Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-04-19 · Heft 13 (19.4.1887) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 13 (19.4.1887)
Date
1887-04-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/1304829-3453087-3453100--2092-3456303
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Priester und Priestersegen in Asrael. Bon I. Baum, Cantor und Religionslehrer. Fortsetzung. Das Wort נביא ist wahrscheinlich egyptischen Ursprungs, da׳ «Z auch dem Abimelech, der ein aus Egypten stammendes Volk beherrschte, bekannt war. Profeten hießen in Egypten die Obersten ihrer Priester, Vertraute ihrer Gottheiten und Verkünder ihrer Wahrheiten, die Ausleger ihres Gesetzes, die.Redner und Wortführer des Volkes; daher kam es, dass Gott zu Moses spricht: . ״Dein Bruder Ahron wird dem Wortführer (נביאך) sein. Auch bei anderen alten Völkern waren die Priester auch Profeten, welche, mittelst der Orakelspräche die Zukunft vorhersagten. Waren etwa die Profeten des Baal (נביאי הבעל), gegen welche der Prüfet Eliahu so sehr eiferte, nicht Baalpriester? Oder kann der Prüfet Eliahu. der mit Aufopferung des eigenen Lebens von seinem Feuereifer für Gott auf dem Berge Karmel so glanzende Beweise gegeben und' den Namen Gottes geheiligt hat (Könige I. 18) nicht wie der eifrige Pinchas ein Priester genannt werden? Einen ähnlichen hat es sonst außer Juda Makabi nicht gegeben. Hieraus ersehen wir also, dass die Begriffe von כהן und נביא fast immer identtsch sind und dass man ohne priesterliche Geburt ebenso ein guter, wahrer, luüt&tger und gottgefälliger Priester Gottcs sein kann, wie Abraham und Eliahu, dass man aber trotz Priesterlicher Abstammung ein schlechter, unwürdiger und Gott missälliger Priester sein kann wie Chosni und Pinchas, die Söhne Elis. Nur besteht zwischen den beiden Begriffen der Unterschied, dass dem נביא als Priester auch die Profetie und Eigenschaften des כהן abgehen. Bezugnehmend׳ auf die gleiche Stelle in der Mischna lehrt der große, unsterbliche Philososoph R. Moses ben Maimon, auch רמב״ם genannt, in seinem ausgezeichneten Religionskodex. ,,Misehne־ Tora® oder ״Jad ha־C11asäka“ (Buch I. Tract. Talm, Tora Ab. 3) *"״בשלשה כתרים' נכתרו ישראל כתר תורה וכתר בהונה וכתר מלכות ובו d. h. ״Mtt drei Kronen ward Israel gekrönt, mit der Krone der Thora, des Priesterthums und des Herrscherthums." Schon aus dieser Reihenfolge ersehen wir, dass die Krone der Tora die wichtigste aller drei Kronen ist und die Aneignung von Thorakenntnißen eine größere Zierde ist und mehr Würde verleiht, als Priester- und Königswürde, da durch ein solches Wissen der Mensch nicht nur selbst seiner Vervollkommnung und seiner menschlichen Bestimmnng immer näher kommt, sondern auch andere zur Erreichung ihrer menschlichen Zielen zu leiten vermag. In diesem Sinne lehrt auch Maimonides an jener Stelle: "שמא ׳תאמרשאותם הכתרים גדולים ״ מכתר תורה ובwollte man etwa glauben, dass jene Kronen größer seien als die Krone der Thora?" הא למרת שכתר תורה גדול ״ משניהםvielmehr magst du daraus lernen, dass die Krone der Thora größer, (an Würde) ist, als jene beiden." In Consequenz dieser Lehre fahrt R. Maimon fort ,אמרו חכמים ממזר תלמיד חכם חשוב מכה׳ גדול עם הארץ d. h. ״ein weiser Thoragelehrter von niedrigster Abstammung ist vorzüglicher als ein Hohenpriester (von Geburt), der seiner Unwissenheit zufolge der niedrigen Volksklasse angehört. Denn cs heißt: •יקרה היא מפנינים מכהן גמל שנכנם לפני ולפנים Ist also schon der Thoragelehrte, d. h. der geistig und moralisch vervollkommnete, gottgeweihete, durch Lehre und Beispiel ausgezeichnete Mensch, niedrigster leiblicher Abkunft vorzüglicher als ein. amttrender Hohepriester im Tempel zu Jerusalem, um wie viel mehr verdient ein solcher thoragelehrter Mensch den Vorzug vor einem heutigen כחן von Geburt, der doch nicht ein כהן גדל ist, שנכנם לפני ולפנים, um den Priestersegen, in der Synagoge׳ ertheilen zu dürfen. Denn