Prinzipien zu erziehen und heranzubilden, haben wir bereits in den früher!! Artikeln besprochen, klargelegt und erwiesen, und wir wollen nur, wie bereits angemerkt, nachtragen, dass das Judenthum diesen göttlichen Lehren und Grundsätzen durch Jahrtausende und bis auf unsere Zeit stets treu geblieben, wie die Aussprüche des Synhedrions zu Paris unter Napoleon den I. dies so ausdrücklich dokumentiren. Es ist das nur ein neuer B ä u a u f a l t e in G r u n d e. Der große Kaiser der Franzosen hat sich durch seine Toleranz ein ewiges Denkmal nicht nur bei den Juden Frankreichs, sondern auch bei den Juden aller Länder und Zungen gesetzt. Mag er in mancher Beziehung als Eroberer sich den Tadel der Welt zugezogen haben, die Israeliten müffeu ihn ewig als ihren größten irdischen Wohtthäter jener Zeit verehren. Er hat ihre Menschenrechte in Frankreich und überall, so weit seine Waffen reichten, geltend zu machen gesucht, hat sie als Kinder des Reiches, als Bürger des Staates betrachtet, wodurch er ihnen Gefühl für eigene Menschenwürde und Liebe für das Vaterland einflößte. Dabei blieb Napoleon aber nicht stehen; er sah ein, dass es nun an der Zeit wäre, das Judenthum nicht durch einen Machtsprnch, sondern ans sich selbst zu reformiren und berief daher durch ein Dekret voin 30. Mai 1806 eine Versammlung gebildeter Juden nach Paris, welche zweckdienliche Vorschläge anzugeben und die vom Kaiser gegebenen übrigen Fragen zu beant- Worten hatte. Es wurden nun je nach der Anzahl der Inden in den Departements, aus den Nabbinen, Begüterten und anderen Gebildeten 110 Deputirte gewählt, und am 26. Juli, an einein Sabbathe, die Versammlung eröffnet. Diese erwählte den Abraham Furtado zum Präsidenten, Theodor Cerf Beer, Emil Vitta und Worins zu Beisitzern und zwei Portugiesen zu Sekretären. Nach einer feierlichen Anrede des kaiserlichen Eommiffärs Mole würden''der Versammlung-zwölf Fragen zur Beantwortung vorgelegt. Die großen Geschichtsschreiber, Jost und Grätz, welche diese wichtigen historischen Ereigniße wohl ausführlich!nittheilen, bringen die Fragen des Kaisers und die Ant- Worten der Notabel!! zerstreut, nur dem Sinne nach kurz zusammengefasst. Wir glauben den Lesern und Freunden dieser Blätter einen guten Dienst zu erweisen, wenn wir die zwölf Fragen der Reihe nach, folgen lassen und die Antworten zur besseren Uebersicht sogleich daruntersetzen. 1!) Dürfen die Juden mehrere Frauen heirathen? Antwort : Die Juden dürfen, dem-allgemeinen Gebrauche in Europa gemäß, nur eine Frau haben; denn obwohl Moses die