nur von einem solchen würdigen Diener Gottes, er sei Rabbiner oder Cantor*) oder beides, habe ich gesprochen. In diesem. Sinne sagt die Mischna (Ab. 6.) : ׳גדולה תורה יותר מן ד,כהנה, und meint auch Raba (Joma 20, 1) alle Männer von Entscheidüng in der rabbinischen Gelehrsamkeit seien vom Stamme Lewi. . In der Thatt finden wir an der leitenden Hand der Geschichte, dass das Lehramt mithin die eigentliche Priesterwürde in Israel den Zeitbedürfnißen entsprechend allmälich auf die Gesetzeslehrer (Rabbinen) überging. Die Priester vom Stamme blieben wohl noch eine Zeit die Handlanger und Gesetzesvollstrecker, traten aber nach Beschluss der Vorsehung bald. vom. Schauplatze ihrer ׳Thätigkeit ganz ab, nachdem Religion, Heiligthum und Gesetz durch die meisten mit wenigen Ausnahmen nur geschädigt wurden. Bei den heutigen synagogalen Einrichtungen und den Zeitbedürfnißen Rechnung tragend, ist das Amt, die Würde und Weihe des Lewitenstammes . auf Rabbiner und׳ Cantor übergangen, welche bei vollständiger moralischer und wissenschaftlicher Qualification ׳ als berufene Diener Gottes in Gemeinschaft den heiligen Dienst am Altäre des Herrn durch Lehre und Gesang zu vetreten haben. Dass, ihr Lebenswandel ein sittenreiner, mackelloser und musterhafter sein, der als ״heiliges Diadem" ihr Haupt zieren und sie für dieses hohe Amt würdig machen muß, versteht sich von selbst; dann aber vermag ihnen auch niemand das Recht zu versagen, den heutigen Cultus-Bedürfnißen entsprechend, abwechselnd oder gemeinschaftlich den! Priestersegen vorzutragen. Die Gleichstellung Aller ohne jede Berücksichtigung irgend eines angeborenen Rang-, Kasten- oder Zunstvorrechtes, unserer heiligen Religionsidee gemäß, anerkennt auch der große Talmudist Rabbi Mair auf die Stelle in Lew. 18, 5' bezugnehmend, .wo es heißt': ״Ihr sollt beobachten mein Gesetz Und meine Rechte, welche der Mensch üben soll, dass er durch sie lebe." Der ״Mensch" also heißt es, nicht aber. Kohanim, Lewiim, Jisraelim. (Sanhedr. 15, 59,׳ I.) Noch herrlicher und erhabener ist folgende Idee im Midrasch (Rabb. 4, 8). Daselbst wird auf die Frage, ״warum Gott die Gerechten liebe?" die Antwort ertheilt: ״Weil sie keiner .Genossenschaft, keiner Sippschaft angehören." Ein Ko hen, ein Lewi ist jemand seiner Abstammung nach, wie es heißt: Haus Ahrons, Haus Lewi, preiset den Herrn. (Ps. 135, 19, 20.) Niemand kann sagen, ich will ein Kohen, ein Lewi von Abstammung sein, wenn es der Vater nicht war. (Und war es. der Vater, welches Verdienst hat deswegen der Sohn, weil er es auch geworden ist?)' Wenn aber jemand sagt: ״Ich will ein gerechter Mann sein, so kann er es, wenn er auch ein Heide ist. , Deshalb heißt es: Ihr Gottesfürchtigen preiset den Herrn, nicht aber Haus der Gottesfürchtigen! - Und warum liebt Gott die Gerechten? .Weil sie aus innerem, freien Antriebe ihm ihre Liebe widmen!" — Ein כהן von Geburt hat demnach, falls ernicht durch Gelehrsamkeit .und gottgefälligen Lebenswandel ausgezeichnet . ist, heute in seiner Abstammung kein Verdienst und keinen Vorzug zu erblicken, vielmehr ist das, was auf diesem Gebiete vorgeschrieben und gethan -wird, wie bereits gesagt, nur ein Zeichen der Erinnerung jenes geschichtlichen Ruhmes des einstmaligen würdigen, wirksamen Priesterthums. Wer aber solche Pietätsausdrücke *) Meiner Ansicht und Auffassung gemäss, ist nur Derjenige fähig und würdig als Cantor oder שליה צבור (Gesandter der Gemeinde) zu aintiren. der nicht nur über die nvthlgen Stimmittel verfügt, sondern auch hinreichendes religiöses und profanes Wisse» und einen vo!lkomm.׳n moralischen Charactec auszuweiseu hat. Auch hierüber belehrt uns der'22"רמ lTc. Tefit A. 8) 1'אין ממנין שליח צבור אלא גדול שבצבור בחכמתו ובמעשיו ואם- היה זקן הרי זה משובח ביותר"- Die!e meimonid. Lehre kann gelegentlich ihu Cultusgemeinden gar nicht 'genug ans Her; gelegt werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.